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Tornado in Bützow : Die Ziegel flogen wie Geschosse

Feuerwehrleute sichern lose Dachziegel auf einem Wohnhaus in Bützow. Bild: dpa

Das Unwetter hat in Bützow eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Der Schaden beläuft sich auf mehr als zehn Millionen Euro – dabei war die Altstadt gerade erst für viele Millionen saniert worden.

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          Bis um 18.45 Uhr am Dienstag war im Städtchen Bützow in Mecklenburg der Stadtbrand von 1760 das schlimmste Ereignis. Das änderte sich am Dienstagabend binnen Minuten. Erst wälzten sich von Westen dicke Wolken heran. Dann kam Wind auf, der schnell zu einer Windhose wurde. Schließlich krachte es laut in der 7600-Einwohner-Stadt.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Tag danach beschreiben die Bützower noch sichtlich schockiert den Beginn des Unwetters, das ihre Stadt zerstören sollte. Schon prasselten die ersten Dachziegel nieder. Und es gab die ersten Verletzten. Einer von ihnen war Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos). Ihn trafen am Schreibtisch Glassplitter der Fensterscheibe und hereinfliegende Dachziegel, so dass die linke Hand verbunden werden musste. „Mein Auto ist auch hin. Es stand neben dem Rathaus, und die Ziegel haben es plattgedrückt, als hätte jemand mit einem gewaltigen Hammer darauf herumgeschlagen.“

          Der Bürgermeister musste zusehen, wie seine schöne Stadt in Trümmern versank: „Die Ziegel waren wie Geschosse unterwegs.“ Die Stiftskirche St. Maria, die sich so stolz über der Stadt erhebt, wurde so schwer getroffen, dass die eine Seite des Dachs praktisch keine Ziegel mehr trägt und die Wetterfahne auf dem Turm ganz verbogen ist. Auch das Rathaus ist schwer zerstört. Eigentlich blieb kein Haus der Innenstadt verschont. Getroffen wurden auch das Krankenhaus und das Seniorenheim, teilweise musste evakuiert werden. Abgedeckt wurde das Haus des Rostocker Landrats Sebastian Constien (SPD), der davon in seinem Güstrower Büro erfuhr. Autos wurden durch die Luft gewirbelt, Bäume reihenweise abgeknickt oder gleich mit den Wurzeln aus der Erde gezogen. Dachteile flogen durch die Luft, Verkehrsschilder bogen sich bis zum Boden. Fensterscheiben gingen zu Hunderten zu Bruch, ganze Straßenzüge entlang. Autos wurden unter Steinen und Bäumen begraben. Und es prasselten so viele Dachziegel auf die Straßen, dass diese danach völlig übersät davon waren. Gerüste stürzten ein, überall lagen Holz- und Metallteile verstreut herum.

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          Die Spur der Verwüstung ist zu erkennen

          Nicht nur die Innenstadt traf es. Die Spur der Windhose, in deren Kern der Wind mit mehr als 300 Kilometern in der Stunde gefegt haben soll, war an den zerstörten Dächern schon von weitem gut zu erkennen. Nicht betroffen war das berühmteste Gebäude der Stadt, die Justizvollzugsanstalt des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Nach nicht einmal einer Stunde war alles vorbei. Bis weit nach Mitternacht versuchte die Freiwillige Feuerwehr der Stadt, das Technische Hilfswerk und die Polizei, die Straßen wenigstens passierbar zu machen. Helfer von außerhalb hatten es schwer, weil zunächst einmal die Zufahrtsstraßen von umgefallenen Bäumen geräumt werden mussten. 30 Menschen wurden leicht verletzt, eine Frau so schwer, dass sie in das Klinikum Rostock gebracht werden musste. Noch am Dienstagabend hatte das Bildungsministerium angewiesen, die Schulen in Bützow am Mittwoch geschlossen zu halten. Eine Schule in der Innenstadt ist ebenfalls fast komplett abgedeckt.

          Am Mittwoch gehen die Arbeiten schon am frühen Morgen weiter. Etwa 150 Helfer sind im Einsatz. Die Bewohner sind mit Besen und Eimern unterwegs, um notdürftig aufzuräumen. Die Innenstadt bleib vollständig abgesperrt. Notunterkünfte werden in zwei Sporthallen eingerichtet. Während an einigen Gebäuden die Dachdecker lose Dachteile entfernen, fährt die Feuerwehr mit einer Hebebühne zu den besonders gefährlichen Stellen, um lose Dachziegel herunterzuziehen.

          Um Jahre zurückgeworfen

          Die Höfe der Häuser sind auch am Mittwochmittag noch nicht zu betreten. Dass es nicht mehr Opfer gab, ist für Bützow Glück im Unglück. Selbst ein Mann, der in seinem Auto durch die Luft gewirbelt worden war, blieb unverletzt. Schon am Mittwochvormittag lässt sich der Schweriner Innenstaatssekretär Thomas Lenz (CDU) die Schäden zeigen. Er verspricht Soforthilfe aus den Förderprogrammen und Aufbauhilfe für später. Und er kündigt an, sofort mit der Nordkirche zu sprechen. Denn der Schaden an St. Marien dürfte für die Kirche allein kaum zu beheben sein.

          Man schätzt, dass insgesamt Schäden von mehr als zehn Millionen Euro entstanden sind. „Die Schäden zu beheben wird Jahre dauern“, sagt Bürgermeister Grüschow. Das ist insofern tragisch für die Stadt, weil gerade die Sanierungsarbeiten abgeschlossen waren, die aus Bützow wieder ein Schmuckstück gemacht haben. Vielen Millionen Euro von der Europäischen Union und aus dem Land Mecklenburg-Vorpommern sind hierher geflossen. „Wir sind um Jahre zurückgeworfen“, sagt Staatssekretär Lenz. Ein Polizeisprecher in Rostock sagt sogar: „Jetzt gilt es, in Bützow erst mal wieder ein ziviles Leben aufzubauen.“

          Tief Zoran war am Dienstagnachmittag von West nach Ost gezogen. In Hamburg starb ein 26 Jahre alter Mann am Fischmarkt. Ein Vordach erschlug ihn. Seine schwangere Freundin wurde verletzt. Auch in Lübeck gab es große Schäden. Am Nordlandkai stürzte ein Hafenkran auf ein Containerschiff. Ein Polizeiauto wurde beschädigt. Der Keller des Holstentors lief voll. Strom- und Bahntrassen im Norden wurden von Bäumen getroffen. Ein Video zeigt, wie der „Rüssel“ der Windhose in der Nähe von Schwerin auf den Boden trifft. Größere Schäden freilich gab es dort nicht.

          Wo Zoran wütete

          Tief Zoran, das am Dienstagnachmittag von West nach Ost durch den Norden von Deutschland zog, versetzte nicht nur Mecklenburg in Angst und Schrecken. In Hamburg kam ein 26 Jahre alter Mann am Fischmarkt ums Leben. Ein Vordach erschlug ihn, seine schwangere Freundin wurde verletzt. Auch in Lübeck gab es große Schäden. Am Nordlandkai stürzte ein Hafenkran auf ein Containerschiff. Ein Polizeiauto wurde beschädigt. Der Keller des Holstentors lief voll. Strom- und Bahntrassen im Norden wurden von Bäumen getroffen. Ein Video zeigt, wie der Rüssel des Tornados in der Nähe von Schwerin auf den Boden trifft. Größere Schäden gab es dort nicht. (F.P.)

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