https://www.faz.net/-gum-6xpu8

Sturmflut vor 50 Jahren : Christa Kluges Bettlakenfahne

Soldaten der Bundeswehr, der U.S. Army und Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) arbeiten an einem gebrochenen Deich an der Nordsee. Bild: dapd

Vor 50 Jahren wurde Hamburg von der großen Sturmflut heimgesucht. Bis heute ist das Unglück, bei dem mehrere hundert Menschen starben, im kollektiven Gedächtnis geblieben.

          Mitten in der Nacht, von einem Geräusch geweckt, stand Christa Kluge auf, ging in die Küche und sah aus dem Fenster. Der Samstag war gerade angebrochen. Sie sah um das Haus herum eine sturmgepeitschte Wasserfläche und darin die Spitze eines einzelnen kahlen Baums. Die Szene war in Mondlicht getaucht. Christa Kluge weckte ihren Mann. Der aber murmelte nur: „Du träumst.“ Mit dem Schlaf war es dann aber doch vorbei, denn inzwischen lärmte es im Souterrain und im Parterre. Deren Bewohner stürzten nach oben zu den Kluges im zweiten Stock. Das Wasser folgte ihnen. Als es seinen Höchststand erreicht hatte, schwappte es an der unteren Stufe der Treppe, die hinauf zu Kluges Wohnung führte.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Christa Kluge war damals 24, ihr Sohn drei Jahre alt. Das Haus im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg hatte drei Stockwerke und darauf ein Flachdach. Seine Bewohner kletterten dort hinauf. Christa Kluge kam auf die Idee, mit einem Bettlaken den Hubschraubern zu winken, die über die Wasserfläche donnerten. Später wurde sie dafür gerügt: Die weiße Fahne nimmt nur, wer Leben bedroht sieht. „Uns war es vergleichsweise noch gut ergangen“, sagt Frau Kluge heute. Ihre weiße Bettlakenfahne wurde damals gefilmt und so zu einer Art Sinnbild der großen Sturmflut von 1962, die große Teile der Nordseeküste traf, vor allem aber die Stadt Hamburg. Mit weißer Schuhcreme schrieb Christa Kluge auf das Dach, was benötigt wurde, vor allem Milch und Kerzen. Ein Hubschrauber brachte es. „Wir bekamen sogar belegte Brötchen aus der Luft.“

          Ein paar Tage lang behalfen sich Kluges und ihre Nachbarn mit einer Campingausrüstung. Alle sammelten, was sie noch an Büchsen und Gläsern fanden. Gekocht wurde in einem großen Topf. Am Montag entspannte sich die Lage etwas. Am Dienstag konnte Christa Kluge mit ihrem in eine Decke gewickelten Sohn aus der Gefahrenzone gebracht werden. Ihr Mann musste zum Dienst als Fluthelfer, sie selbst wurde in einem Geländewagen zur nächsten benutzbaren Bushaltestelle gebracht. Sie hatte kein Geld dabei, musste sich mit dem Busfahrer noch herumstreiten, bevor er sie mitnahm. Sie fuhr nach Harburg zu ihren Eltern. Dort war das Wasser 50 Meter vor dem Haus stehengeblieben.

          60 000 Menschen eingeschlossen, 315 sterben

          Die Sturmflut hat im kollektiven Gedächtnis einen festen Platz. Viele Geschichten werden bis heute darüber erzählt. Von Menschen, die im eiskalten Wind auf Bäumen oder auf Dächern ausharrten und um Hilfe riefen. Von dem in den Fluten versunkenen Auto, das später geborgen wurde und bei dem der Schmutzrand am Tachometer noch heute zeigt, wie hoch das Wasser stand. Von dem eben abbezahlten goldenen Ehering, der verloren ging und nach dem Ablaufen der Flut wie durch ein Wunder wiedergefunden wurde.

          Viele Sturmflutgeschichten gingen nicht so gut aus. Etwa die von den Kindern, die von der Flut in die Keller der Häuser gespült wurden und dort ertranken. 60 000 Menschen waren damals eingeschlossen, 315 kamen ums Leben, unter ihnen fünf Helfer. Tausende Hamburger wurden obdachlos. Mehr als ein Sechstel des Stadtgebiets stand unter Wasser, insgesamt 120 Quadratkilometer. Häuser und Brücken wurden zerstört, Hab und Gut ging verloren. Die Hilfsbereitschaft in der immer noch jungen Bundesrepublik war groß. Das Wirtschaftswunderland erlebte zum ersten Mal, wie gefährdet seine Erfolge waren - und sei es durch Naturkatastrophen. Kein Hamburger konnte sich an eine Sturmflut erinnern, denn die letzte lag 107 Jahre zurück.

          Völlen im Landkreis Leer in Ostfriesland, während der Flut. Bilderstrecke

          Die Millionenstadt Hamburg glaubte sich sicher. Die Deiche, überhaupt der Hochwasserschutz, waren aber vernachlässigt worden. Dann kam die Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962. Am 12. Februar war der Nordwestwind aufgefrischt. Er steigerte sich am 15. Februar über der Nordsee zum Orkan, „Vincinette“ genannt, die Siegreiche. Aus Cuxhaven erreichten auch Hamburg Warnungen vor einer noch nie dagewesenen Sturmflut. Die Hamburger Behörden nahmen das nicht ernst. Fast alle Pegel entlang der Nordseeküste, aber auch an Ems, Weser und Elbe sowie den Nebenflüssen zeigten einen bis dahin nie gemessenen Wasserstand. Und der Sturm trieb das Wasser weiter in die Elbe hinein. Kurz vor Mitternacht am 16. Februar wurde in Hamburg Alarm ausgelöst.

          Topmeldungen

          Carola Rackete war sichtlich bewegt von der Masse an Menschen, die ihr gegenüberstand.

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.