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Stürzte in Brunnenschacht : Eltern von Julen werden entschädigt

Rettungskräfte versuchten vor einem Jahr, Julen aus dem Brunnenschacht zu retten (Archivbild). Bild: dpa

Vor einem Jahr stürzte ein Junge in ein Bohrloch und erlag seinen Verletzungen. Nach dem Unfall fand die spanische Polizei viele weitere solcher Bohrlöcher. Der Prozess in Spanien wurde jetzt abgesagt.

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          Julen bleibt in Spanien unvergessen. Vor einer Woche erinnerten sich viele Spanier an den 13. Januar 2019, als der zwei Jahre alte Junge bei einem Familienausflug in ein Bohrloch gestürzt war, das nur 25 Zentimeter breit war. Es begann eine der kompliziertesten und teuersten Bergungsaktionen Spaniens. Doch knapp zwei Wochen später hatten die Retter nur noch den Leichnam des Jungen ans Tageslicht bringen können.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          An diesem Dienstag sollte in Málaga das Gerichtsverfahren gegen den Eigentümer des Grundstücks beginnen, der das Bohrloch ohne die vorgeschriebene Genehmigung hatte graben lassen; es war einer von vielen hundert illegalen Brunnen, die es überall in Spanien gibt. Doch zu dem Prozess wird es nicht kommen: 24Stunden vor dem Beginn erzielten die Eltern des Jungen und der Eigentümer des Grundstücks eine außergerichtliche Einigung. Der mit der Familie befreundete Beschuldigte wird laut Presseberichten den Vorwurf der fahrlässigen Tötung wegen schwerer Nachlässigkeit akzeptieren. Dafür wird er voraussichtlich eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr bekommen. Da er nicht vorbestraft ist, wird sie wahrscheinlich zur Bewährung ausgesetzt. Laut der andalusischen Zeitung „Diario Sur“ wird er zudem die Eltern mit 180.000 Euro entschädigen. Unklar ist, was mit den knapp 690.000 Euro geschieht, welche die andalusische Regionalregierung dem Mann in Rechnung stellen will, der sich zwischenzeitlich für bankrott erklärt hatte. Die Staatsanwaltschaft wollte ursprünglich zudem eine Freiheitsstrafe von drei Jahren fordern.

          Im vergangenen Frühjahr hatte der Eigentümer Empörung hervorgerufen, als sein Anwalt auf einmal schwere Vorwürfe gegen die 300 Rettungskräfte erhob, die 13 Tage lang zunächst einen Schacht und dann, unterstützt von asturischen Bergarbeitern, einen fast 70 Meter tiefen Parallelschacht in den harten Fels getrieben hatten. Der Verteidiger des Angeklagten hatte behauptet, Julen sei am Tag seines Verschwindens von einer Spitzhacke tödlich am Kopf verletzt worden. Die Retter hatten das Werkzeug in das Bohrloch hinabgelassen, um durch eine Schutt- und Geröllschicht zu dem Kind vorzudringen. Doch die Obduktion ergab, dass Julen an den Verletzungen gestorben war, die er sich zugezogen hatte, als sein Kopf während des Sturzes an die Wände des Schachts geprallt war.

          Der Tod des Jungen führte dazu, dass sich die Polizei in Spanien verstärkt auf die Suche nach solchen Schächten machte. Eine Sondereinheit der Guardia Civil teilte am Wochenende mit, dass innerhalb von nur fünf Monaten mehr als 1400 solcher Bohrlöcher gefunden worden seien – auch in Schutzgebieten, wie dem Nationalpark von Doñana bei Huelva, an dessen Rand Erdbeeren für den Export angebaut werden. Die Löcher gefährden nicht nur Menschen, sondern auch die Umwelt, weil sie dazu beitragen, dass der Grundwasserspiegel noch weiter sinkt. Weniger werdende Regenfälle haben besonders im Süden zu einer Wasserknappheit beigetragen. Umweltschützer sprechen von möglicherweise mehr als einer halben Million solcher „Mondscheinlöcher“, wie sie auch genannt werden, weil sie illegal nachts gegraben werden.

          Julens Eltern hatten vor einem Jahr bis zuletzt auf ein Wunder gehofft. Als man ihnen die Todesnachricht überbrachte, riefen sie angeblich verzweifelt: „Nicht noch einmal, nein.“ Julens älterer Bruder Oliver war wegen eines plötzlichen Herzversagens bei einem Strandspaziergang tot zusammengebrochen. Jetzt richtet sich der Blick der Eltern langsam wieder nach vorne. Das Paar erwartet das dritte Kind.

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