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Nach Erdbeben in Italien : Aus der Verzweiflung wächst der Mut

„Viele halten dem psychischen Druck nicht stand“: Helfer suchen in Amatrice nach Überlebenden. Bild: Polaris/laif

In den vom Erdbeben betroffenen Bergdörfern wird weiter mit Hochdruck nach Überlebenden gesucht. Viele Bewohner haben die Region verlassen. Andere wollen in ihrer Heimat bleiben – und die völlig zerstörten Orte wieder aufbauen.

          7 Min.

          Langsam sinkt die Sonne und scheint nur noch flach in die bleichen Trümmerberge von Amatrice im Apennin. Auch in jenen Geröllberg hinein, der bis zum frühen Mittwochmorgen um 3.36 Uhr noch ein Haus gewesen war. Seit Stunden schon graben sich Helfer mit der Hand in das Innere vor. Mit Eimern tragen sie den Schutt davon. Plötzlich eilt einer der Helfer zum Baggerführer bei der zerstörten Kirche und bittet, einen Moment lang die Aufräumarbeiten zu unterbrechen: „Jetzt muss es völlig still sein. Wir hören nichts mehr.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Eine gute Stunde zuvor waren hier noch Handytöne vernehmbar gewesen; und eine Mutter hatte sich Hoffnungen gemacht, man werde ihren elf Jahre alten Sohn doch noch aus dem vom Erdbeben verschluckten Haus herausziehen. Ist jetzt nur die Batterie seines Mobiltelefons leer gelaufen?Die Beobachter der Szene halten wie so oft in diesen Stunden den Atem an.

          „Dieser Ort ist nicht mehr“

          Eine Psychologin läuft zu dem zerstörten Haus. Zwei Helfer der Malteser tragen eine Bahre hinterher. Dann kommt ein Hundeführer, und man kann sehen, wie er mit seinem Labrador in dem Geröllhaufen verschwindet. Kameras drängen sich, um aus der Ferne das Geschehen zu verfolgen.Lebt der Junge noch? Die Sonne sinkt weiter. Noch ein Hundeführer eilt hinzu. Aber dann dauert es nicht mehr lange, und die Hundeführer mit ihren Rettungshunden verlassen den Geröllhaufen. Mit gesenktem Kopf, gefasst aber sichtbar bestürzt und schweigend gehen sie an den Journalisten vorbei, ohne Worte ist klar: Dieser Junge ist auch tot.

          Als die Sonne am Donnerstag wieder aufgeht, wird er mit zu den mehr als 240 Opfern gezählt, die das Erdbeben in den drei mittelitalienischen Orten auf dem Apennin vergrub. Etwa vierhundert Verletzte sind aus den Orten Amatrice, Accumoli und Arquata del Tronto in Krankenhäuser gebracht worden. Im Sender Rai erklärt der Chef der Zivilschutzbehörde, Fabrizio Curcio, dass die zunächst am Morgen angegebene Zahl von 247 Todesopfern gewiss noch steigen werde. Bis zu vierzigtausend Menschen sollen sich in den schmucken Bergdörfern aufgehalten haben, in denen normalerweise nur wenige tausend Bürger leben. Aber in jedem Sommer und vor allem wie jetzt im August kommen vor allem italienische „Touristen“, die hier Verwandte besuchen. Dann rücken viele Familien zusammen; andere bringen Vettern und Cousinen in den Hotels unter.

          „Mehr als 24 Stunden darf es nicht dauern“: Retter kämpfen gegen die Zeit.

          Amatrice ist die Heimat der „Spaghetti all’amatriciana“ mit Speck, Tomaten, Pecorino und Chilischoten; Geburtsort war das „Hotel Roma“, wo diese Pasta 1897 erstmals aus der Pfanne geholt worden sein soll. Dieses Hotel gibt es nicht mehr: Ein Teil fiel ins Tal; ein anderer brach in sich zusammen. Und wie viele Gäste starben? Ein Mitglied der Eigentümerfamilie Bucci sagt im Radio: „Sicher sind es keine 70 Toten“, wie es bisher hieß; denn „viele entkamen“. Der einzige, der das aber genau sagen könne, sei der Sohn des Inhabers, und der liegt auf der Intensivstation. Am Abend, so berichtet jemand, habe der Architekt Marcello, der vor kurzem noch am Hotel gearbeitet und dort Ferien gemacht habe, unten im Tal wie von Sinnen die beiden Enkel seiner Lebensgefährtin im Geröll gesucht – vergeblich.

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