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Tag 2 der Katastrophe : Die große Erschütterung

Zerstörung weiter als das Auge reicht Bild: dapd

Im Nordosten Japans werden noch Tausende Todesopfer vermutet. Die Küstenstadt Minamisanriku ist dem Erdboden gleichgemacht. Immer wieder bebt es - und niemand weiß, ob die Gefahr vorbei ist.

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          In Tokio sind die Straßen am Sonntag fast menschenleer. Viele Bewohner der Stadt verharren in ihren Wohnungen und verfolgen die Berichte über die Zerstörungen mit Schrecken. Es sind Bilder des Grauens, die aus der Provinz Miyagi über die Bildschirme in die Wohnungen der Japaner kommen. Die Präfektur im Nordosten der Hauptinsel Honshu ist verwüstet worden, erst durch das Erdbeben vor der Küste und kurz darauf durch die Tsunamiwellen, die sich, als sie auf die Küste trafen, bis zu 20 Meter hoch auftürmten und in zerstörerischer Wut alles mit sich rissen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Und immer wieder bebt an diesem Sonntag, dem zweiten Tag nach der großen Katastrophe, die Erde, besonders stark am Vormittag. Die Angst ist groß. Noch weiß niemand, ob es gelingt, die Kernschmelze im 240 Kilometer von Tokio entfernten Atomkraftwerk Fukushima zu stoppen. Und dann platzt auch noch die Meldung mitten in die Schreckensbilder, dass Tokio eine weitere große Erschütterung befürchten muss. Auf bis zu 70 Prozent schätzen die Fachleute das Risiko, dass - nach den Hunderten von Nachbeben, die seit Freitag schon die Nerven der Japaner strapazieren - binnen der nächsten drei Tage ein zweites verheerendes Beben kommt.

          „Es ist wie in einem Albtraum“, murmelt eine ältere Frau, eine der wenigen, die am Sonntag das Haus verlassen. „Ich kann es nicht glauben.“ Unter dem Arm hält sie die Zeitung „Sponichi“, ein Boulevardblatt. Über die ganze erste Seite zeigt das Blatt ein Foto der Küstenstadt Minamisanriku. Nur ein paar Gebäude ragen noch aus der Trümmerwüste hervor. Der Rest der Stadt ist von den Fluten dem Erdboden gleichgemacht. Gut 17.000 Einwohner hatte die Stadt, rund 9500 werden noch vermisst. Offiziell wurden bislang in der gesamten Präfektur, in der insgesamt rund 2,3 Millionen Menschen leben, 688 Tote registriert. Hinzu kommen bis zu 500 Leichen, die in zwei Orten im Nordosten gefunden wurden. Aber der Polizeichef Naoto Takeuchi wird in den Medien mit den Worten zitiert, er habe „keinen Zweifel“ daran, dass die Zahl der Toten bis auf mehr als 10.000 allein in Miyagi steigen werde.

          Überflutete Straße in einem Wohngebiet in Shiogama, in der Präfektur Miyagi

          „Als der Tsunami gekommen ist, habe ich mit meiner Familie versucht, uns mit dem Auto zu retten“, berichtet ein Familienvater aus der Stadt, die dem Erdboden gleichgemacht wurde. Doch das Wasser war schneller und riss den Wagen mit. Nur weil sich das Auto an einem Hindernis verhakte, hat die Familie überlebt. Die Lage der Überlebenden in der Stadt ist verzweifelt. „Wir machen uns Sorgen um Essen, um Wasser“, sagt ein älterer Mann im Fernsehen mit Tränen in den Augen. Ein anderer, der überlebte, kann seine Familie nicht finden. „Was hat es dann für einen Sinn, dass ich es geschafft habe?“, sagt er mit Verzweiflung im Blick.

          Mehr als 300.000 Menschen sind auf der Flucht

          Einst war das hier ein lieblicher Landstrich mit einigen vorgelagerten Inseln und einer Küste, die ihrer natürlichen Schönheit wegen zum Minamisanriku-Kinkazan-Quasi-Nationalpark gehört. Jetzt sind hier nur noch Schlamm, Wasser, Trümmer, so weit das Auge reicht. Die Welle riss am Freitag Autos mit sich, als wären es Spielzeuge, warf Lastwagen um, ließ Gebäude zusammenbrechen, spülte Schiffscontainer aus den Häfen und machte die Küstenorte zu schlammigen Müllbergen, durch die Menschen irrten, die nach Angehörigen suchten oder Hab und Gut zu retten versuchten.

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