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2014 abgestürzte Boeing : Neue Hoffnung auf der Suche nach Flug MH370

Verschollen: Kinder schreiben im Juni 2014 Botschaften für die vermissten Passagiere auf eine Wand am Internationalen Flughafen von Kuala Lumpur. Bild: AP

Fast acht Jahre nach dem Verschwinden des Fluges MH370 will ein Ingenieur anhand von Amateurfunksignalen die Absturzstelle des­ vermissten Flugzeugs gefunden haben. Nicht nur andere Hobbyermittler sind skeptisch.

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          Vor bald acht Jahren ist Flug MH370 verschwunden. Mehrere Staaten, Ermittlungsbehörden, Fachleute und Unternehmen haben schon vergeblich versucht, das größte Rätsel der Luftfahrtgeschichte zu lösen. Hunderte Bücher und Berichte wurden veröffentlicht, die teilweise krude Theorien über das Schicksal der Boeing 777 und seine 239 Insassen verbreiteten.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Nun glaubt ein Hobby-Ermittler mit Wohnsitz im Taunus bei Frankfurt, den Absturzort des Flugzeugs im südlichen Indischen Ozean so präzise angeben zu können wie niemand zuvor. Über seine ungewöhnliche Detektivarbeit haben schon die BBC, die „New York Post“ und viele andere berichtet. „Ich habe noch nie so viele Interviews gegeben“, sagt der frühere Ingenieur Richard Godfrey, der die deutsche und die britische Staatsbürgerschaft hat, der F.A.Z. per Videoanruf.

          Vor allem unter den Angehörigen der Passagiere wächst nun die Hoffnung, dass die Theorie zu einer neuen Suche führen könnte. Dabei beruhen Godfreys Berechnungen auf einer Methode, die noch nie zum Auffinden eines Flugzeugs geführt hat. Godfrey hat dafür schwache Funksignale ausgewertet, die von Amateurfunkern um die Welt gesendet, empfangen und frei zugänglich auf einer Website gespeichert werden. Das Verfahren dazu nennt sich Weak Signal Propagation Reporter (WSPR) und wird wie das englische Wort „whisper“ ausgesprochen: „flüstern“. Godfrey erklärt den Sinn dahinter so: „Die Funker schicken alle zwei Minuten Hunderte Testsignale um die Welt. Die machen das, weil sie wissen wollen, ob sie von Europa aus mit einem Kumpel in Australien eine Funkverbindung aufnehmen können oder von Amerika zu den Philippinen oder so.“

          Wertet Funksignale aus: Richard Godfrey ist sich sicher, das Rätsel um Flug MH370 lösen zu können.
          Wertet Funksignale aus: Richard Godfrey ist sich sicher, das Rätsel um Flug MH370 lösen zu können. : Bild: privat

          Im Bann des Rätsels

          Auf die Idee, die Daten für die Suche nach MH 370 nutzbar zu machen, hatte ein anderer Deutscher Godfrey gestoßen. Denn wenn ein Flugzeug vorbeifliegt, werden die Signale unterbrochen oder gestört. „Man kann anhand der ­Signalpegel und Frequenzveränderung sehen, wenn ein Signal möglicherweise von einem Flugzeug unterbrochen wurde“, sagt Godfrey. Da die WSPR-Datenbank auch Jahre in die Vergangenheit reicht, könnten diese Signale auch Erkenntnisse über die Flugroute der verschwundenen MH370 ermöglichen. Um die Methode zu testen, hat Godfrey seine Vorgehensweise aber auch mit anderen Flügen ausprobiert.

          Dem Ingenieur und seiner Methode schlägt trotzdem Skepsis entgegen. Auch von einigen Hobbyermittlern, die wie Godfrey seit Jahren Hinweisen auf die am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwundene Boeing nachgegangen waren. „Ich glaube nicht, dass die WSPR-Daten benutzt werden können, um MH 370 zu tracken“, sagt etwa der im amerikanischen Bundesstaat Virginia lebende Ingenieur und Unternehmer Victor Iannello. Er gehört wie Godfrey zu denen, die im Bann dieses Rätsels stehen. Doch Godfrey hat dafür auch eine persönliche Motivation. Er war einst knapp einer ähnlichen Katastrophe entgangen, als der Air-France-Flug 447 im Jahr 2009 über dem Atlantik abstürzte. Godfrey war kurzfristig auf einen anderen Flug umgebucht worden.

