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Spenden für Haiti : Fünf Euro per SMS

DRK-Logistikzentrum in Berlin: Das DRK hat bisher sieben Millionen Euro an Spenden eingenommen Bild: dpa

Früher hat niemand an junge Geldgeber gedacht, heute verbreiten DSDS-Stars aus dem Fernsehen über „twitter“ die Aufforderung, per SMS ein paar Euro für Haiti zu spenden - und viele greifen sofort zum Handy. Kleckern statt Klotzen heißt die Devise.

          Früher galt in der Spendensammelbranche das Motto: Klotzen statt kleckern. Zwanzig Prozent aller Spender hätten im Normalfall 80 Prozent der Gesamtsumme aufgebracht, sagt Thilo Reichenbach, der für das Bündnis von Hilfsorganisationen „Aktion Deutschland hilft“ daran arbeitet, dieses Verhältnis zu verändern. Sein Vorbild ist dabei Barack Obama. „Er hat das Fundraising auf den Kopf gestellt“, sagt Reichenbach. Der Wahlkampf des amerikanischen Präsidenten habe gezeigt, dass auch viel Geld zusammenkomme, wenn man viele Menschen zu kleinen Spenden motiviere.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Reichenbach versucht also, auch die Menschen zum Spenden zu bringen, die das vorher nie getan haben und die mit ihren Fünf-Euro-Beiträgen nicht klotzen, sondern kleckern. Viele von ihnen sind jung, und deshalb sucht Reichenbach sie da, wo er sie am schnellsten findet - im Internet. Einen „Paradigmenwechsel“ nennt er die Entwicklung vom papiernen Überweisungsträger zur digitalen Spende. Früher habe niemand an junge Geldgeber gedacht, heute verbreiteten DSDS-Stars aus dem Fernseh-Vorabendprogramm, Thomas D. und auch Rainer Calmund über „twitter“ die Aufforderung, per SMS ein paar Euro für Haiti zu spenden – und viele junge Leute griffen sofort zum Handy.

          Organisationen drängen in die Netzgemeinde

          Alle großen traditionellen Hilfsorganisationen sind längst in den großen sozialen Netzwerken präsent, bei Facebook, meinVZ, Youtube und Twitter, aber auch auf Online-Spendenportalen wie „helpdirect“, „betterplace“ oder „helpedia“. Selbst Organisationen mit einer älteren Spenderklientel, etwa die Malteser, hätten sich in jüngster Zeit um die Netzgemeinde bemüht, sagt Reichenbach: Diese Gemeinde müsse man persönlich ansprechen. Große Organisationen empfänden sie oft als anonym, deshalb seien sie besonders empfänglich für Spendenportale, auf denen man gezielt an einzelne Projekte spenden kann. Sehr beliebt sei bei Jüngeren auch die Möglichkeit, Freunde und Verwandte im Netz zu Spenden für eine Organisation aufzurufen.

          Bei der Spendensendung im ZDF kamen mehr als 20 Millionen Euro zusammen

          Das Deutsche Zentrale Institut für soziale Fragen (DZI), das ein Qualitätssiegel an Hilfsorganisationen verleiht, vermutet auch, dass Online-Spenden jeglicher Art in Zukunft immer wichtiger werden. Aber der Geschäftsführer des DZI, Burkhard Wilke, sieht auch Risiken: Wenn etwa „betterplace“ den Spendern ermögliche, nicht an Organisationen, sondern direkt an Hilfsbedürftige zu spenden, sei es nicht so sicher wie bei etablierten Hilfsorganisationen, dass das Geld auch wirklich ankomme. Demnächst will das DZI darum Kriterien festlegen, anhand deren man die Sicherheit der Internet-Spendenportale messen können soll. Ihr Spendensiegel, sagt Wilke, wollten sie aber vorerst nicht auf das Internet ausweiten.

