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Tipps von Unfallforscher : „Am Stauende großen Abstand halten“

Zerstört: Der Transporter an der Unglücksstelle bei Wildeshausen Bild: dpa

Auf der Autobahn nahe Bremen sind fünf Menschen tödlich verunglückt. Der Unfallforscher Siegfried Brockmann erklärt, warum solche Unfälle „kein seltenes Szenario“ sind – und fordert schärfere gesetzliche Auflagen.

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          Während die Zahl der Verkehrstoten auf deutschen Straßen stetig sinkt, kommt es an Stauenden auf der Autobahn immer wieder zu gefährlichen Verkehrssituationen. Nun hat sich abermals ein schweres Unglück ereignet: In der Nacht auf Mittwoch bildete sich auf der Autobahn 1 zwischen Bremen und Osnabrück aufgrund einer Nachtbaustelle im Bereich Wildeshausen ein Stau. Kurz nach Mitternacht erreichte ein Kleinbus aus Polen diesen Bereich und raste in einen stehenden Lastwagen, ohne dass die Polizei später Bremsspuren fand. Der vordere Bereich des Kleinbusses wurde durch den Aufprall so stark zerstört, dass die Feuerwehr zunächst nur zwei Personen in dem Wrack entdeckte. Erst später stellten die Einsatzkräfte fest, dass der Wagen insgesamt fünf Insassen zwischen 27 und 50 Jahren beförderte – keiner von ihnen überlebte. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der Lastwagen die Warnblinkanlage eingeschaltet.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft erklärt, solche Unfälle seien „kein seltenes Szenario“. Aufgrund der Spurenlage sei davon auszugehen, dass der Fahrer des Kleinbusses eingeschlafen sei. Insgesamt ereignen sich auf den Bundesautobahnen zwar nur etwas mehr als zehn Prozent der Todesfälle im Straßenverkehr. Doch die Hälfte dieser Todesfälle fällt in der offiziellen Statistik unter „Zusammenstöße mit einem anderen Fahrzeug, das vorausfährt oder wartet“. Im Jahr 2018 wurden in dieser Rubrik insgesamt 203 Tote gezählt. Nach Einschätzung von Brockmann sind die meisten von ihnen vermutlich am Ende eines Staus verunglückt. Der Unfallforscher vermutet, dass die vielen Todesfälle auch im Zusammenhang mit der steigenden Zahl von Baustellen steht, die es aufgrund hoher Investitionen in die Infrastruktur derzeit gibt.

          „Lieber einmal zu früh als zu spät“

          Der Bereich der Baustelle selbst sei für die Verkehrsteilnehmer entgegen einer verbreiteten Wahrnehmung nicht sehr gefährlich, berichtet Brockmann. In den engen Fahrstreifen ereigneten sich zwar etliche Unfälle. „Die sind aber wegen der niedrigeren Geschwindigkeiten fast alle harmlos.“ Viel gefährlicher sind die Unfälle vor der Baustelle, insbesondere wenn ein oder mehrere Lastwagen beteiligt ist. Ob dann der Lastwagen in den Personenwagen fährt oder umgekehrt, ist nach Aussage von Brockmann weniger wichtig. „Auch wenn ein Pkw auf einen stehenden Lkw fährt, kann man solch einen Unfall ab einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer in der Stunde eigentlich kaum überleben. Der Pkw unterfährt dann den Lkw und wird auf Höhe der A-Säule abgesägt.“

          Ist es indes der Lastwagen, der am Stauende nicht rechtzeitig bremst, haben die Insassen eines stehenden Personenwagens nach der Erfahrung eines Verkehrspolizisten schon bei 40 bis 50 Kilometer in der Stunde kaum noch eine Überlebenschance. Der Unfallforscher Brockmann fordert deshalb schon seit Jahren schärfere gesetzliche Auflagen.

          Der Einbau von Notbremsassistenten in Lastwagen ist in der Europäischen Union zwar inzwischen zur Pflicht geworden, doch müssen diese Systeme den Lastwagen vor einem stehenden Hindernis lediglich von 80 auf 60 Kilometer in der Stunde abbremsen. Es gibt zwar bereits Assistenten auf dem Markt, die eine Vollbremsung ermöglichen. Die Hersteller verlangen für die modernsten Systeme jedoch rund 5000 Euro Aufpreis. Brockmann fordert, die Gesetzgebung der EU auf den erreichten Stand der Technik zu bringen. Jeder neue Lastwagen müsse eine automatische Vollbremsung am Stauende leisten können.

          Bis es soweit ist, rät der Unfallforscher den Autofahrern, sich am Stauende eher auf der linken Spur aufzuhalten. Auch sollte man mehrere Fahrzeuglängen Abstand zum Vordermann lassen, bis drei oder mehr Fahrzeuge hinter dem eigenen Wagen zum Stehen gekommen sind. Beim Aufprall eines Lastwagens in das Stauende wird das eigene Fahrzeug dann lediglich in die freie Lücke geschoben.

          Der TÜV Nord rät allen Autofahrern zudem, vor einem Stau so rasch wie möglich die Warnblinkanlage einzuschalten und den nachfolgenden Verkehr dadurch zu warnen: „Lieber einmal zu früh als zu spät.“

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