https://www.faz.net/-gum-7phc7

Präsidentin Park löst Küstenwache auf : Tränenreiche Entschuldigung, aber kein Befreiungsschlag

Südkoreas Staatspräsidentin Park Geun Hye entschuldigt sich im Fernsehen. Bild: dpa

Als Reaktion auf den Untergang der Fähre „Sewol“ kündigt Südkoreas Präsidentin unter Tränen an, die Küstenwache aufzulösen. Abermals entschuldigt sich Park Geun-hye für die unzureichende Rettungsarbeit. Der erhoffte politische Befreiungsschlag bleibt aus.

          Die südkoreanische Regierung bleibt wegen der Schiffskatastrophe im April, als die Fähre „Sewol“ in den Gewässern im Süden des Landes kenterte und 300 Menschen in den Tod riss, unter wachsendem politischen Druck. Präsidentin Park Geun-hye versuchte am Montag in Seoul, der Kritik den Wind zu nehmen und kündigte die Auflösung der Küstenwache des ostasiatischen Landes an.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Außerdem entschuldigte sich sie sich in einer  im Fernsehen verlesenen Erklärung abermals für die unzureichenden, in der südkoreanischen Öffentlichkeit heftig kritisierten Rettungsmaßnahmen der Behörden nach der Havarie der „Sewol“ am 16. April. Die Rettungsarbeit der Küstenwache sei praktisch ein Fehlschlag gewesen, gestand Park ein. „Die oberste Verantwortung für den unangemessenen Umgang mit dem Unglück liegt bei mir“, sagte sie.

          Die Regierung Park war nach der Katastrophe stark unter Druck geraten. Insbesondere die Familien der Opfer kritisieren die Behörden, nicht  genug für die Rettung der Insassen getan zu haben. Bei dem Unglück vor der  Südwestküste des Landes kamen mindestens 286 Menschen ums Leben. Noch immer gelten 18 der ursprünglich 476 Insassen als vermisst. Die meisten von ihnen waren Schüler auf einem Ausflug. Von den 325 Jugendlichen haben lediglich 75  das Unglück überlebt. Auch deswegen reagiert die südkoreanische Öffentlichkeit  besonders emotional auf die Versäumnisse der Behörden bei der Rettungsaktion.

          Tränen und Kritik

          Park versucht mit der Kritik an der Küstenwache, die wachsende Kritik an der Regierung umzulenken. In ersten Stellungnahmen wiesen Angehörige der bei der Katastrophe ertrunkenen Schüler die Entscheidung der Präsidentin zurück, die sie am Vormittag unter Tränen im Fernsehen angekündigt hatte. „Ich werde die Gelegenheit nutzen, dass Südkorea wiedergeboren wird“, sagte Park. Unter den Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit sollen die Aufgaben der Küstenwache auf eine Sicherheitsbehörde übertragen werden. Auch schlug Park einen  Untersuchungsausschuss zu dem Unglück vor. Ein Vertreter der Angehörigen erklärte dazu während einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz, dass der angekündigte Umbau der Küstenwache die Suche nach den verbliebenen Vermissten  gefährden dürfte. „Ist die Regierung wirklich entschlossen, auch das letzte  Opfer zu bergen?“, fragten Angehörige. Park habe kein Wort dazu gesagt, wie konkret die letzten Opfer geborgen werden sollten, hieß es.

          Aus den Gewerkschaften wurde erneut Kritik an der Präsidentin laut. „Es ist  enttäuschend, dass sie nicht darauf hingewiesen hat, dass Deregulierung und  Privatisierung öffentlicher Dienste einer der Gründe dafür sind, dass die Fähre  gesunken ist“, erklärten sie am Montag in Seoul. Tatsächlich haben eine laxe  Aufsicht und Fehler der Reederei maßgeblich dazu beigetragen, dass es zu der  Katastrophe kommen konnte.

          Park gelang der erhoffte Befreiungsschlag mit ihrer Entschuldigung am Montag  nicht. Das verantwortungslose Verhalten der Schiffsbesatzung, die sich selbst  zuerst in Sicherheit brachte, sei nahe daran, ihnen Mord vorzuwerfen, sagte  Park erneut. Am 4. Juni finden in Südkorea Kommunalwahlen statt. Das Vertrauen  in Park und die Regierungspartei ist wegen der zahlreichen Pannen und  Vertuschungen über die Fährkatastrophe so stark erschüttert, dass Beobachter in  Seoul Parks Angriffe auf die Küstenwache als Ablenkungsmanöver bezeichneten, um  von der politischen Verantwortung für die Pannen bei der Bergungsaktion  abzulenken. Untersuchungen hatten vorher zutage gebracht, dass korrupte ufsichtsbehörden bei Missständen auf der Fähre in der Vergangenheit gerne ein  Auge zugedrückt haben.

          Park bemühte sich am Montag auch, ihrem Auftritt die notwendige emotionale  Wärme zu geben. Während er Fernsehansprache hatte sie Tränen in den Augen. In  der Vergangenheit war immer wieder kritisiert worden, dass Parks Kommentare zur  Schiffskatastrophe zu kalt und zu distanziert seien. Viele Südkoreaner nehmen  der Präsidentin das maschinenhafte Auftreten und die einstudiert wirkenden  Erklärungen in den ersten Tagen und Wochen nach dem Unglück übel.

          Genährt wurde  das durch immer mehr Pannen und Schlampereien, die von den Ermittlern nach dem  Untergang des Schiffs ans Licht gebracht wurden. All das nährt bei vielen Menschen in Südkorea eine ohnehin weit verbreitete Skepsis gegenüber der Verflechtung von Politik, Bürokratie und Wirtschaft, die unter der Oberfläche schon lange gärt. Die Zustimmungsraten für die Regierung Park sind nach dem  Unglück regelrecht eingebrochen - auch deswegen versucht Park alles, vor der  Kommunalwahl aus der Kritik zu kommen.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.