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Mount Everest : Warteschlangen in der Todeszone

  • -Aktualisiert am

Andrang in fast 9000 Metern Höhe: Am 22. Mai entstand dieses Foto am Gipfel das Mount Everest, das seitdem für Diskussionen um das Geschäft mit dem gefährlichen Aufstieg sorgt. Bild: AP

Der Respekt vor dem höchsten Berg ist verloren gegangen – und auch der vor den eigenen Grenzen. Das stellt die Regierung in Nepal vor ein Dilemma.

          Das Bild war überall zu sehen: eine lange Schlange von Bergsteigern, aufgereiht wie eine Menschenkette, die sich auf dem Gipfelgrat des Mount Everest nach oben windet. Das Bild wirkte absurd, mit all den dick eingepackten, bunten Gestalten, die sich vor dem höchsten Punkt der Erde drängten wie vor einem ausverkauften Rockkonzert. Und das Bild machte fassungslos, weil es auf mehr als 8000 Meter Höhe aufgenommen wurde, in der Todeszone, in der Menschen unweigerlich körperlich abbauen, weil weniger Sauerstoff zur Verfügung steht – je länger sie dort sind, desto stärker.

          Elf Menschen verloren in den vergangenen Wochen am Mount Everest das Leben. Die meisten dieser Todesfälle hatten nicht direkt mit dem Stau zu tun, die Ursachen waren Erschöpfung, Unterkühlung, Entkräftung, Höhenkrankheit. Dennoch zeigte diese Frühjahrssaison eindringlich das Dilemma, das sich am höchsten Berg der Welt seit langem zuspitzt und inzwischen zur tödlichen Gefahr geworden ist: Es sind zu viele Bergsteiger mit zu wenig bergsteigerischem Können unterwegs.

          Das Märchen vom mühelosen Aufstieg

          Der 8848 Meter hohe Everest ist ein technisch relativ einfach zu besteigender Berg. Kein anderer Achttausender wurde so oft erstiegen, rund 6000 Menschen standen schon auf dem Gipfel. Die Route wird von Sherpa-Teams von unten bis oben mit Fixseilen gesichert, an denen die Kunden aufsteigen. Es gibt eine verblüffend gute Infrastruktur im Basislager, aus dem bei schlechtem Wetter schon mal Klienten per Hubschrauber ins Fünf-Sterne-Hotel und wieder zurück geflogen werden. Und natürlich gibt es künstlichen Sauerstoff, ohne den der Gipfel für die meisten unerreichbar bliebe. Vierzig Jahre nachdem Reinhold Messner und Peter Habeler den Everest 1978 erstmals ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hatten, verzeichnete die Himalayan Database, die maßgebliche Achttausender-Statistik, im vergangenen Jahr die Rekordzahl von 802 Gipfelerfolgen – und nur einen davon ohne künstlichen Sauerstoff. Geht der Sauerstoff unterwegs zur Neige, weil sich Auf- und Abstieg verzögern oder die Vorräte zu gering waren, wird die Situation dramatisch.

          Sosehr Expeditionsanbieter vollmundig Komfort und Sicherheit beschwören, sosehr Bilder in sozialen Medien und anderswo signalisieren, der Aufstieg sei gar nicht so schlimm: Auf dem Mount Everest stehen zu wollen ist immer noch ein hartes, an Grenzen führendes Unterfangen. Das Bewusstsein für die Gefahr aber scheint oft verlorengegangen zu sein. War der Everest früher ein Ort, der den meisten verschlossen blieb, ist er heute, dank moderner Hilfsmittel, vergleichsweise leicht zugänglich.

          Ich war dort – und habe überlebt, scheint dieses Tattoo der nepalischen Fotojournalistin Purnima Shrestha zu sagen. Auch sie bestieg in dieser Saison den Berg, der allein in dieser Saison bereits elf Menschen das Leben kostete.

          Das ist schön, einerseits – andererseits zieht das auch Bergsteiger an, die wenig Erfahrung und Eignung, aber viel Ehrgeiz und Selbstbewusstsein mitbringen. Für die der Everest ein Lebensziel von vielen ist, wie einmal Marathon zu laufen oder einen Fallschirmsprung zu machen. Eine Art Trophäe, die sie mit hohem finanziellen Einsatz zu erringen gedenken. Immer wieder gibt es Berichte über Bergsteiger, die im Basislager erst lernen müssen, wie man Steigeisen anlegt. Oder die schon auf 6000 Metern künstlichen Sauerstoff verwenden und weiter oben an schwierigen Stellen dann überfordert sind, sich nicht zu helfen wissen, zur Gefahr für andere werden. Nicht nur der Respekt vor dem Berg ist verlorengegangen – auch der Respekt vor den eigenen Grenzen.

          Regulierung stehen wirtschaftliche Interessen im Wege

          Gerade Billiganbieter unter den Expeditionsveranstaltern nehmen es mit der Vorerfahrung ihrer Kunden oft nicht so genau. Sie sparen bei der Ausrüstung, bei Zahl und Qualifikation der Bergführer. Und doch sind diese Anbieter gut im Geschäft, angesichts von Expeditionspreisen anderer Agenturen von 50.000 bis 100.000 Euro. Die Verlockung, einmal ganz oben zu stehen, überstrahlt alle Zweifel.

          Die einfachste Möglichkeit, weitere Chaos-Tage am Everest zu verhindern, ist eine Limitierung der Besteigungsgenehmigungen, wie sie China in diesem Frühjahr auf der Nordseite des Bergs praktiziert hat. Doch dieser Maßnahme stehen in Nepal, einem der ärmsten Länder Asiens, wirtschaftliche Interessen entgegen. Schließlich profitiert nicht nur die Regierung vom Massenandrang zahlungskräftiger Everest-Anwärter, sondern auch die Bevölkerung: Veranstalter, Agenturen, Ausrüster, Träger, Helfer.

          Trotz allem gab es auch in dieser Everest-Saison perfekte Gipfeltage. Ein Bild, das gerade ein amerikanischer Bergsteiger auf Instagram veröffentlichte, zeigte den Gipfelgrat einen Tag nach dem Stau-Foto: ein herrlicher Morgen, wenige Bergsteiger auf der Route, großartige Sicht, im Hintergrund der Lhotse-Gipfel, 8516 Meter hoch. Ein Bild, das auf einen Blick die Faszination des Höhenbergsteigens erklärt. Will die nepalesische Regierung erreichen, dass Tage wie diese nicht bald nostalgische Erinnerung sind, sollte sie jetzt handeln. Die ersten Reaktionen deuten freilich in eine andere Richtung. Aus dem Tourismusministerium hieß es bereits, an eine Limitierung der Genehmigungen sei nicht gedacht.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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