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Unfälle durch Lastwagen : „Die Lenkzeiten werden dauernd überschritten!“

Zwei Menschen sterben bei dem Lastwagenunfall in dieser Woche auf der A3 bei Limburg Bild: Reuters

Lastwagen waren in den vergangenen Tagen an mehreren tödlichen Unfällen beteiligt. Im Interview erklärt ein Fachmann, warum das leider keine Überraschung ist.

          Herr Altmutter, bei den schweren Verkehrsunfällen der vergangenen Tage mit mehreren Toten waren jedes Mal Lastwagen beteiligt. Offenbar waren sie in ein Stauende gekracht. Sie sind Leiter der Schwerverkehrkontrollgruppe bei der Verkehrspolizeiinspektion im bayerischen Traunstein. Wie kann es zu solchen folgenschweren Unfällen kommen?

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Oft sind die Fahrer übermüdet und schon viel zu lange unterwegs. Sie sind dann nicht mehr Herr ihrer Sinne. Bei unseren Kontrollen stellen wir fest, dass ein deutliches Überschreiten der Lenkzeiten an der Tagesordnung ist.

          Stehen die Fahrer unter zu großem Druck?

          Manche Fahrer kriegen großen Ärger von ihrem Arbeitgeber, den Speditionen, wenn sie zu spät kommen und ihre Zeiten nicht einhalten. Da kommt es dann zu gefährlichen Überholmanövern. Oder sie fahren zu lange oder viel zu schnell. So passieren die Unfälle. Doch die Fahrer sind nur das Ende der Kette. Ihnen wird oft zu viel aufgebürdet. Die Wurzel allen Übels ist, dass es in dem Gewerbe so abläuft, wie es abläuft.

          Wer muss das Bußgeld zahlen, die Spedition oder der Fahrer?

          Bei erhöhter Geschwindigkeit oder wenn der Abstand nicht eingehalten wird, der Fahrer. Bei Nichteinhaltung der Ruhezeiten die Spedition.

          Wäre es nicht eine Möglichkeit, wenn die Speditionen auch für die erhöhte Geschwindigkeit bezahlen müsste?

          Sicher. Doch dazu müsste man beweisen, dass es der Arbeitgeber war, der für das zu schnelle Fahren verantwortlich ist, das geht aber rein rechtlich nicht.

          Was würde die Spedition am meisten treffen?

          Wenn man die Weiterfahrt untersagt. Wenn die Fahrzeuge samt Ladung erst mal einfach stehenbleiben müssten, das schreckt am meisten.

          Sind es zumeist ausländische Fahrzeuge, die mit zu kurzen Ruhezeiten auffallen?

          Ja, das Gros der Fahrer, die bei den Lenk- und Ruhezeiten auffallen, kommt aus dem europäischen Ausland oder aus Drittstaaten.

          Nach einem Unfall auf der A5 am Montag sichern Rettungskräfte die Unfallstelle.

          Wie kann man die vorgeschriebenen Ruhezeiten kontrollieren?

          Innerhalb der EU sind elektrische Kontrollgeräte in den Lastwagen vorgeschrieben. Sie sind im Dachhimmel verbaut. Jeder Fahrer hat seine Fahrerkarte, die dort eingesteckt wird. Auf der Karte werden dann die Lenk- und Ruhezeiten gespeichert. Auch die Fahrgeschwindigkeit wird in dem Gerät aufgezeichnet. Wir können bei Kontrollen diese Daten dann mit unseren Laptops auslesen. Bei einem Unfall kann man auch feststellen, wie schnell der Fahrer zum Zeitpunkt des Unfalls fuhr.

          Kann man diese Geräte manipulieren?

          Leider ja. Am Anfang wurde noch mit Magneten getrickst. Die Geschwindigkeit wurde künstlich auf „0“ heruntergesetzt. Es wurde vorgegaukelt, das Fahrzeug hätte gestanden und der Fahrer geschlafen. Doch das konnte man noch entdecken, wenn in der Aufzeichnung zum Beispiel die Geschwindigkeit dann zu schnell von „Stehen“ auf 90 Kilometer in der Stunde sprang.

          Wird es inzwischen immer schwieriger, Manipulationen festzustellen?

          Ja, die Tricks werden immer raffinierter. Mittlerweile kann man schon realistische Beschleunigungen manipulieren.

          Welche Rolle spielen technische Mängel bei Unfällen mit Lastwagen?

          Technische Mängel sind eher nachrangig. Die wesentlichen Faktoren sind immer zu geringer Abstand und nicht angepasste Geschwindigkeit, also ein Fehlverhalten der Fahrer. So sind bei normaler Witterung 50 Meter Mindestabstand vorgeschrieben. Doch wir sehen fast täglich Fahrzeuge, die mit 90 Kilometern in der Stunde nur einen Abstand von unter zehn Metern halten. Die ziehen wir dann raus.

          Eine Rettungsgasse auf der A2. Das Bild deutscher Autobahnen ist häufig geprägt von den vielen Lastwagen.

          Wie reagieren die Fahrer?

          Die meisten sind einsichtig, zumindest uns gegenüber. Erst am Dienstag haben wir einen Fahrer angehalten, der in einer Kolonne von Lastwagen fuhr und kaum zehn Meter Abstand hielt. Schon als er die Tür öffnete sagte er: „Ich weiß, warum Sie mich anhalten.‘“

          Sind das Einzelfälle?

          Nein, täglich beobachten wir, dass die Fahrer zu nah auffahren. Da schaudert es einen, denn die Konsequenzen können sehr drastisch sein, wenn diese Fahrzeuge dann in ein Stauende krachen.

          Welche Rolle spielt die Ablenkung durch Handys?

          Auch das beobachten wir immer mehr. Es wird mit dem Handy gespielt oder Kaffee gekocht. Die Fahrer sind stundenlang unterwegs auf eintöniger Strecke. Dann lenken sie sich ab. Mit oft gravierenden Folgen.

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