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Nach Flutkatastrophe : Wie das Ahrtal mit den Unwetterwarnungen umgeht

Viel wurde durch die Flut im Juli 2021 zerstört. Die Bilder der Zerstörung, wie hier in Marienthal, sind dieser Tage bei vielen wieder präsent. Bild: AFP

Nicht einmal ein Jahr nach der Flutkatastrophe warnt der Deutsche Wetterdienst vor Unwettern im Ahrtal. Die Nervosität dort ist groß – auch wenn die Situation eine andere ist als 2021.

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          Mit den sommerlichen Temperaturen und den Unwettern kommen auch die Erinnerungen zurück. Plötzlich sind sie wieder ganz präsent, die Bilder vom Schrecken, der sich bei der Flut im Ahrtal im vergangenen Jahr ereignet hat: vom braunen Schlamm, von Menschen auf Dächern, von weg­gerissenen Existenzen. „Die Stimmung ist ganz seltsam. Das Tal zittert, ist nervös, zum Teil auch ängstlich“, antwortet Jörg Meyrer, Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler, auf die Frage, wie die Menschen knapp ein Jahr nach der Flut auf Unwetterwarnungen reagieren.

          Der Natur ausgeliefert

          David Lindenfeld
          Volontär.

          Der Deutsche Wetterdienst hatte für Freitag auch für die Gebiete im Ahrtal eine amtliche Warnung herausgegeben und vor einer „heftigen Unwetterlage“ mit „Sturm- und Orkanböen“ sowie „teils auch extrem heftigem Starkregen“ gewarnt.

          Die Erinnerungen an den Sommer 2021 lassen die Ahrtal-Bewohner wieder spüren, wie es ist, der Natur aus­geliefert zu sein. „Das ist schlimm für die Menschen“, sagt Meyrer. Sie gingen unterschiedlich mit der Situation um: „Für manche ist es kein Problem. Andere haben die Fluterlebnisse noch gar nicht verarbeiten können.“ Der Krisenmodus, in den die Bewohner des Ahrtals unfreiwillig hineingezogen wurden und in dem sie sich wegen des Wiederaufbaus ihrer Heimat noch lange befinden werden, ließ bisher wenig Raum für die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit dem Erlebten.

          Pfarrer Jörg Meyrer hört rund zwei Wochen nach der Flut am Ufer der Ahr einem Mann aus der Gemeinde zu.
          Pfarrer Jörg Meyrer hört rund zwei Wochen nach der Flut am Ufer der Ahr einem Mann aus der Gemeinde zu. : Bild: Michael Braunschädel

          „Geht es jetzt wieder los?“

          Bis alles geschafft ist, wird es noch lange dauern – auch wenn mancherorts schon erste kleine Erfolge beim Wiederaufbau vermeldet werden können. Der Ortsbürgermeister von Altenahr, Rüdiger Fuhrmann, rechnet damit, dass es weitere neun Jahre dauern wird, bis alles wieder so ist wie früher. Um Teile der Infrastruktur wieder herrichten zu können, sei viel Planungsarbeit notwendig. Das führe zum Teil zu Frustration, weil die Menschen das Gefühl hätten, dass wenig vorangehe.

          Schon am Montag seien durch ein Unwetter in vielen Straßen noch mal Häuser und Keller vollgelaufen, berichtet Pfarrer Meyrer – mancherorts weil sich das Wasser durch die noch nicht in Stand gesetzte Kanalisation gedrückt habe. Auch in den Pfarrsaal sei es gedrungen. „Manche fangen dann an zu weinen, andere sind wütend und fragen: Warum ist die Kanalisation noch nicht gemacht?“ Einige wurden bei ihren Arbeiten am Haus um Monate zurückgeworfen.

          Das alles geschah in einer Situation, in der es ohnehin „viele Aufreger­themen“ gebe, sagt Meyrer. Weil An­träge nicht bewilligt würden oder Handwerker ausgebucht seien: „Alle sind dünnhäutig geworden. Alles ist zäh und zermürbend.“ Dann folgten die nächsten Unwetterwarnungen für das Ende der Woche. Am Donnerstagabend hatten die Behörden Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Alle Schulen und Kitas in Trägerschaft des Kreises Ahrweiler blieben am Freitag geschlossen. Unterricht fand nicht statt. Pfarrer Meyrer und Bürger­meister Fuhrmann berichten von Sandsäcken, die vorbereitet wurden. „Das macht die Sorgen der Menschen natürlich größer“, sagt Meyrer. Kinder fragten: „Geht es jetzt wieder los?“

          Auch Fuhrmann spricht davon, dass der Umgang mit solchen Ereignissen nach der Flutkatastrophe gerade für Kinder schwierig sei. Der Bürgermeister ist allerdings darum bemüht, die Menschen zu beruhigen. „Die Flut war die Folge einer Schlechtwetterphase, die den ganzen Sommer über angehalten hat. Es war ein nasses Frühjahr. Und dann haben wir diesen Dauerregen von epischem Ausmaß bekommen.“

          Die Situation in diesem Jahr sei anders als im vergangenen Sommer. Warnungen vor den Unwettern erzeugten bei ihm deshalb keinen „Stress“, sagt er: „Gewitter gehören zum Sommer dazu.“ Dennoch hat der Bürgermeister Verständnis für die Nervosität der Menschen. Mit der Bewältigung des Traumas „werden wir noch lange zu tun haben“, sagt er. Meyrer befürchtet, dass solche Unwetter weitreichende Folgen haben könnten: Menschen, die im Ahrtal ihre Heimat wieder aufbauen wollten, könnten sich nun doch entschließen, wegzuziehen. Weil die Angst vor dem Regen zu groß ist.

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