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Tokio : Die Angst vor „The Big One“

Bei Fukushima: Japaner gedenken am Sonntag der Opfer des Bebens Bild: AP/dpa

Seit dem großen Erdbeben im Norden Japans 2011 wird auch der Großraum Tokio viel häufiger erschüttert als zuvor. Die Sorge vor einer Katastrophe in der Millionenstadt wächst. Die Stadtregierung versucht, sich auf die Bedrohung einzustellen.

          Japanische Männer treffen sich freitags nach der Arbeit gerne mit Freunden und Kollegen. In der Izakaya, wie die typischen Kneipen genannt werden, sprechen sie dann beim Bier oder beim Sake über alles. Masaru Yamamoto und Kiyotaka Ono kennen an diesem Abend im „Watamin“ in Hanzomon nur ein Thema: das große Erdbeben vom 11. März 2011, das auch im mehr als 200 Kilometer vom Epizentrum entfernten Tokio die Hochhäuser schwanken und einige Gebäude zusammenfallen ließ. „Das war schlimm damals“, sagt Ono, während er seinem Freund ein neues Glas Sake einschenkt. „Wir sitzen auf einem Pulverfass“, sagt Yamamoto. Und Ono sinniert: „Wer weiß, wann es hier richtig kracht.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Frage treibt auch Forscher um. Nach dem Tohoku-Erdbeben sei die Wahrscheinlichkeit von Erschütterungen bei Tokio noch gewachsen, meinen sie. Auch die japanische Regierung warnt immer lauter, dass ein großes Erdbeben direkt in der nördlichen Bucht von Tokio jederzeit kommen könne. Fachleute des Forschungsinstituts für Erdwissenschaften und Katastrophenprävention haben jetzt festgestellt, dass der Druck im Magma-Speicher des Fuji nach dem März 2011 in der Nordprovinz Tohoku auf 1,6 Megapascal gestiegen ist. Das schürt die Sorgen vieler Menschen in der japanischen Hauptstadt weiter.

          Das Herz der japanischen Wirtschaft

          Shin-ichi Sakai, Professor an der renommierten Tokio-Universität, bereitet sich von Amts wegen auf „The Big One“ in Tokio vor. Seit 2011 wird auch der Großraum Tokio viel häufiger von Erdbeben erschüttert als zuvor. „Die seismische Aktivität ist 4,4 mal so stark wie vor dem 11. März 2011“, sagt der Forscher. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein großes Erdbeben kommt, ist größer geworden.“ 296 Messstationen hat Sakais Forschungsinstitut für Erdbeben in Tokio und den umliegenden Präfekturen errichtet. Drei Erdplatten stoßen unter der japanischen Hauptstadt aufeinander. Nach neuesten Messergebnissen liegt die Philippinische Seenplatte, die sich unter die Kontinentalplatte schiebt, zehn Kilometer höher als bislang angenommen. „Ein Beben wäre damit kräftiger als bislang erwartet“, sagt Sakai.

          Ein Erdbeben in Tokio wäre ein harter Schlag für die Wirtschaft und die Menschen in ganz Japan

          Solche Zahlen machen Yamamoto und Ono Angst. Käme es zu einem Beben der Stärke 7,3 in der nördlichen Bucht von Tokio, rechnet Sakai mit 9700 Toten und 147.600 Verletzten in der Hauptstadt. 116.200 Gebäude würden durch das Beben zerstört, 188.100 durch die folgenden Feuer. Fast 3,4 Millionen Menschen müssten in Sicherheit gebracht werden. Nicht nur Tokio wäre schwer betroffen, denn in der Hauptstadt laufen alle administrativen Entscheidungsprozesse zusammen, hier schlägt das Herz der japanischen Wirtschaft. Ein solcher Schlag würde das ganze Land hart treffen. Vom Beben in der Region Tohoku, die für weniger als drei Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung steht, hat sich das Land auch nach zwei Jahren noch nicht erholt. „Aber Tokio“, meint Yamamoto, „das wäre die richtige Riesenkatastrophe.“

          Die Stadtregierung versucht, sich auf die Bedrohung einzustellen. Nach dem März 2011 wurden alle Notfallpläne für die Hauptstadt überarbeitet, jetzt wurden die neuen Pläne beschlossen. 96 Prozent der öffentlichen Gebäude wurden geprüft, wie weit sie einem Beben standhalten. 66 Prozent der Brücken auf Straßen, die für die Notfallversorgung wichtig sind, wurden nachgebessert. Häuser, die vor 1981 errichtet wurden, als man die Bauvorschriften verschärfte, sollen überprüft werden. Viele Hausbesitzer sträuben sich. Im Frühjahr antworteten nur 3500 der 5000 von der Stadt angeschriebenen Eigentümer fristgerecht auf Anfragen der Stadt. Nur rund 600 dieser Gebäude könnten die Tests auf Erdbebensicherheit bestehen.

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