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Tsunami in Indonesien : „Wir sahen, wie Hunderte Konzertbesucher unter der Welle verschwanden“

Bild der Zerstörung: Der Tsunami traf vor allem die Westküste Javas, wie hier die Stadt Carita. Bild: dpa

Der Vulkan Anak Krakatau löst eine Flutwelle aus, die Hunderte Menschen in den Tod reißt. Eine Warnung gab es nicht, da kein Erdbeben gemessen wurde.

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          Den Moment, in dem der Tsunami über den Strand von Tanjung Lesung hereinbricht, hat ein Unbekannter auf Video festgehalten. Die Aufnahme zeigt eine Bühne, vor der einige Gäste an Tischen sitzen. Sie hören offenbar nur beiläufig der Rockband zu, die sich mit jammernden Gitarren und wummernden Schlagzeugrhythmen vor ihnen auf der Bühne abmüht. Der Sänger ruft etwas ins Mikrofon und kehrt dem Publikum den Rücken zu. Er reckt mehrfach die Fäuste in die Höhe. Dann dreht er sich und läuft ein Stück die Bühne entlang, als diese plötzlich unter seinen Füßen nachgibt. Von hinten reißt die Flutwelle die Plane ab, die den Rückteil der Bühne bildete. Für einen kurzen Moment scheinen Schlagzeug, Verstärker und Bandmitglieder auf der Welle zu tanzen. Danach versinken sie im Nichts. Schreie sind aus dem Publikum zu hören. Dann ertönt nur noch heftiges Tosen und Brausen. Das Video wird schwarz.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Riefian Fajarsyah, der Sänger der Rockgruppe mit dem Namen Seventeen, veröffentlicht später ein eigenes Video auf Instagram. Unter Tränen berichtet er, dass der Bassist und ein Tourneemanager der Band ums Leben gekommen seien. Der Schlagzeuger, der Gitarrist und ein Roadie würden noch vermisst. Er bittet seine Fans, für seine ebenfalls vermisste Ehefrau zu beten. Die anderen Mitglieder seien zwar am Leben, hätten aber Knochenbrüche und andere Verletzungen erlitten.

          Wie einige Medien berichten, hat es an dem Abend möglicherweise auch noch ein zweites Konzert an der betroffenen Küste gegeben. „Wir sahen, wie Hunderte Konzertbesucher unter der Welle verschwanden“, erzählt ein Tourist mit dem Namen Nono der Agentur Antara. Er selbst sei zu dem Zeitpunkt in einer Moschee gewesen und habe sich mit seiner Familie gerade noch retten können. Unklar ist, ob es sich dabei um dieselbe Veranstaltung handelte.

          Für Indonesien ist der Tsunami die jüngste in einer ganzen Reihe von Katastrophen. Zuerst bebte die Erde mehrfach im Sommer auf der Ferieninsel Lombok, dann folgte das Sulawesi-Beben und der Tsunami im September, durch die Teile der Stadt Palu zerstört wurden. Im November stürzte ein Passagierflugzeug der Gesellschaft Lion Air ab. Darüber hinaus weckt dieses neue Unglück vor den Festtagen böse Erinnerungen an den verheerenden Tsunami am zweiten Weihnachtstag im Jahr 2004. Damals waren nach einem Erdbeben im Indischen Ozean mehr als 200.000 Menschen getötet worden. Allein in der Provinz Aceh im Norden Sumatras kamen etwa 70.000 Menschen ums Leben. Nun schlug eine neue Riesenwelle zu, bei der nach vorläufiger Zählung mindestens 222 Personen ihre Leben verloren und 843 verletzt wurden.

          Der Tsunami war ersten Analysen nach durch einen Ausbruch des Vulkans Anak Krakatau, der auf einer Insel zwischen Sumatra und Java liegt, am Samstagabend um 21.03 Uhr ausgelöst worden. Nach Angaben der indonesischen Behörde für Wetter, Klima und Geophysik könnte der Vulkanausbruch zu einem Erdrutsch im Meer geführt haben, der dann wiederum den Tsunami zur Folge hatte. Die genaue Ursache wird aber erst nach einer detaillierten Untersuchung feststehen. Die Zahl der Toten wird nach Behördenangaben noch weiter zunehmen. Der Tsunami hat mitten in der Urlaubssaison zugeschlagen. Betroffen sind die gegenüberliegenden Küsten der Inseln Sumatra und Java, die durch eine Meerenge, die Sundastraße, voneinander getrennt sind. Der Strand von Tanjung Lesung liegt im Bezirk Pandeglang in der Provinz Banten auf Java, vier Fahrstunden von der Hauptstadt Jakarta entfernt.

          Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Region Lampung auf Sumatra am stärksten betroffen. Der Tsunami folgte nach offiziellen Angaben etwa 24 Minuten auf den Vulkanausbruch. Laut der Behörde soll die Welle eine Höhe von bis zu drei Metern erreicht haben. Eine Tsunami-Warnung gab es nicht, da kein Erdbeben gemessen wurde, und die Behörde anfänglich von einer Springflut ausgegangen war. Diese Aussage wurde später aber revidiert. Aufnahmen von Rettungsdiensten und Journalisten an Ort und Stelle zeigen ein Bild der Zerstörung: Hotels, deren Erdgeschosse fast komplett verwüstet sind, Hütten, von denen nur noch Trümmerhaufen übrig sind, zerquetschte Autos, die auf den Dächern liegen, und Bäume, die wie Zahnstocher übereinander gefallen sind.

          Die Rettungsarbeiten waren am Sonntag schon voll im Gange. Hunderte Gebäude seien zerstört, sagte der Sprecher des indonesischen Katastrophenschutzes, Sutopo Purwo Nugroho. Er bestätigte auch, dass bisher keine Ausländer unter den Opfern seien. Die Behörden warnten außerdem, dass die Möglichkeit einer weiteren Flutwelle bestehe. Der Vulkan sei weiter aktiv. Anwohner wurden aufgerufen, sich von den Stränden in der gesamten Region fernzuhalten. Diese Warnung gilt zunächst bis zum 25. Dezember. Das ist kurz vor dem Jahrestag des Tsunamis des Jahres 2004.

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