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Kapitän zur See außer Dienst : „Das U-Boot müsste jetzt dringend an die Oberfläche“

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Es gibt immer Szenarien, die kritisch werden können. Wir haben auf einem unserer Boote auch mal in Unterwasserfahrt ein Feuer gehabt, hatten Boote, die mit Überwasserfahrzeugen kollidiert sind oder eines, das in die Beine einer Bohrinsel geraten war. Für extreme Situationen werden die Besatzungen in der Tauchtechnischen Gefechtsausbildung  geschult, damit sie lernen, ruhig und sachlich damit umzugehen.

Gesetzt den Fall, die „ARA San Juan“ liegt manövrierunfähig auf Grund und die Besatzung lebt. Wie geht man mit dieser Situation um?

Sie können im Grunde nicht viel machen und nur die Besatzung ruhig halten, wenn sie alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Durch den abnehmenden Sauerstoff in der Luft werden die Menschen sowieso müder, ruhiger und nicht ängstlich. Ich gehe aber davon aus, dass die Besatzung bis zur letzten Minute versucht, eine technische Lösung zu finden, um auftauchen zu können. Die Besatzungsmitglieder, die nicht unbedingt gebraucht werden, lässt man in der Koje liegen, damit sie möglichst wenig Sauerstoff verbrauchen.

Welche Kommunikationsmöglichkeiten hat ein U-Boot auf dem Meeresgrund?

Es gibt ein Unterwassertelefon, das ist ein Sprechgerät, das mit Schallwellen arbeitet und mit dem man auch Signale absetzen kann. Es reicht aber nur maximal fünf Seemeilen weit. Ohne Strom funktioniert dieses Gerät leider auch nicht. Es gibt außerdem die Möglichkeit, über eine Art Mini-Torpedorohr eine Leuchtrakete, einen Bold, nach außen zu schießen.

Sonst gibt es keine Möglichkeit?

Nein, nur wenn man auftaucht oder auf Sehrohrtiefe geht, dann kann man die Antennenmasten und den Schnorchel ausfahren.

Was ist mit Klopfzeichen?

Die können Schiffe über Sonargeräte in der Nähe durchaus hören. Sie tragen relativ weit, aber es ist Glückssache, so etwas aufzufangen. Gerade in diesem Bereich des Südatlantiks gibt es viele Geräusche durch Fische, von Walfischen und Delphinen etwa; auch die Wellen erzeugen Geräusche.

Wie groß ist die Chance, das Boot noch zu finden?

Es zu finden ist sehr wahrscheinlich. Es gibt viele Möglichkeiten der Ortung, vor allem bei besserem Wetter. Die Chancen für die Besatzung werden aber von Stunde zu Stunde schlechter.

Zuletzt hieß es, ein amerikanisches Flugzeug hätte ein Objekt in 70 Metern Tiefe entdeckt. Leider hat das wohl nicht gestimmt. Aber sollte das U-Boot gefunden werden: Wie würde eine Rettung ablaufen?

Eine Möglichkeit ist, dass die Besatzung die Rettungsanzüge nutzt, die an Bord sind. Bei der Bundesmarine wird das in einer Tiefe von 30 Metern geübt. Die modernsten Anzüge ermöglichen es durchaus, in 60, 70 Metern Tiefe einzeln auszusteigen und an die Oberfläche zu gelangen. Dieser Anzug ist im weitesten Sinne druckfest, man steigt damit auf wie mit einer Rettungsweste. Zunächst wird das Boot geflutet, dann gehen die Leute durch das Turmluk nach oben. Der Aufstieg ist dann relativ schnell. Das macht man aber nur, wenn man weiß, das oben jemand wartet. Man bleibt in dem intakten U-Boot so lange wie möglich, in der Hoffnung, dass von außen Hilfe kommt. Eine weitere Möglichkeit ist, dass ein Rettungs-U-Boot am vorderen Ausstiegsluk andockt. Amerikanische U-Boote dieser Art können etwas sechs Leute an Bord nehmen, nach oben fahren und dann wieder runter kommen. Auch das Aussteigen mit einer herabgelassenen Taucherglocke wäre möglich.

Hannes Ewerth ist 80 Jahre alt, Kapitän zur See a.D und war Kommandeur der U-Boot-Flottille der Bundesmarine. Später arbeite er als Berater für U-Boot-Bauer. Auf einer Erprobungsfahrt in der Kieler Bucht ist er selbst auf dem argentinischen U-Boot ARA San Juan gefahren. Das U-Boot, 1983 von Thyssen fertigstellt, wird seit einer Woche vermisst.

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