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Hundert Jahre nach dem Untergang : Die zwei Waisen von der „Titanic“

Lolo und Monmon: Erst das Foto ihrer geretteten Kinder klärte die Mutter Marcelle Navratil über das Schicksal ihrer Söhne auf. Bild: ddp

Ein Vater entführt seine beiden kleinen Söhne auf ein Schiff, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Das Schiff sinkt, nur die Kinder überleben. Erst über ein Foto in der Zeitung erfährt die Mutter von ihrem Schicksal.

          6 Min.

          Es ist zwei Uhr nachts am 15. April 1912. Das letzte Rettungsboot ist voll. Noch etwa 35 Minuten, dann wird die „Titanic“, die einen Eisberg gerammt hat und schon fast vollgelaufen ist, sinken. An Bord herrscht Panik. Michel Navratil, 31, wohlhabender Schneidermeister aus Nizza, nähert sich mit seinen beiden Söhnen der Stelle, wo das Faltboot D zu Wasser gelassen werden soll. Er reicht den fast vierjährigen Lolo und den gerade zweijährigen Monmon durch die Absperrkette der Mannschaft und bleibt zurück, dem Tode geweiht. „Ich erinnere mich sehr genau an die Nacht, in der die ,Titanic“ sank“, wird Lolo, der viele Jahre als Professor für Philosophie in Montpellier tätig war, 1991 an die „Titanic International Society“ schreiben: „Ich schlief in unserer Kabine, und mein Bruder auch; mein Vater weckte uns, er war in Begleitung eines Manns, den ich nicht kannte. Er nahm mich auf den Arm und trug mich auf die Brücke der ,Titanic’, und sein Begleiter trug meinen Bruder. Dann setzten uns die beiden Männer in ein Rettungsboot, das schon fast voll war. Mein Vater trug mir auf, meiner Mutter auszurichten, wie sehr er sie liebte, dann musste er sich von uns trennen. Ich wusste nicht, dass ich ihn nicht wiedersehen würde. Woran ich mich weiter erinnere, ist, dass das Boot zu Wasser gelassen wurde, mit einem lauten Geräusch aufprallte und sich dann von der ,Titanic’ entfernte. Dann schlief ich ein. Als ich wieder aufwachte, was das Meer ruhig und ein großes Schiff näherte sich uns - die ,Carpathia’. Ich wurde in einen Sack gesteckt und am Rumpf des Schiffs entlang nach oben gezogen.“

          Nach „Titanic“ im Kino zitterte er

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wenn Michel zwei Minuten früher auf die Brücke gekommen wäre, hätte er wahrscheinlich überlebt, dann hätte man ihn mit seinen Kindern in das letzte Rettungsboot gelassen“, sagt seine Enkelin Elisabeth Navratil, 68, die ein Buch über den Untergang der „Titanic“ geschrieben hat (“Les enfants du Titanic. L’histoire vraie de deux rescapés“). Darin erzählt die Schriftstellerin und Opernkritikerin die Geschichte ihres Vaters Lolo, ihres Onkels Edmond, genannt „Monmon“, und ihres Großvaters Michel, und wenn sie so inmitten ihrer Biedermeiermöbel im elften Pariser Arrondissement sitzt, umgeben von Fotos und Briefen, dann erscheint der Untergang der „Titanic“ auf einmal nicht mehr wie ein fernes historisches Ereignis, sondern wie etwas, das gerade erst geschehen ist. Elisabeths Vater Lolo, der eigentlich auf den Namen Michel getauft war wie sein eigener Vater, starb erst vor elf Jahren. Er war damals einer der letzten männlichen Überlebenden des Unglücks.

          “Das erste Mal merkte ich, dass das etwas Besonderes war, als ich 16 war und wir in der Schule über die ,Titanic’ sprachen. Nach einigem Zögern hob ich den Finger und sagte, dass meine Familie auf dem Schiff gewesen sei. Niemand glaubte mir, mein Vater musste in die Schule kommen und es bestätigen“, erzählt Elisabeth Navratil in fließendem Deutsch. Deutschlehrerin war sie früher auch einmal. Gern sprach ihr Vater aber nicht über das, was er auf der „Titanic“ erlebt hatte, „in seinem Unterbewussten war ihm das wohl unerträglich, auch wenn er das nie so gesagt hat“, vermutet sie. Als sie ihn vier Jahre vor seinem Tod, da war er 88, ins Kino und zu James Camerons Film „Titanic“ begleitete, zitterte er danach eine halbe Stunde lang in ihren Armen.

