https://www.faz.net/-gum-ad32t

Tote nach Tornado : „Dann brach die Hölle los“

Bild: Reuters

Ein schweres Unwetter hat in der Tschechischen Republik eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Mehrere hundert Personen wurden verletzt und vermutlich mehr als fünf Menschen getötet.

          3 Min.

          „Katastrophe“, „wie im Krieg“, „Apokalypse“: So lauten die Zuschreibungen derer, die die Schäden nach dem Tornado und Hagelsturm im Südosten der Tschechischen Republik gesehen haben. Eine Windhose mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 400 Stundenkilometern ist am Donnerstagabend durch die Region Südmähren gefahren und hat sieben Dörfer weitgehend zerstört, mehrere hundert Personen verletzt und vermutlich mehr als fünf Menschen getötet. 200 Personen wurden in Krankenhäusern behandelt, einige auch in den Nachbarländern Österreich und Slowakei, 60 Verletzte mussten auf Intensivstationen gebracht werden.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Dächer wurden abgedeckt, Fassaden von Häusern abgerissen, Fahrzeuge wie Spielzeug durch die Luft geschleudert. Umgestürzte Bäume blockierten Straßen, Hochspannungsmasten wurden umgeknickt, die Autobahn zwischen der Regionalhauptstadt Brünn (Brno) und Lundenburg (Breclav) musste deswegen streckenweise gesperrt werden. 75.000 Haushalte wurden von der Stromversorgung abgeschnitten. Die Regierung in Prag beriet über die Notlage und erwog eine Freigabe strategischer nationaler Kraftstoffreserven für die Region.

          Schon am späten Donnerstag waren erste Hilfstrupps in Marsch gesetzt worden, um den Feuerwehren und Polizeikräften zu helfen. Dazu gehörte eine Spezialeinheit der Polizei mit Drohnen und Wärmebildkameras sowie ein Rettungsteam der Feuerwehr mit Kameras, die in Hohlräume eingeführt werden können, sowie anderen Ortungssystemen, um verschüttete Personen zu finden. Die Streitkräfte schickten ein Pionierkommando mit schwerem Gerät in die Regierungsbezirke Lundenburg und Göding (Hodonín). Ein weiteres Kommando wurde angefordert.

          Der Morgen nach dem Tornado: In der Ortschaft Moravska Nova Ves, gehen die Menschen an den Trümmern vorbei. Bilderstrecke
          Tschechische Republik : Tornado verwüstet Dörfer

          Viele Häuser sollen einsturzgefährdet sein. Die Polizei sperrte die Straßen zu mehreren Orten, um Schaulustige fernzuhalten. Zeugen berichteten in tschechischen Medien von der unheimlichen Zerstörungskraft des Sturms. Der Zeitung Hospodárské Noviny erzählte ein Rentnerpaar vor den Stümpfen herausgerissener Reben in ihrem zerstörten Weingarten: „Es ging los, der Staub stieg auf, der Himmel wurde schwarz, und plötzlich begann alles zu fliegen. Mein Mann und ich kauerten in der Mitte des Zimmers und beteten, dass wir überleben würden.“ Der Zeitung Pravo schilderte ein Mann: „Auf einmal habe ich ein merkwürdiges Dröhnen gehört, als ob ein Zug näherkommen würde. Dann brach die Hölle los, alles flog herum.“ Der stellvertretende Bürgermeister von Birnbaum (Hrušky), Marek Babisz, berichtete der Nachrichtenagentur CTK, der halbe Ort sei dem Erdboden gleichgemacht worden. „Geblieben sind nur die Mauern, ohne Dach, ohne Fenster.“

          Eine „Apokalypse“

          Auch wo der Wirbelsturm nicht direkt einwirkte, gab es erhebliche Schäden durch faustgroßen Hagel und Hochwasser. Das Einzugsgebiet des Hagelsturms reichte bis in die westliche Slowakei und nach Niederösterreich. Die Stärke des Tornados wurde von der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zunächst mit der Kategorie F3 klassifiziert; nach der Fujita-Skala bedeutet das Sturmgeschwindigkeiten von 254 bis 332 Stundenkilometern. Es werde noch untersucht, ob es sogar eine Kategorie höher gewesen sei, sagte ein Fachmann der Austria Presse-Agentur. Der Deutsche Wetterdienst nimmt Geschwindigkeiten zwischen 300 und 400 Stundenkilometern an. Das sei „ein Tornado, der in dieser Stärke in Europa bisher nur selten vorkam“.

          Ministerpräsident Andrej Babiš bezeichnete die Naturkatastrophe als eine „Apokalypse“, wie Tschechien sie nie zuvor gesehen habe. Der Tornado habe rund 2000 Häuser beschädigt, der Schaden belaufe sich auf Hunderte Millionen Kronen (25 Tschechische Kronen entsprechen etwa einem Euro). Babiš reiste am Freitag vom EU-Gipfel in Brüssel in die südmährische Region. Er kündigte an, Mittel aus dem EU-Krisenfonds zu beantragen, wie Kroatien nach einem schweren Erdbeben im vergangenen Jahr. Zuvor hatte der stellvertretende Ministerpräsident, Innenminister Jan Hamácek, in Brünn für die Zentralregierung Präsenz gezeigt. Die Regierung kündigte Soforthilfen für die betroffenen Gemeinden in Höhe von 420 Millionen Kronen an. Personen, deren Haus zerstört wurde, sollen Zuschüsse und Darlehen in Höhe von insgesamt fünf Millionen Kronen für den Wiederaufbau sowie Hilfen wie Steuerstundungen erhalten.

          Insgesamt waren nach Angaben des Direktors des Feuerwehr- und Rettungsdienstes, Drahoslav Ryba, 880 Feuerwehrleute in den verwüsteten Gemeinden im Einsatz, darunter 180 Spezialisten und zwei Such- und Rettungsteams. Weitere 330 Feuerwehrleute sollten noch hinzukommen. Etwa 300 Soldaten unterstützen die Rettungskräfte. Bis zu 600 Polizisten waren im Einsatz. Beim Besuch von Ministerpräsident Babiš am Freitagnachmittag sagte Ryba, die Rettungsarbeiten seien allmählich beendet, nun müsse es an Räumung und Wiederaufbau gehen. Statiker prüften den Zustand der beschädigten Gebäude, und es werde daran gearbeitet, die Zufahrtstraßen wieder in Betrieb zu nehmen.

          Topmeldungen

          Von innen nach außen –  die zerstörten  Gleise der Ahrtalbahn bei Marienthal, daneben die zerstörte Bundesstraße B 267.

          Medienökologin über die Flut : „Es sind Bilder entfesselter Kräfte“

          Schutzmaßnahmen allein reichen nicht – wir brauchen neue Erzählungen, sagt die Medienökologin Birgit Schneider. Im Interview spricht sie über die Darstellung des Klimawandels und die Kluft zwischen Wissen und Handeln.

          Afghanistan : Eine Stadt in Angst

          Die Taliban stehen vor Kabul. Viele Einwohner der afghanischen Hauptstadt sind verzweifelt und fragen sich, ob sie fliehen sollen. Ein paar junge Frauen wollen kämpfen.

          Basketball-Star Luka Dončić : Schaut diesem Jungen zu!

          Luka! Die besten Basketballspieler werden beim Vornamen genannt. Der Slowene Dončić will in Tokio den Entertainern der USA die Show stehlen. Denn vielleicht ist seine erste Chance schon die letzte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.