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Nach Unfall mit Touristenboot : Venedig und das Kreuz mit den Schiffen

Zwei Welten prallen aufeinander: Kreuzfahrtschiff in Venedig Bild: Matthias Luedecke

Der Kreuzfahrttourismus in Venedig boomt nach wie vor – und wächst immer weiter. Doch kurz nach dem Unfall der „MSC Opera“ stellt sich die Frage: Wie soll die Stadt künftig mit den riesigen Schiffen verfahren?

          Die „MSC Opera“, die am Sonntag im Giudecca-Kanal in Venedig eine Landungsanlage und ein Ausflugsschiff gerammt hatte, lag am Donnerstag noch am Unfallort vertäut. Gegen den Kapitän des Kreuzfahrtschiffs ermittelt die Staatsanwaltschaft von Venedig wegen des Verdachts der Missachtung von Sicherheitsregeln. Fachleute sollen den Unfallhergang rekonstruieren. Das wird dauern.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach Angaben des Kapitäns gab es einen technischen Defekt: Die Schubumkehr sei blockiert gewesen, das Schiff bei der Anfahrt auf die Hafenmauer schneller statt langsamer geworden. Die zwei Schlepper konnten den 275 Meter langen und 54 Meter hohen Ozeanriesen nicht bremsen. Zudem riss eines der Schleppseile.

          Die Kreuzfahrtgesellschaft MSC Cruises erstattet den Passagieren des havarierten Schiffs den vollen Reisepreis – denn ihre Reise über die Adria kann nicht wie geplant fortgesetzt werden. Wer möchte, kann aber bis zum geplanten Ablegen an diesem Freitag in Venedig an Bord bleiben und wird auch dort versorgt. Ausgeschifft werden die Passagiere wie ursprünglich geplant am Wochenende in Bari in Apulien.

          Kreuzfahrt-Geschäft boomt weiter

          In Venedig legte derweil am Mittwochnachmittag die „Vision of the Seas“ mit einer Kapazität von gut 2500 Passagieren an. Am Donnerstag folgten zwei weitere Schiffe, auch an diesem Freitag werden zwei Kreuzfahrtschiffe erwartet, eines davon gehört zu MSC Cruises.

          Das Kreuzfahrt-Geschäft in Venedig boomt weiter. Davon profitiert die Lagunenstadt enorm, auch wenn das angesichts des Entsetzens über die Beinahe-Katastrophe am Sonntag allenfalls hinter vorgehaltener Hand zugegeben wird: 1,56 Millionen Passagiere von Kreuzfahrtschiffen kamen im vergangenen Jahr in Venedig an, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt 502 Mal legten Kreuzfahrtschiffe 2018 in Venedig an. In diesem Jahr könnten es noch mehr werden. Zwar übernachten die Passagiere naturgemäß nicht in den Hotels der Stadt. Aber sie bezahlen für organisierte Touren durch die Stadt durchschnittlich 250 Euro. Das ist deutlich mehr als Besucher, die auf dem Landweg kommen. Insgesamt geben Kreuzfahrtpassagiere und Crews jährlich 155 Millionen Euro in Venedig aus – Tendenz steigend.

          Venedig verzeichnet nach Civitavecchia die zweitmeisten Kreuzfahrtpassagiere in Italien. Die wenig ansehnliche Hafenstadt nordwestlich von Rom belegt aber nur deshalb den Spitzenrang, weil dort die meisten Mittelmeer-Kreuzfahrten beginnen und enden. Für Kreuzfahrer in Italien ist und bleibt Venedig die wichtigste Destination. Es folgen, mit deutlichem Abstand bei den Besucherzahlen, Neapel, Genua und Savona. Der Kreuzfahrttourismus in Italien generiert einen Umsatz von 410 Millionen Euro jährlich und gibt rund 4000 Menschen Arbeit.

          Deshalb wird die Branche in Venedig nicht nur bleiben – sie wird weiter wachsen. Selbst die Katastrophe der „Costa Concordia“ im Januar 2012 verursachte nur eine Wachstumsdelle. Das Unglück des Schiffs mit etwa 3200 Passagieren an Bord wurde durch einen Manövrierfehler des Kapitäns verursacht: Die „Costa Concordia“ rammte vor der Insel Giglio einen Felsen, durch ein 50 Meter langes Leck im Rumpf drang Wasser ein, das Schiff bekam Schlagseite und lief schließlich auf Grund. 32 Menschen kamen ums Leben.

          Auf verlorenem Posten

          Der politische Streit über Nutzen und Kosten des Geschäfts mit den Kreuzfahrten für das gesamte Land und für die am stärksten frequentierten Städte verebbte nach dem Unglück. In den sieben Jahren seither haben fünf verschiedene Regierungen in Rom darüber debattiert, aber nichts geändert. Auch in Venedig kehrte das Wachstum bei den Passagier- und Schiffszahlen zurück. Die Bürgerinitiative „No Grandi Navi“ (Keine großen Schiffe) kämpft seit Jahren für eine Verbannung der Kreuzfahrtschiffe aus Venedig. Auch für Samstag hat das Komitee zum Protest gegen die Riesenschiffe aufgerufen. Die Stadt werde schon auf dem Landweg von Touristen überrannt, argumentiert man bei „No Grandi Navi“: Jeden Tag sind es rund 70.000 Besucher, im vergangenen Jahr waren es zusammen gut 25 Millionen.

          Doch die Initiative steht auf verlorenem Posten: Die wirtschaftlichen Interessen in der Stadt überwiegen gegenüber den Sorgen über die weitere Zerstörung des empfindlichen Ökosystems in der Lagune sowie der jahrhundertealten Gebäude entlang der Kanäle. Bürgermeister Luigi Brugnaro, einst selbst Geschäftsmann, sowie der konservative Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, wollen allenfalls eine Verlegung der Anlegestelle für die Riesenschiffe vom Giudecca-Kanal zum Industriehafen Marghera auf dem nahegelegenen Festland befürworten, aber keinen Bann. Zusammen mit dem mächtigen Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega werfen Brugnaro und Zaia Verkehrsminister Danilo Toninelli von der linkspopulistischen und umweltbewegten Fünf-Sterne-Partei vor, den seit 2017 vorliegenden Plan zur Vertiefung des Vittorio-Emmanuele-Frachtkanals zu torpedieren. Bei einer Anhörung im Parlament ging Toninelli seinerseits in die Offensive und verkündete das Ziel, Venedig solle zur „Welthauptstadt des Kreuzfahrttourismus“ werden. Doch wo die Riesenschiffe anlegen sollen, sagte er nicht.

          Selbst wenn es bald zu der überfälligen politischen Einigung auf die Marghera-Option zum Anlanden der Kreuzfahrtschiffe fernab der Sehenswürdigkeiten käme – die Arbeiten zur Vertiefung des Vittorio-Emmanuele-Kanals würden mindestens vier Jahre dauern. Bis dahin wird wohl alles beim Alten bleiben, wie in der Woche nach der Beinahe-Katastrophe mit der „MSC Opera“: In Sichtweite des Markusplatzes schieben sich turmhohe Klötze durch den engen Giudecca-Kanal bedrohlich nahe aneinander vorbei. Am 13. Juli werden gleichzeitig neun Kreuzfahrtschiffe in Venedig anlegen, dort vertäut sein oder von dort auslaufen – mehr als an jedem anderen Tag in der Hochsaison 2019.

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