          Er hatte nicht nur seinen Vater bei dem Untergang verloren. Wie sich nach der Katastrophe herausstellte, hatte Michel Navratil seine Söhne entführt. Lolos blutjunge Mutter, Marcelle, hatte eine Affäre mit dem besten Freund ihres Manns und Taufpaten von Lolo, dem wesentlich älteren Grafen Rey de Villarey. Für ihn trennte sie sich von ihrem Ehemann Michel, die Scheidung war eingereicht. Ein Richter übertrug das Sorgerecht für die Kinder vorübergehend an Marcelles Bruder, der wiederum die Betreuung der Kinder der Mutter überließ. Der Vater konnte seine Söhne nur sonntags sehen, ein unerträglicher Zustand für ihn. Kurzerhand lieh er sich von einem Freund einen Reisepass und buchte unter dem falschen Namen „Hoffmann“ eine Überfahrt auf der „Titanic“. Er wollte in Amerika ein neues Leben beginnen und Marcelle nie wiedersehen. So steht es in einem der Briefe, die man nach seinem Tod in seiner Jackentasche fand. Die Liebesgrüße, die er Lolo im Angesicht seines eigenen Todes mit auf den Weg gab, entsprangen einem Moment der Reue für das, was er Marcelle angetan hatte - da ist sich seine Enkelin Elisabeth sicher. „Es war so schwierig, das Buch zu schreiben - wie mein Großvater und Marcelle alles verdorben haben, wie sie aus einer schönen Ehe eine Tragödie gemacht haben, weil sie beide so extrem waren in ihren Gefühlen und einander nicht verstehen konnten.“

          „Sie war nicht sehr ehrlich mit sich“

          Weil die Kinder nicht wussten, wie sie mit Nachnamen hießen, und jeder auf der „Titanic“ sie als die Söhne des Herrn Hoffmann kannte, hießen die beiden nur „die Waisen von der ,Titanic’“. Ein Foto von ihnen ging um die Welt: Auf ihm sitzen sie in einem riesigen Ohrensessel, Monmon hat einen Spielzeugdampfer auf dem Schoß. Nach ihrer Rettung hatte eine wohlhabende Passagierin aus der ersten Klasse sie in Obhut in ihrer New Yorker Wohnung genommen. Innerhalb von 24 Stunden trafen mehr als 30 Adoptionsanfragen bei ihr ein, darunter, so heißt es, auch eine von Florette Guggenheim, der Witwe des beim Untergang ums Leben gekommenen Geschäftsmanns Benjamin Guggenheim.

          Lolos und Monmons Mutter Marcelle, die seit der Entführung keine Nachricht mehr von Mann und Kindern hatte, entdeckte das Foto in der französischen Zeitung „Le Figaro“ und meldete sich beim amerikanischen Konsulat. Gemeinsam mit anderen Angehörigen reiste sie auf der „Oceanic“, die als „Schiff der Witwen“ bezeichnet wurde, von Frankreich nach New York. Dort konnte sie schließlich, unter den gestrengen Augen der amerikanischen „Children’s Aid Society“, einer Art Kinderschutzbund, Lolo und Monmon in ihre Arme schließen. Von ihrem Liebhaber trennte sie sich. Marcelle hatte Gewissensbisse und machte ihn für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich: „Sie sagte, er habe sie ausgenutzt, sie sei noch ein Kind gewesen. Sie war nicht sehr ehrlich mit sich selbst, es war unerträglich, denn sie hat ihn verführt, das ist klar“, sagt Elisabeth Navratil, die ihre Großmutter Marcelle nur einmal in ihrem Leben gesehen hat. Warum, das möchte sie nicht sagen.