          „Schwieriger geht es nicht“

          Die zweijährige Suche nach dem Air-France-Wrack hatte der Deutschbrite deshalb genau verfolgt. Als MH 370 verschwand, sah er sofort Parallelen. Dass es nun Skepsis gegenüber seiner Arbeit gebe, hält er angesichts der Neuartigkeit seiner Methode für normal. Seinen Kritikern entgegnet er, dass sich jeder selbst von der Richtigkeit seiner Theorie überzeugen könne, da die Daten öffentlich zugänglich seien. Er will auch noch zwei weitere Berichte mit allen technischen Details seiner Untersuchung veröffentlichen. „Aber das Beste wäre natürlich, wenn man an dem Ort einmal suchen geht. Wenn wir das Wrack finden, dann ist das bewiesen“, sagt der 71 Jahre alte Godfrey. Zu diesem Zweck hat er auch die Koordinaten veröffentlicht: 33.177°S 95.300°E. Dieser Punkt liegt 1933 Kilometer westlich der australischen Stadt Perth im Ozean.

          Bild: dpa

          Angesichts der Topographie in diesen Gebieten dürfte eine erneute Suche nicht einfach werden. „Der Meeresboden in dieser Gegend ist ungefähr 4000 Meter tief“, sagt Godfrey. „Das ist gerade ein sehr unebener Flecken, zwischen zwei Vulkanen, die auf dem Meeresboden sitzen. Schwieriger geht es nicht.“ Mit der Beschaffenheit des Meeresbodens erklärt er unter anderem, weshalb das Wrack des Flugzeugs nicht schon bei der groß angelegten Suche gefunden worden war, bei der das Unternehmen Ocean Infinity 125.000 Quadratkilometer Meeresboden nach Spuren des Wracks ab­gesucht hatte. Die Kosten: mehr als 200 Millionen Dollar. Der von Godfrey ausgewiesene Absturzort liegt nun ebenfalls in diesem Gebiet.

          Sieben Jahre lang täglich acht Stunden

          Bestätigt fühlt sich Godfrey auch dadurch, dass sich sein Ergebnis mit Erkenntnissen deckt, die schon aus der Analyse von Satellitendaten, der verfügbaren Treibstoffmenge an Bord des Flugzeugs und durch Strömungsanalysen vorliegen. Doch seine Berechnungen bringen nach seinen Angaben auch noch mehr zutage. Denn die Funksignale kommen mit einem Intervall von zwei Minuten viel häufiger vor als die schon bekannten „Pings“, die das Bordsystem des verschwundenen Flugzeugs etwa jede Stunde an einen Satelliten gesendet hatte. „Die Zwei-Minuten-Daten erlauben es uns, dem eigentlichen Flugweg näher zu kommen“, sagt Godfrey. Sie zeigten etwa, dass MH 370 südlich der indonesischen Insel Sumatra 20 Minuten in einer Art Warteschleife zugebracht habe. Außerdem sei es auch für einige Zeit in Richtung eines Endpunktes geflogen, den der Pilot Zaharie Shah laut Auswertung seines Flugsimulators auch einmal privat ausprobiert haben soll.

          Godfrey sieht darin einen Hinweis, dass der Pilot die Boeing mit Absicht in den tiefen Indischen Ozean geflogen habe. „Das sind vielleicht keine Beweismittel, die vor Gericht ausreichen würden, aber es sind Indizien“, sagt er. Die Daten zeigten auch, dass das Flugzeug am Ende mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe gestürzt war. Auch für Godfrey wäre es wohl eine Erleichterung, wenn das Rätsel endlich gelöst würde. Er hat sieben Jahre lang täglich acht Stunden damit zugebracht. Das sei viel Zeit: „Aber irgendwann muss ich auch mal den Laptop zumachen und mich in einer Kneipe mit meinen Kumpels treffen.“

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