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Kontenlöschung gefordert : Trauerfeier für Mädchen, das nach Tiktok-Mutprobe starb

Italiens Datenschützer fordern, Konten zu löschen. Bild: AP

In Palermo hängen die Fahnen auf halbmast. Die Stadt nimmt Abschied von einem Mädchen, dass nach einer Tiktok-Mutprobe starb. Italiens Datenschützer fordern harte Konsequenzen für das Unternehmen.

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          Am Dienstagvormittag fand in Palermo die Trauerfeier für Antonella Sicomero statt, in der Kirche Santissima Trinità della Magione im Herzen der Altstadt. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung – sofern dies die Hygiene- und Abstandsvorschriften in Zeiten der Pandemie eben zuließen. Das zehnjährige Mädchen hatte am Mittwochabend offenbar bei einer gefährlichen Mutprobe auf der Video-App Tiktok ihr Leben verloren. Die Autopsie vom Montag bestätigte, dass der Tod durch Ersticken nach einer Strangulierung mit einem Gürtel eingetreten war.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando hatte am Donnerstag mitgeteilt, er stehe „mit der gesamten Stadt unter Schock“. Orlando ordnete an, die Flaggen an öffentlichen Gebäuden am Freitag auf halbmast setzen. Er bat zudem alle Schulen der Stadt, der Antonella Sicomero mit einer Schweigeminute zu gedenken. Das Mädchen war von der Schwester und den Eltern leblos im Badezimmer mit einem Gürtel um den Hals aufgefunden worden. Den Gürtel hatte Antonella von ihrem Vater erbeten. Der äußerte sich nach dem tragischen Tod seiner Tochter in Interviews verzweifelt: Wie solle er jemals darüber hinwegkommen, dass er seiner Antonella arglos jenen Gürtel gegeben habe, mit dem sie kurz darauf ihr eigenes Leben auslöschte. Er berichtete in Gesprächen mit Rundfunk- und Fernsehsendern, seine Tochter habe die Welt von Tiktok, Youtube und Instagram geliebt, und er habe ihr vertraut: „Meine Tochter liebte es, zu tanzen und zu singen. Sie war auf der Suche nach Likes und Followern, und ich hätte nie gedacht, dass sie so ein Spiel mitmachen würde.“

          Das Mädchen hatte sich mit dem Gürtel stranguliert, um offenbar das von sich selbst aufgenommene Handyvideo der als „Hanging Challenge“ oder „Blackout Challenge“ bekannten Mutprobe auf Tiktok zu posten. Den Ermittlern ist es nach Medienberichten bisher nicht gelungen, das Handy des Mädchens zu entsperren, da Antonella offenbar vor der Aufnahme des „Challenge“ den Entsperrungscode für ihr Mobiltelefon geändert hatte.

          Kontenlöschung gefordert

          Der italienische Datenschutzbeauftragte Guido Scorza forderte Tiktok ultimativ dazu auf, bis zum 15. Februar alle Teilnehmerkonten bei der App zu löschen, bei welchen das Alter der Teilnehmer nicht eindeutig festgestellt werden könne. Scorza drohte Tiktok mögliche Geldbußen in Millionenhöhe an, sollte das Unternehmen die Forderungen nicht erfüllen. Tiktok zeigte sich zwar grundsätzlich kooperationsbereit, hat aber bisher offenbar noch nicht mit der Löschung von Konten in nennenswertem Umfang begonnen. Zur Möglichkeit, dass der Anstoß zu dem tödlichen Vorfall von einer anderen App hätte stammen können, sagte Datenschützer Scorza, gegen Tiktok sei bereits seit dem 20. Dezember ein anderes Verfahren wegen mangelnder Beachtung des Schutzes der Privatsphäre von Minderjährigen anhängig.

          Italiens Datenschützer fordern, dass Betreiber von Apps bei Teilnehmern unter 14 Jahren das Einverständnis der Eltern einholen müssen. Tiktok selbst schreibt ein Mindestalter von 13 Jahren vor. Ein Sprecher des Unternehmens teilte mit, Sicherheit habe für Tiktok „oberste Priorität“. Bisher habe man aber auf den Postings von Antonella und von anderen Teilnehmern aus ihrem Umfeld keine Aufforderungen zu den gefährlichen „Challenges“ gefunden. Die von einem chinesischen Unternehmen entwickelte App, bei der überwiegend tanzende und singende Teilnehmer Kurzvideos posten, ist unter Kindern und Jugendlichen sehr populär.

          Nach Medienberichten wird Tiktok in Italien monatlich von etwa zehn Millionen Teilnehmern verwendet, vor allem von den jüngsten Nutzern der sozialen Netzwerke. Experten warnen vor einer pauschalen Verurteilung von Plattformen wie Tiktok. Es obliege letztlich den Eltern und Erziehungsberechtigten, ihre Kinder beim verantwortlichen Umgang mit den sozialen Medien zu begleiten. Es gebe gute Gründe dafür, Kindern unter zwölf Jahren die Nutzung der sozialen Netzwerke über ihre Handys nicht alleine zu gestatten, sagte der Jugendpsychiater Stefano Vicari aus Rom.

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