          Fünf Euro per SMS

          Für viele Organisationen ist es noch zu früh, um den Anteil der Online-Spenden am Gesamtvolumen zu beziffern. „Aktion Deutschland hilft“ gibt an, dass über ein Viertel der Spenden für Haiti im Internet akquiriert worden sei. Eine durchschnittliche Online-Spende liege mit etwa 100 Euro dabei wesentlich höher als die Spenden aus den sozialen Netzwerken - die sich zwischen fünf Euro per SMS und 28 Euro über das Aktionsportal bewegten. Online-Fundraising beginne in Deutschland eben gerade erst, sagt Reichenbach. Amerika sei da um einige Jahre voraus - dort verbreiteten sich Spendenaufrufe auch deshalb viel schneller, weil Prominente auf ihren Facebook- und Twitter-Profilen zum Teil mehrere hunderttausend Follower und Freunde hätten, während „unsere Prominenten vielleicht gerade mal 30.000 Kontakte haben“.

          Immerhin ist in Deutschland nach der Katastrophe von Haiti selbst die „Blogosphäre“ aktiv geworden, die gemeinhin - solange es nicht um Netzsperren geht - als eher unpolitisch gilt. Johnny Haeusler, Betreiber des beliebten Gesellschaftsblogs „spreeblick“, startete auf Wunsch von Lesern eine Sammelaktion auf „helpedia“. Er verlinkte sie auf „spreeblick“ und forderte die „Blogger, Twitterer, Facebooker und Sozialnetzwerker“ auf, für die Menschen in Haiti zu spenden. Weil jede Aktion bei „helpedia“ ein Spendenziel anvisieren muss, gab Haeusler 5000 Euro an, die er glaubte, in ein paar Tagen erreichen zu können. Noch am selben Abend setzte er die Zielmarke auf 10.000 Euro herauf. Inzwischen sind schon mehr als 23.000 Euro zusammengekommen.

          Wohl nicht so viel wie nach dem Tsunami

          Die großen Hilfsorganisationen in Deutschland sind bis auf Ärzte ohne Grenzen und Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen wartet zurzeit auf das DZI-Spendensiegel, in drei Bündnissen zusammengeschlossen. Unicef hat bisher etwa drei Millionen Euro an Spenden erhalten, Ärzte ohne Grenzen fünf Millionen. „Aktion Deutschland hilft“ (www.aktion-deutschland-hilft.de) umfasst 18 Organisationen, darunter die Malteser, Care, World Vision, Action Medeor und die Johanniter. Neben den Spenden, die jede Organisation einzeln erreichen, hat das Bündnis bisher etwa vier Millionen Euro an Spenden eingenommen, davon eine Million aus Online-Spenden und mehr als 200 000 Euro durch soziale Netzwerke.

          Im „Bündnis Entwicklung hilft“ (www.entwicklung-hilft.de) sind Brot für die Welt, Medico International, Misereor, Terre des hommes und die Deutsche Welthungerhilfe zusammengeschlossen. Bei dem Bündnis sind bisher mehr als zehn Millionen Euro eingegangen. Das „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“ umfasst Caritas International, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Diakonie Katastrophenhilfe und hat als Bündnis bisher etwa eine Million Euro eingenommen. Das DRK hat sieben Millionen Euro an Spenden eingenommen, die Diakonie Katastrophenhilfe 2,8 Millionen Euro.

          Bei der Spendensendung der „Bild“- Zeitung und des ZDF kamen nach Angaben des Springer-Verlags mehr als 20 Millionen Euro zusammen, die an das „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“, die Welthungerhilfe und „Ein Herz für Kinder“ verteilt werden. An die Summe, die in Deutschland nach dem Tsunami 2004 gespendet wurde, werden die Spenden für Haiti nach Ansicht mehrerer Sprecher von Hilfsorganisationen nicht herankommen. Damals spendeten die Deutschen nach Angaben des Deutschen Spendenrats rund 670 Millionen Euro. Nach der Elbe-Flut 2002 kamen 350 Millionen Euro zusammen. Eine Sprecherin des DRK sagte, es sei unwahrscheinlich, dass so viel gespendet würde, dass das Geld - wie nach dem Tsunami - nicht mehr für Projekte im Katastrophengebiet ausgegeben werden könnte. In Haiti habe es auch vor dem Beben keine Infrastruktur gegeben, man fange dort bei null an, und brauche deshalb umso mehr Geld. (mkwa.)

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