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Rettungsaktion im Grenzgebiet : Wie die vermisste Achtjährige gefunden wurde

Bayern, Waldmünchen: Ein Feuerwehrmann steht an einem Wanderweg auf der Suche nach dem vermissten Mädchen. Bild: dpa

Allein bei Kälte und Dunkelheit: Zwei Nächte hat ein acht Jahre altes Mädchen im tiefsten Wald verbracht. Dass sie überlebt, war unwahrscheinlich. Ihre Rettung „grenzt an ein Wunder“.

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          Man muss sich das genau vorstellen: Eisige Kälte, absolute Finsternis, Hunger, Durst, unheimliches Rascheln und Knacksen im Gehölz – und dann nur Angst und Verzweiflung, da es völlig ungewiss ist, ob man jemals gefunden wird. Zwei Nächte hat ein acht Jahre altes Mädchen auf sich allein gestellt im tiefsten Wald verbringen müssen, die über ihrer Kleidung offenbar nur eine dünne Regenjacke trug. Dass sie angesichts der Temperaturen lebend aufgefunden wurde, „grenzt an ein Wunder“, sagt Josef Weindl, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz am Mittwoch. Es muss für das Kind größten physischen und psychischen Stress bedeutet haben. Vor allem auch die Dunkelheit in der Nacht, wenn man „nicht die Hand vor Augen sehen kann“. Es sei kein Vollmond gewesen, der zumindest etwas Licht hätte spenden können und in dem unwegsamen, dicht bewachsenen Gebiet gebe es auch kaum Freiflächen. „Bei dem Gedanken, dort zwei Nächte und viele Stunden am Tag völlig allein zu verbringen, gruselt es einen schon als Erwachsener.“

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In einem Gebüsch in einem Waldstück auf tschechischer Seite hatte ein Förster am Dienstag schließlich gegen 13.30 Uhr das Mädchen gefunden. Das Kind habe „nicht auf sich aufmerksam“ gemacht, es war jedoch ansprechbar und äußerlich unverletzt, aber „völlig erschöpft“ und unterkühlt. Das Mädchen wurde in ein Krankenhaus in der tschechischen Grenzregion zu Bayern gebracht. „Es geht ihr den Umständen entsprechend gut“, sagt Weindl. Am Mittwochmittag konnte sie das Krankenhaus bereits wieder gesund verlassen.

          Die Kinder liefen voraus – und bogen dann ab

          Bei schönstem Sonnenschein war Julia am Sonntag mit ihren Eltern, dem sechs Jahre alten Bruder und ihrem neun Jahre alten Cousin von Waldmünchen aus zu einer Wanderung auf den Berg Cerchov gestartet. Die Familie stammt aus dem Großraum Berlin. Auf dem Rückweg gingen sie die sogenannte Panzerstraße entlang, die vom Berg wieder runterführte. Das sei ein breite, betonierte Straße, von der links und rechts Wanderwege abzweigen, sagt Weindl. Die Kinder liefen voraus und bogen auch auf einen dieser Wanderwege ein.

          Hier müssen sie sich offenbar getrennt und auch die Orientierung verloren haben, denn auf dem Wanderweg stieß ein Ehepaar, das mit dem Rad unterwegs war, auf die beiden Jungen. „Das Paar erkundigte sich, wo denn die Eltern seien. Die Jungen sagten, dass die Eltern hinterherkommen.“ Die Frau blieb dann bei den Jungen, der Mann ging den Eltern entgegen und führte sie zu den Kindern. Dort fiel dann sofort auf, dass Julia fehlte. Warum das Mädchen nicht dabei war, ob ein Streit oder ein Spiel der Grund war, steht nach Weindls Angaben noch nicht fest. Zunächst suchte man nach dem Mädchen, gegen 17.30 Uhr wurde dann die Polizei verständigt. Da wurde es schon langsam dunkel.

          Wettlauf gegen die Zeit

          Von da an wurde bis Dienstagnachmittag rund um die Uhr auf deutscher und tschechischer Seite intensiv nach dem Kind gesucht. Mehr als 1400 Kräfte vor allem von Polizei, Bergwacht, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk waren beteiligt, 115 Personen- und Flächensuchhunde waren im Einsatz, aus der Luft unterstützten Polizeihubschrauber und Drohnen die Suchaktionen. Die Retter, unter ihnen auch viele freiwillige Helfer, wussten, was auf dem Spiel steht: Die Zeit drängte, das Kind noch lebend zu finden.

          In der Befragung gab das Mädchen an, in den zwei Tagen mehrere Kilometer durch den Wald gelaufen zu sein. Nachts habe sie in einer Wiese in hohem Gras geschlafen und dabei auch Tiere wie Rehe, Füchse und ein Wildschwein gesehen, beschrieb ein Polizeisprecher am Mittwoch Julias Schilderungen. Aus Furcht habe sie nachts nicht auf sich aufmerksam gemacht. Gegessen und getrunken habe sie in dieser Zeit nichts.

          Die Bewegungen des Kindes könnten dazu geführt haben, dass die Suche zunächst erfolglos war. Weindl erklärt das so: Vielleicht haben die Suchtrupps gerade ein Waldstück durchkämmt und ziehen weiter. Das Kind könnte dann in genau dieses Stück gelaufen sein, von dem die Helfer angenommen hatten, das Kind sei nicht dort. Gerufen haben sie natürlich auch nach ihr – doch in dem dicht bewachsenen Gebiet hätten die Rufe nicht sehr weit dringen können.

          Anhaltspunkte dafür, dass eine fremde Person für das Verschwinden des Kindes verantwortlich ist, gibt es nach Weindls Angaben derzeit keine. Der Förster, der das Kind schließlich in einem Gebüsch eines unwegsamen Waldstücks in der Tschechischen Republik fand, etwa 3,5 Kilometer entfernt vom Gipfel des Cerchov, war Teil der Suchaktion. Auch auf tschechischer Seite sei „alles mobilisiert worden“, somit auch die örtlichen Revierförster. „Die kennen ihr Revier, die kennen jeden Stein. Das sind die besten Leute.“

          „Sie muss sehr geschickt gewesen sein“

          Das Gefühl, das Mädchen lebend gefunden zu haben, könne man gar nicht beschreiben, berichtete der Förster Martin Semecky am Mittwoch der dpa. „Auf einmal war die kleine Julia vor uns, sie saß etwa zehn Meter weit weg im hohen Gras“, so der Tscheche. Als er ihren Namen gesagt habe, habe das Kind nur mit dem Kopf genickt. Er habe gesagt: „Alles ist gut, super!“ Dann wickelte er sie in seine grüne Jacke, alarmierte die Einsatzzentrale. Semecky würdigte nun die Ausdauer des Mädchens in der Natur: „Um das zu schaffen, muss sie sehr geschickt gewesen sein.“

          Die Eltern des Kindes sind, als die erlösende Nachricht kam, sofort von Betreuungskräften der Polizei zu ihrer Tochter im Krankenhaus gebracht worden. Seit dem Verschwinden des Kindes hatte ein Kriseninterventionsteam der Polizei ihnen zur Seite gestanden. Wegen der erfolgreichen Suchaktion hob das Polizeipräsidium Oberpfalz abermals die „gewohnt vertrauensvolle, unbürokratische, länderübergreifende Zusammenarbeit mit den tschechischen Partnern“ hervor.

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