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Hagibis in Japan : Tote und Verletzte durch Taifun Nummer 19

Rettungskräfte in der Stadt Iwaki evakuieren am Sonntag Anwohner mit einem Schlauchboot. Bild: Reuters

Ein gewaltiger Wirbelsturm hat in Japan viele Menschen getötet und verletzt. Er zeigt aber, dass sich die Sicherheitsvorkehrungen im Laufe der Jahre stark verbessert haben.

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          Taifuikka, der Taifun ist weg, so beschreibt der japanische Volksmund das schöne Wetter, das üblicherweise nach einem Wirbelsturm herrscht. Auch am Sonntag war der Himmel über Tokio von einer seltenen Klarheit, die Sonne zeigte sich vor strahlendem Blau. Viele Menschen, die sich am Vortag in ihren Häusern und Wohnungen vor dem Sturm in Sicherheit gebracht hatten, genossen in Parks und beim Einkaufen den wärmenden Sonnenschein. Doch die gelassene Atmosphäre ließ die Folgen des gewaltigen Taifuns Nummer 19 nicht vergessen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Andernorts schien die Sonne auf ein Bild des Schreckens. Mindestens 33 Tote, mehr als ein Dutzend Vermisste und mehr als 150 Verletzte: das war die erste Bilanz des Taifuns, der in der Nacht auf Sonntag über die Hauptinsel Honshu gezogen war und dabei auch die Hauptstadt passiert hatte. Die größten Schäden richtete der Taifun, der auch Hagibis genannt wird, vom Philippinischen für „schnell“, nicht mit seinen Windböen an, sondern mit rekordstarken Regenfällen. Zehn größere Flüsse durchbrachen in den Regionen westlich und nördlich von Tokio ihre Dämme und überschwemmten Städte.

          In der Präfektur Nagano nordwestlich von Tokio setzte der Fluss Chikuma Wohngebiete unter Wasser. In Akanuma in Naganao stand ein Depot mit Shinkansen-Schnellzügen unter Wasser. Überschwemmungen wurden auch aus den Präfekturen nördlich von Tokio gemeldet. Fernsehbilder aus Fukushima und Miyagi zeigten Häuser, von denen nur noch die Dächer zu sehen waren. In Tokio trat der Fluss Tama über die Ufer und überschwemmte angrenzende Straßen. Mehr als 100000 Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und der Selbstverteidigungskräfte bemühten sich, in ihren Häusern Eingeschlossene auch mit Hubschraubern zu retten.

          In den betroffenen Präfekturen wurden Straßen unterspült. Mindestens eine Brücke stürzte ein und Autobahnen waren teils durch Landrutsche blockiert. Die Gefahr durch das Wasser war am Sonntag noch nicht vorbei, auch weil manche Präfekturen als Notmaßnahme Wasser aus Stauseen ablassen wollten. Damit drohten weitere Überschwemmungen an den unteren Flussläufen. In der Präfektur Chiba in Narita wurden noch am Sonntagabend neue Evakuierungsanweisungen erlassen, nachdem der Wasserstand in einem Fluss bedrohlich anstieg.

          Etwa 100000 Haushalte waren am Sonntagabend noch ohne Strom. Das Gros der Betroffenen lebt in der Region Chiba östlich von Tokio, die schon Anfang September von einem schweren Taifun heimgesucht worden und wo teils wochenlang der Strom ausgefallen war. Rund 80000 Haushalte waren ohne fließend Wasser.

          Die Regenmassen des Taifuns trafen auch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, in dem es 2011 nach einem Erdbeben und Tsunami zur dreifachen Kernschmelze gekommen war. Mit den starken Regenfällen besteht in dem Kraftwerk die Gefahr, dass auch radioaktiv belastetes Wasser in den Pazifik gespült wird. Der Energieversorger Electric Power (Tepco) meldete am Sonntag, dass Sensoren zur Kontrolle des Wasserstands acht Mal Alarm gegeben hätten. Nach Angaben von Tepco handelte es sich aber um Regenwasser und nicht um Leckagen in den Kühl- und Wasseraufbereitungssystemen.

          Kurz bevor der Sturm am Samstagabend die Küste der Halbinsel Izu erreichte, hatten die Behörden ihn von sehr stark auf stark herabgestuft. Die Windböen erreichten vor der Anlandung dennoch noch bis zu 216 Stundenkilometer. Ungefähr zur selben Zeit wurde Tokio von den Ausläufern eines Seebebens der Stärke 5,7 getroffen, das aber keine Tsunami-Warnung auslöste. Der Sturm war so stark, dass in der Bucht von Tokio ein unter der Flagge Panamas fahrendes Frachtschiff sank. Zwei Mitglieder der zwölfköpfigen Besatzung kamen ums Leben. Mehrere Menschen wurden durch die zahlreichen Bergrutsche und Schlammlawinen getötet. Andere wurden von den Wassermassen mitgerissen oder ertranken in überschwemmten Wohnungen.

          Nach dem Taifun ist der Fluss Abukuma über die Ufer getreten und hat viele Häuser überschwemmt.

          Schrittweise begann am Sonntag in Tokio wieder das öffentliche Leben. Die Menschen begannen, Schäden zu beseitigen und Bürgersteige und Straßen von abgerissenen Ästen und Blättern zu säubern. Die beiden Flughäfen der Hauptstadt nahmen den Betrieb wieder auf, doch wurden noch mehr als 800 Flüge abgesagt. Das Spiel Kanada gegen Namibia der Rugby-Weltmeisterschaft in Kamaishi in der Präfektur Iwate wurde am Sonntag abgesagt. Kanadische Spieler halfen stattdessen der heimischen Bevölkerung, Straßen vom Schlamm zu reinigen. Das Gruppenspiel Japan gegen Schottland in Yokohama fand hingegen statt. Japan gewann und zog erstmals in das Viertelfinale einer Rugby-Weltmeisterschaft ein. Die wirtschaftlichen Schäden des Taifuns waren noch nicht abzusehen. Unternehmen wie Toyota Motor, Honda Motor und Nippon Steel stellten in manchen Fabriken die Produktion ein.

          Meteorologen verglichen den 19. Wirbelsturm der Saison mit dem Taifun Ida vom September 1958, der einen ganz ähnlichen Weg über Japan genommen hatte. Durch die Überschwemmungen waren damals 1200 Menschen ums Leben gekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen haben sich in Japan seither enorm verbessert.

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