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Tödliche Wassermassen : Sudan erlebt Jahrhundertflut

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Land unter: In der Region um die sudanesische Hauptstadt Khartum wurden die Häuser vieler Menschen durch die Überschwemmungen zerstört. Bild: EPA

Der Nil steht bei 17,5 Metern: Sudan kämpft gegen die schlimmsten Überschwemmungen seit drei Jahrzehnten. Mittlerweile hat die Regierung den Notstand ausgerufen. Doch die Flut ist nur eines von vielen Problemen.

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          Es ist das schlimmste Hochwasser seit mehr als drei Jahrzehnten – nach wochenlangen Regenfällen stehen weite Teile Sudans unter Wasser. Nach Angaben der Regierung in Khartum sind bereits mehr als 100 Menschen ertrunken. 730.000 Menschen sind von den Fluten betroffen, fast 150.000 Häuser wurden zerstört. Mittlerweile sollen sämtliche 18 sudanesischen Bundesstaaten in Mitleidenschaft gezogen sein. Solche Wassermassen hatten dem Staat im Nordosten Afrikas zuletzt 1988 zugesetzt, als rund eine Million Menschen von der Katastrophe betroffen waren.

          Besonders verheerend ist die Lage an den Ufern des Nils, dessen Zuflüsse Blauer und Weißer Nil sich bei Omdurman vereinigen. Das mit Abstand meiste Wasser führt der Blaue Nil aus dem Hochland Äthiopiens heran, wo gerade eine Regenzeit herrscht, die voraussichtlich noch bis Oktober anhalten wird. Noch nie sei am Nil ein so hoher Wasserstand gemessen worden, seit es Aufzeichnungen darüber gibt, teilten die sudanesischen Behörden mit, nachdem in der Hauptstadt Khartum ein Pegel von 17,58 Metern angezeigt worden war. Mittlerweile hat die Regierung den Notstand ausgerufen.

          Einem der ärmsten Länder der Welt drohen nun Hungersnöte. Das Coronavirus hat Sudan zwar – wie die meisten afrikanischen Länder – weitgehend verschont. Laut der Johns-Hopkins-Universität starben in dem Staat mit mehr als 40 Millionen Einwohnern bisher 836 Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Allerdings hatte die Regierung in Khartum im Kampf gegen die Pandemie auch Grenzen geschlossen und Ausgangssperren verhängt – und damit die leidende Wirtschaft zusätzlich geschwächt.

          Die Folgen sind verheerend

          „Die vollen Auswirkungen der Zerstörung werden erst in einigen Monaten zu sehen sein“, warnt denn auch das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung Humanitärer Hilfe (Ocha) und ruft zu Spenden für die Notleidenden auf. Tausende Hektar Ackerland, 360 Lagerhallen und mehr als 12.000 Latrinen seien zerstört worden. 11.000 Nutztiere ertranken oder wurden von den Fluten fortgespült. Im Südosten des Staats Blue Nile brach der Bout-Staudamm. Nach sudanesischen Medienberichten hatte er fünf Millionen Kubikmeter Wasser gestaut. Laut Ocha ist allein durch diesen Dammbruch die Trinkwasserversorgung von rund 100.000 Menschen in Gefahr.

          Mittlerweile bedrohen die Wassermassen auch die berühmten Pyramiden von Meroe, die zum Weltkulturerbe zählen. Von 275 vor bis 310 nach Christus war die rund 200 Kilometer nördlich des heutigen Khartum gelegene Stadt das Zentrum des Reiches Kusch. Dessen Schwarze Pharaonen hatten einst sogar über Ägypten geherrscht. Teile der historischen Stätte stünden bereits unter Wasser, sagte der Leiter der Archäologieabteilung des Verbandes sudanesischer Museen, Abdel-Hai Abdel-Sawy, der Nachrichtenagentur Associated Press. Arbeiter hätten bereits Wasser abgepumpt und mit Sandsäcken Barrikaden errichtet. „Wegen des Hochwassers konnten wir aber nicht alle Orte erreichen und sämtliche indirekten Schäden abschätzen – insbesondere an Artefakten, die sich unter der Erdoberfläche befinden.“ Zum Schutz vor Zerstörungen durch Sandstürme befinden sich viele historische Funde unter einer Erdschicht.

          Streit um Staudamm

          Seit Jahren schon streiten die drei Nil-Staaten Ägypten, Sudan und Äthiopien über den Grand Ethiopian Renaissance Dam. Äthiopien hatte im Jahr 2011 damit begonnen, den Staudamm am Oberlauf des Nils zu errichten: ein 145 Meter hohes, 1,8 Kilometer langes und rund 3,6Milliarden Euro teures Bauwerk, mit dessen Hilfe in Zukunft rund 6450 Megawatt Strom pro Jahr erzeugt werden sollen. Ägypten und Sudan sorgten sich bislang, dass ein zu schnelles Auffüllen des Beckens zu einem dramatischen Wassermangel in den flussabwärts gelegenen Staaten führen könnte.

          Äthiopische Experten verweisen nun darauf, dass Katastrophen wie die aktuelle durch den Staudamm in Zukunft verhindert werden könnten. „Sudan wird stark vom Staudamm profitieren“, glaubt Fekahmed Negash, der Leiter des äthiopischen Technischen Regionalbüros Östlicher Nil. „Denn wenn der Stausee einmal komplett gefüllt sein wird, werden wir die Wassermassen sehr viel besser kontrollieren können.“

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