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Sturmflut an der Nordsee : Abwarten auf Hallig Hooge

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Gefährlich nah kam das Meer den Häusern auf den Halligen, wie hier auf Langeneß. Bild: dpa

Erco Jacobsen wohnt auf der Hallig Hooge vor der Küste Schleswig-Holsteins. Irgendwann hat er aufgehört, die Sturmfluten dort zu zählen, aber Orkan „Xaver“ lässt auch ihn nicht schlafen. Das Protokoll einer langen Nacht.

          Donnerstag, 18 Uhr: Der Regen peitscht gegen das Panoramafenster im ersten Stock. Vielleicht ist es auch die Nordsee selbst, so genau kann man das nicht mehr unterscheiden. Wo sonst ein paar hundert Meter zwischen meinem Haus und dem Meer liegen, jetzt sind es gerade noch zehn. Das Haus meiner Nachbarn liegt einen halben Meter tiefer auf der Warft, die haben schon alle Stühle hochgestellt. Mein Erdgeschoss sieht noch aus wie immer, wollen wir doch erstmal sehen, wie weit schlimm es wirklich wird.

          18:30 Uhr: Mein Fernseher streikt. Die Satellitenschüssel auf dem Dach hält dem Sturm wohl nicht stand. Kenne ich schon, ist auch kein Weltuntergang. Irgendwann habe ich aufgehört, die Sturmfluten zu zählen. Seit 16 Jahren wohne ich hier. Da wird es irgendwann langweilig.

          20 Uhr: Draußen ist es so schwarz wie der Fernsehbildschirm. Die Straßenlaternen sind schon seit dem Nachmittag auf Dauerbeleuchtung geschaltet, jedes der 19 Häuser auf meiner Warft hat die Außenbeleuchtung an. Wer jetzt noch draußen herumläuft, soll wenigstens ein bisschen Licht haben. Aber ganz ehrlich? So richtig raus möchte man nicht.

          21 Uhr: Mir wird vom warten langweilig. Heute Mittag lief die Hallig voll, so fix wie das ging, wurde mir doch etwas mulmig. Ich habe lieber mal alle wichtigen Dokumente zusammen gepackt. Zuerst hieß es, beim nächsten Hochwasser heute Nacht würde ein Stand von 3,50 Meter erreicht. Dann bekäme ich hier drinnen nasse Füße. Aber schon am frühen Abend wurde auf 2,50 Meter korrigiert.

          Kann nichts so leicht erschüttern: Hallig-Bewohner Erco Jacobsen Bilderstrecke

          21:15 Uhr: Eigentlich würde ich gern schlafen, aber das hat schon die letzten zwei Nächte nicht so geklappt. Zwar hat Xaver uns nicht so überrascht, wie „Christian“ vor ein paar Wochen, wir konnten durch die Vorhersage schon am Mittwoch in aller Ruhe die Sandsäcke füllen und die Holzwände zwischen die Häuser bauen. Aber man weiß ja nie.

          21:30 Uhr: Ein Ohr ist immer am Wind. Immer. Nun schlägt im ersten Stock auch noch der Hagel gegen die Scheibe. Der Sturm drückt mit Kraft gegen das Haus, ich gehe lieber mal runter. Im Erdgeschoss sind die Holzschotten vor den Fenstern dicht. Hier ist es ruhig. Da bleibe ich erstmal.

          21:45 Uhr: Eigentlich ist jetzt Niedrigwasser, aber der Pegel bleibt auf 6,30 Metern stehen - das ist sonst unser Hochwasserstand. Immerhin, alte Binsenweisheit: Wenn das Niedrigwasser so hoch bleibt, kommt nicht mehr viel nach.

          Hoffentlich bleibt der Pegel unter drei Metern

          22 Uhr: Warten, es bleibt ja nichts als warten. Um halb zwei treffen wir uns noch einmal alle auf der Warft zur Lagebesprechung. Bei „Christian“ musste ich noch öfter raus, nach meinen 30 Schafen sehen. Ich habe sie noch ein paar Meter weiter getrieben - nicht zu früh. Denn fünf Minuten später krachte dort, wo ich gerade noch stand, ein Baum herunter. Da wurde mir das zu bunt und ich hab die Tiere nach dem Sturm ins Winterquartier aufs Festland gebracht.

          22:15 Uhr: Der Wind pfeift, ich drücke mich ein wenig tiefer in den Sessel hinein und mein Blick schweift gen Himmel. „Man, man. Nun macht mal nicht so dolle mit uns!“

          22:30 Uhr: Im Radio kommt die Meldung, auf Sylt sei ein Deich gebrochen. Hui. Nicht schön. Ich bin an der Küste aufgewachsen, in Dagebüll auf dem Festland. Auch da hatten wir mal einen Deichbruch, das ist kein Spaß. Aber hier, das wird ja wohl halten.

          23 Uhr: Der Wind wird ruhiger. Er beißt nicht mehr so. Ein gutes Zeichen. Schlecht wäre es, wenn gar kein Wind käme. Dann werde ich unruhig. Nach 16 Jahren auf der Hallig braucht man Wind.

          1:30 Uhr: Zu fünfzehnt sitzen wir in der ältesten Gaststätte Hooges, die auf unserer Warft steht. Vor uns die Kaffeebecher und ein Telefon, aus dem blechern die Satzbausteine einer Frauenstimme schallen. Hooge hat einen eigenen Pegelstandsmesser mit automatischer Ansage. 2,50 Meter über dem normalen Hochwasser, „Tendenz steigend“. Hoffentlich bleibt es unter drei Metern.

          2 Uhr: Ein Nachbar hat Bekannte in Schottland, die haben ordentlich was mitbekommen, erzählt er. Meine Freunde in Wales dagegen gar nichts. Noch ein Kaffee, noch mehr Geschichten, wir warten.

          Eine Woche können wir autark bleiben

          2:30 Uhr: In Dreiergruppen suchen wir mit Taschenlampen die Warft ab. Es stürmt, aber Gott sei Dank sind nirgendwo große Baumstämme im Wasser.

          3 Uhr: Zurück an der Theke. 2,70 Meter über dem normalen Hochwasser. „Tendenz gleichbleibend“. Endlich. Schon das zweite Mal kommen diese Worte aus dem Telefon und wir sind dann doch alle ein wenig erleichtert. Darauf ein Bier.

          3:30 Uhr: Versuchen wir mal zu schlafen. Im Erdgeschoss natürlich, von dem bisschen Wasser lasse ich mich doch nicht aus meinem Schlafzimmer vertreiben.

          5 Uhr: Ein Ohr ist immer noch am Wind. Jault er? Nein, ruhig eigentlich. Trotzdem, der Schlaf will nicht so recht kommen.

          7:15 Uhr: Hunderunde um die Warft. Selbst wenn ich gemächlich gehe, dauert sie nur zehn Minuten. Mehr Platz ist nicht, das Meer schwappt noch an die Warft heran. Schäden? Sind keine zu sehen. Anscheinend war es glimpflich.

          9 Uhr: In meinem Büro zwei Häuser weiter flackert das Licht. Was ist denn da wieder auf dem Festland los? Immerhin, es würde bei Stromausfall nur zehn Minuten dauern, dann startet das Notstromaggregat der Hallig. Eine Woche können wir so autark überleben.

          12 Uhr: Der Strom hat gehalten und zwischendurch kam sogar die Sonne kurz raus. Von der Reederei hieß es, dass morgen Nachmittag vielleicht sogar wieder die Fähren zwischen den Halligen fahren. Und wenn die Schiffe fahren, ist alles überstanden.

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