          Marcelle Navratil war die Mutter von Lolo und Monmon. Bilderstrecke
          Marcelle Navratil war die Mutter von Lolo und Monmon. :

          Die Dinge, über die sie in ihrem Buch schreibt, weiß sie von ihrem Vater, von ihrem Onkel Monmon, von Cousinen, Tanten und von ihrer älteren Schwester, die mehr Kontakt zu Marcelle hatte als sie selbst. Woran genau hat sich Lolo noch erinnert? „An die Eier, die im Speisesaal der zweiten Klasse auf einer großen Silberplatte serviert wurden“, sagt Tochter Elisabeth, „an den Moment, in dem Michel und ein Unbekannter ihn geweckt haben, an die Botschaft, die Michel ihm für seine Mutter mit auf den Weg gab, an das Eis, das neben den Rettungsbooten im Meer schwamm, an seine kalten Füße und das Wasser, das im Rettungsboot stand. Außerdem hat er nicht vergessen, dass man ihm, immer noch in dem Boot, Süßigkeiten zugesteckt hat und dass man ihn in einem Kartoffelsack hoch auf die ,Carpathia’ gezogen hat. Auf der ,Carpathia’ hat man ihn von Monmon getrennt, weil man nicht wusste, dass die beiden Brüder waren, und das hat ihn zum Weinen gebracht. Ebenfalls unvergesslich ist ihm das Silberbesteck und die Liebenswürdigkeit der Dame, die ihn und Monmon in New York aufgenommen hat, bis seine Mutter kam.“

          Warum Großvater nicht floh, bleibt weiter ein Rätsel

          Der Leichnam des Vaters konnte später geborgen werden, er starb an Unterkühlung und wurde wie viele andere Opfer im kanadischen Halifax beerdigt. Sein Sohn, der spätere Philosophieprofessor Michel Navratil, besuchte das Grab und reiste auch zum Wrack der „Titanic“, das 1985 in 3800 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund gefunden wurde. Warum sein Vater sich nicht retten konnte, obgleich er und seine Söhne Reisende der zweiten Klasse waren und damit leicht schon zu Beginn der Evakuierung in eines der Rettungsboote hätten steigen können, bleibt eines der Rätsel, das auch Elisabeth Navratil nicht lösen konnte. „Ich vermute, dass er, als die Kinder schliefen, Freunde in der dritten Klasse besucht hat und dort eingeschlossen war und dass er erst im letzten Moment, als die Türen der dritten Klasse zum Oberdeck geöffnet wurden, wieder herauskam und die Kinder wecken konnte.“

          In der Tat ist dies die einzige sinnvolle Erklärung für sein spätes Eintreffen auf dem Oberdeck, denn im Gegensatz zu den Passagieren der dritten Klasse hatten die Passagiere der ersten und der zweiten Klasse von Anfang an Zugang zu den Rettungsbooten. Deren Beladung hätte allerdings einem System folgen sollen, bei dem auch Passagiere der dritten Klasse noch hätten zusteigen können: Die Boote sollten von der erste Klasse langsam hinuntergelassen werden und auf dem Weg nach unten Passagiere der zweiten und dritten Klasse aufnehmen. Weil aber der Kapitän es versäumt hatte, dieses Manöver mit der Mannschaft zu üben, hielten die Rettungsboote weder in der zweiten noch in der dritten Klasse, sondern wurden halbleer zu Wasser gelassen. Die Passagiere der dritten Klasse waren zudem auf den unteren Decks zunächst eingeschlossen - entweder aus Versehen oder weil man dachte, dass die Menschen unten in die Rettungsboote zusteigen könnten. Die Folge: Prozentual wurden viel mehr Passagiere aus der ersten als aus der dritten Klasse gerettet.

          Elisabeth Navratils Enkel sind inzwischen selbst fünf und sieben Jahre alt - etwas älter also, als ihr Vater im Jahr 1912 war. Manchmal überlegt sie sich, was er damals empfunden haben mag, wie er die Dinge wahrnahm und was er alles gesehen haben muss, an das er sich nicht erinnern konnte: auf dem Wasser treibende Leichen, Schreie der Ertrinkenden. Ganz sicher ist sie sich, dass der Untergang der „Titanic“ ihn bis zum Tag seines Todes im Alter von 92 Jahren begleitet hat. Michel „Lolo“ Navratil selbst hat später einmal erklärt, warum für ihn schon mit 17 Jahren feststand, dass er Philosophieprofessor werden würde: „Ich wollte herausfinden, was mit dem Menschen nach seinem Tode geschieht: Wird er ausgelöscht? Oder lebt er weiter, in einer anderen Welt?“

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