https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/sturzflut-in-nordindien-ursache-koennte-der-klimawandel-sein-17192485.html

Sturzflut in Nordindien : Ursache könnte der Klimawandel sein

Ein Angehöriger einer vermissten Person blickt auf die Überreste des Wasserkraftwerks, das weggeschwemmt wurde. Bild: dpa

Nach der Katastrophe an einem Gletscher in Nordindien wird noch nach Verschütteten gesucht. Die Bilanz des Unglücks ist aber jetzt schon erschütternd. War es vorauszusehen?

          3 Min.

          Die Sturzflut bahnte sich mit unbändiger Kraft einen Weg durch die schmale Schlucht. Aus der Ferne war zunächst eine riesige Staubwolke zu sehen, die sich wie eine Decke über das Tal im nordindischen Teil des Himalajas legte. Selbst auf Satellitenbildern vom vergangenen Sonntag, dem Tag des Unglücks, ist die Wolke zu sehen. Doch dann kam das Schlammwasser, eine undurchdringliche, grau-braune Brühe, die alles in ihrem Weg mit sich riss.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          „Wir fühlten, wie die Erde wackelte. Dann rauschte das Wasser mit voller Kraft mit den Trümmern und dem ganzen Zeug hinab“, sagte Pradeep Bhandari, der im Bezirk Chamoli in Nordindien wohnt, der Nachrichtenagentur AFP. Eine weitere Augenzeugin mit dem Namen Godambari berichtete, sie habe ein lautes Grollen gehört, als sie am Berg Rosmarin pflückte. Dann rasten der Schlamm mit großen Felsstücken auf sie und ihre Schwiegermutter zu. Godambari wurde durch den Druck in die Höhe geschleudert, ihre Schwiegermutter vom Schlamm mitgerissen.

          Die Bilanz des Unglücks ist erschütternd. 32 Personen sind seit Sonntag tot aus dem Schlamm gezogen worden. Aufgebahrt unter Plastikplanen werden sie von den Helfern weggetragen. Doch etwa 170Personen werden noch vermisst. Etwa 30 Arbeiter sind in einem Tunnel verschüttet, der sich neben einem der Wasserkraftwerke befindet, die von der Flut zerstört wurden. „Wir können nur beten, dass diejenigen, die im Tunnel feststecken, überlebt haben, indem sie sich irgendwie in Sicherheit brachten“, sagt Pradeep Bhandari.

          Durch den Schlamm zu den Verschütteten

          Tag und Nacht arbeiten die Bergungstrupps daran, sich durch den Schlamm einen Weg zu den Verschütteten zu bahnen. Die Bilder zeigen Bagger, die immer wieder in den Tunnel fahren. Mehr als 100 Meter Schlamm haben sie schon aus dem Tunnel herausgeholt. Am Mittwoch kam dann die Hiobsbotschaft: Die Eingeschlossenen befinden sich nicht im Haupttunnel, sondern in einem Nebenschacht etwa ein Dutzend Meter tiefer am Berg. Am Donnerstag kündigten die Rettungskräfte an, dort zunächst von oben ein Loch hineinbohren zu wollen.

          Tag und Nacht arbeiten die Bergungstrupps daran, sich durch den Schlamm einen Weg zu den Verschütteten zu bahnen.
          Tag und Nacht arbeiten die Bergungstrupps daran, sich durch den Schlamm einen Weg zu den Verschütteten zu bahnen. : Bild: Reuters

          Manchmal gab es dennoch Anlass zur Freude. Als ein Mann aus einem schlammigen Loch gezogen wurde, klopften ihm die Retter mit ihren gelben Helmen glücklich auf seinen erdverschmierten Rücken. Der Überlebende riss die Arme in die Höhe und jubelte vor Lebensfreude. Dann fiel der von der Tortur geschwächte Mann zurück in den Matsch, und die Retter bogen sich vor Lachen.

          Aber es gibt auch andere Bilder aus dem tiefen Dunkel des Tunnels, in dem die Arbeiter im Licht ihrer Taschenlampen zu sehen sind. So erfasst man, was die Verschütteten erleiden, sofern sie überhaupt überlebt haben. Ein Lebenszeichen gibt es bislang von ihnen nicht. Von Tag zu Tag schwinden die Hoffnungen, dass sie noch rechtzeitig gefunden werden können. „Menschen, Maschinen, alle arbeiten rund um die Uhr. Aber die Masse an Trümmern ist so hoch, dass es eine Weile dauern wird, es alles wegzuschaffen“, sagt Piyoosh Rautela, ein Mitarbeiter der staatlichen Rettungsbehörde.

