https://www.faz.net/-gum-yefo

Umwelthistoriker Joachim Radkau : „Katastrophen geben den letzten Kick“

  • Aktualisiert am

Umwelthistoriker Joachim Radkau Bild: Gruppe 5

Warum sind so viele Deutsche gegen die Kernkraft? Wie fing das überhaupt an mit dem Öko-Bewusstsein? Wieviel Egoismus steckt im Umweltschutz? Der Historiker Joachim Radkau über Ursprünge und Tabus.

          Herr Professor Radkau, Sie haben gerade eine "Weltgeschichte" der Ökologie geschrieben. Was empfinden Sie, wenn Sie die Nachrichten aus Japan verfolgen?

          Ungläubiges Entsetzen, seit Tagen.

          Und die Genugtuung des langjährigen Kernkraftgegners, der gewarnt hat, Atomkraft sei im Krisenfall nicht beherrschbar?

          Dafür habe ich zu viele Freunde in Japan. Außerdem hatte ich das Thema abgehakt. In meinem Haus stehen Kisten mit Literatur über Kernenergie, die ich in den Keller bugsieren wollte.

          Wie hätten Sie die deutsche Anti-Atom-Bewegung noch vor zehn Tagen beschrieben?

          Ein Potential war da, das merkte man bei den Protesten gegen Laufzeitverlängerung und Castortransporte. Aber ich kam mir längst vor wie ein trotteliger Anti-AKW-Opa. Und jetzt ist plötzlich die gesamte Szenerie der siebziger, achtziger Jahre wieder da. Mich hat überrascht, in welchem Maße dieses Potential im Untergrund des deutschen Bewusstseins nach wie vor reaktivierbar ist.

          Plötzlich schaltet die Politik Kernkraftwerke ab. Braucht es zynischerweise Katastrophen wie die in Japan, damit so was passiert?

          Katastrophen sind nie Ausgangspunkt von Innovationen. Das ist ein falsches Bild der Technikgeschichte. Wer auf die Schnelle reagieren muss, kann nur auf vorhandene Instrumentarien zurückgreifen. Ereignisse geben manchmal den letzten Kick. Wenn sich etwas Neues schon in den Startlöchern befindet, kann es so in Gang kommen. Tschernobyl zum Beispiel hat in Deutschland zwar nicht den Ausstieg aus der Kerntechnik bewirkt, aber die Entwicklung alternativer Energien angeschoben - mit dem Effekt, dass die Bundesrepublik heute weltweit eine Spitzenposition einnimmt.

          Andere Länder reagieren gelassener; Amerika hat die Pläne zum Ausbau der Atomenergie sogar bekräftigt. Sind wir hysterisch?

          Da fragen Sie den Richtigen: Ich habe zur Erheiterung meiner Kollegen eine Geschichte der deutschen Nervosität veröffentlicht. Vor hundert Jahren, zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg, redete man viel über Neurasthenie. Die Pointe: Diese deutsche Nervosität, so es sie denn gab, war nicht nur Verrücktheit und Leiden, sondern auch eine kulturell schöpferische Kraft. Es gibt Zusammenhänge mit dem ersten großen Boom der Naturheilverfahren, des Naturschutzes und der Lebensreformbewegung.

          Ist Angst generell die Triebfeder des Umweltbewusstseins?

          Das würde ich bestreiten. Sorge wohl, panische Angst nicht. Die ökologische Revolution von 1970, der Urknall der Geschichte des Ökologismus, lässt sich nicht aus einer akuten Katastrophe erklären. Das zeigt der weltweite Überblick.

          Was war passiert?

          Fast alle Einzelelemente der neuen Umweltbewegung haben eine lange Vorgeschichte: Waldschutz, Wasserschutz, Landschaftsschutz, Reinhaltung der Luft. 1970 ist ein Jahr der großen Synthese, in dem das alles vernetzt wird, verbal jedenfalls, verbunden mit einem globalen Horizont. Lange Zeit war Naturschutz übelste Vereinsmeierei, eine Angelegenheit für Volksschulrektoren im Ruhestand - für Linksintellektuelle tabu. Das ändert sich 1970.

          Die größte Sorge galt dem Atom: einer Gefahr, die man nicht sehen kann, die nur als Risiko existiert. Hat es das vorher je gegeben?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.