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Australiens verheerende Brände : Wer ist Schuld an der Feuerwalze?

Beim Atmen brennt die Lunge: Feuerwehrleute versuchen am Donnerstag eine Schule südlich von Sydney zu beschützen. Bild: EPA

Australien wird wie nie zuvor von Waldbränden heimgesucht. Das Inferno lässt Politiker stolpern, alte Wahrheiten schmelzen – und starke Zweifel an Australiens veralteter Klimapolitik aufkommen.

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          Ross Pelham macht Ernst. Seinen Freunden hat er eine besondere Einladung gemailt: „Linda und ich möchten euch bitten, am Samstag zu unserer Farm zu kommen. Wir wollen euch beibringen, wie man Buschfeuer bekämpft. Damit ihr uns helfen könnt.“ Normalerweise lädt das Paar in den Hügeln vor Canberra ein, wenn es ein Rind geschlachtet hat oder die Olivenernte erfolgreich war. Ihre Rinder aber mussten sie vor zwei Wochen töten lassen, weil es kein Futter und kein Wasser mehr gab – und wenn, dann nur zu astronomischen Preisen. Nun wollen sie wenigstens Haus und Hof vor den Flammen schützen. „Wir sind im Überlebensmodus angekommen“, sagt Pelham. Geld ist nicht das Problem; beide verdienen gut im Politikbetrieb der Hauptstadt, und ihre Farm betreiben sie, wie viele wohlhabende Australier, als Hobby. Das aber könnte in den nächsten Tagen brennen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Mit einer Durchschnittstemperatur von 41,9 Grad war der vergangene Mittwoch der heißeste Tag in der Geschichte Australiens. In weiten Teilen von New South Wales waren es am gestrigen Samstag 47 Grad. Mit 49,9 Grad setzte Nullarbor in Südaustralien den Weltrekord für den heißesten Tag im Dezember. Immer wieder rollen Stürme heran, die die Hitze vor sich her schieben und mehr als 120 Buschbrände anblasen. Über Städten hängen Rauchwolken, die Luft schmeckt wie am Lagerfeuer, macht Zunge und Kehle trocken. Dicker Rauchnebel legt sich über Straßen, Häuser und Wiesen, der Wind bläst so heiß wie in der Sahara. In Canberra brennt seit Tagen die Lunge beim Atmen. Seit September sind neun Menschen Opfer der Feuer geworden, mehr als 800 Häuser zerstört und Millionen Hektar Land verbrannt worden.

          Hilfe aus aller Welt trifft ein

          Der Wald brennt nun auch dort, wo die Hauptstädter ihr Wochenende am Strand verbringen, entlang der azurblauen Buchten zwischen Batemans Bay und Nowra sowie im Ring um die Metropole Sydney oder in Südaustralien um Adelaide. Die Ostküste wird im australischen Frühsommer von einer Feuerwalze getroffen, die das vertrocknete Gras, Gebüsch und die Bäume wie Zündhölzer explodieren lässt. Ein Inferno.

          Gladys Berejiklian, die Ministerpräsidentin des bevölkerungsreichsten Bundesstaates New South Wales, warnt vor einem heraufziehenden Horror-Sommer. Bis Mitte nächster Woche dauert die zweite Notstandsperiode zunächst an, die sie wegen der Brände über ihr Land verhängt hat. Am Samstag rief die Region „Greater Sydney“ die höchste Katastrophenstufe aus, zum zweiten Mal seit Menschengedenken. Mehr als zehntausend Helfer ringen allein in New South Wales mit den Flammen.

          Erste Feuerwehrleute aus Kanada und Amerika trafen ein, die den überlasteten Wehren in Australien, oft aus mutigen freiwilligen Frauen und Männern aus den Dörfern zusammengestellt, ein wenig Luft verschaffen sollen. Der erkrankte Casino-Mogul und Multimilliardär James Packer trat erstmals seit Monaten wieder an die Öffentlichkeit und versprach der Feuerwehr eine Spende von einer Million Australischer Dollar – deren offizielles Budget haben die Politiker in diesem Jahr um fünf Prozent auf 524 Millionen Australische Dollar (325,6 Millionen Euro) gekürzt.

          So taktvoll wie das Feuer selbst

          Der australische Ministerpräsident Scott Morrison urlaubte derweil in Hawaii. Im Hale Koa Hotel verbrachte er ein paar entspannte Tage „mit Jen und den Kindern“. Zu Hause starben am Freitag zwei Feuerwehrleute, junge Familienväter, andere liegen mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus. Unter Druck sagte Morrison, er komme zurück, sobald die „notwendigen Arrangements“ getroffen seien. Am gestrigen Samstagabend erreichte er Sydney. Wegen des Rauchnebels über dem Flughafen musste seine Maschine einige Extra-Runden drehen. Zuvor hatte Morrison noch kundgetan, einen Schlauch werde er sowieso nicht halten und in keiner Kommandozentrale sitzen. Dann entschuldigte er sich noch, falls seine Abwesenheit Australier verletzt haben sollte.

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