          In einer rauhen Gegend

          Während die Arbeiten andauern, wird in Indien über die mögliche Unglücksursache diskutiert. Der Unglücksort liegt in einer rauhen Gegend im nordindischen Himalaja am zweitgrößten indischen Berg Nanda Devi im Bundesstaat Uttarakhand. Seit dem Tag des Unglücks sind Theorien im Umlauf, dass sich dort ein Stück eines Gletschers gelöst haben könnte. Es sei entweder in den Fluss gefallen und habe die Flut ausgelöst. Oder es sei zuvor geschmolzen und habe so zusätzliche Wassermassen geführt. Nach dem Bruch einer Blockade seien diese dann ins Tal gestürzt.

          In etwa 5600 Meter Höhe soll sich ein Stück des Berges aus Eis und Gestein gelöst und als Lawine in den schmalen Bergfluss gerutscht sein.
          In etwa 5600 Meter Höhe soll sich ein Stück des Berges aus Eis und Gestein gelöst und als Lawine in den schmalen Bergfluss gerutscht sein. : Bild: AP

          Nach der Auswertung der Satellitenbilder gehen einige Fachleute nun aber davon aus, dass die Katastrophe an einem Gipfel mit dem Namen Raunthi begann. In etwa 5600 Meter Höhe soll sich ein Stück des Berges aus Eis und Gestein gelöst und als Lawine in den schmalen Bergfluss Rishiganga gerutscht sein. Durch die in einem solchen Fall entstehende Hitze sei das Eis dabei geschmolzen.

          Die großen Wassermassen deuten auch auf eine andere Theorie hin, nämlich dass ein Gletschersee durch eine Blockade gebrochen sei. Aber auf eine große Wasseransammlung an dem Gletscher gibt es auf den Satellitenbildern vorher keinen Hinweis. Dafür zeigen die Bilder das Ausmaß der Zerstörung nach dem Unglück weiter unten am Flussverlauf. Vor dem Unglück ist der Fluss als dünner grüner Streifen zu sehen, danach als ein breites braunes Etwas. Von dem Tapovan-Wasserkraftwerk sind nur noch einige Überreste zu sehen, es ist fast völlig zerstört.

          Ein Schock für die Menschen

          Die Suche nach der Ursache ist wichtig, da sich daraus Lehren für die Zukunft ziehen lassen. Dabei stellt sich die Frage, welchen Anteil der Klimawandel gehabt haben könnte – wie inzwischen bei so vielen Naturkatastrophen. Die dramatischen Auswirkungen der Erderwärmung auf die Gletscher im Himalaja sind seit Jahren bekannt. Darüber hinaus soll es auch Anzeichen gegeben haben, wonach das Errichten der Dämme sowie andere Bautätigkeiten am Berg erheblichen Druck auf die Umwelt ausgeübt haben.

          Das Unglück ist ein Schock für die Menschen, die schon 2013 von einer der schwersten Naturkatastrophen in der indischen Geschichte heimgesucht worden waren. Damals waren nach schweren Monsun-Regenfällen fast 6000 Personen in Folge von Sturzfluten und Überschwemmungen ums Leben gekommen.

          Aus der Masse der Verlustgeschichten treten nun auch Einzelschicksale hervor, wie etwa die des 42 Jahre alten Oberwachtmeisters Manoj Chaudhary, der am Sonntag als vermisst gemeldet worden war. Sein Leichnam wurde einen Tag später 110 Kilometer entfernt an einem Ghat in Karnaprayag gefunden, dem Dorf, aus dem die Vorfahren des Polizisten stammten. Als „Ghat“ bezeichnet man in Indien die Stufen am Ufer eines Flusses, an denen die Hindus ihre rituellen Waschungen vornehmen und ihre Toten verbrennen.

          Topmeldungen

          Ein Mann versucht sich im heißen Frankfurter Sommer abzukühlen.

          Folgen der Klimakrise : Tödliche Sommer

          Die steigenden Temperaturen bedrohen unsere Gesundheit. Hitzeschutz ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern geht die gesamte Gesellschaft wie jeden Einzelnen an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.