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Winterchaos in Spanien : Auf dreißig Stunden Schneefall folgt die große Kälte

Winterlandschaft im Zentrum Madrids: Ein Mann wirft auf der zugeschneiten Plaza Mayor einen Schneeball. Bild: Getty

In Madrid schwächt sich der Wintersturm ab – große Teile Spaniens hat er aber weiter fest im Griff. Ein kleines Mädchen kommt auf der Autobahn zur Welt. Und die Impfkampagne kommt praktisch zum Erliegen.

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          Auf dreißig Stunden Schneefall folgt jetzt die große Kälte. Der Wintersturm Filomena schwächte sich in Madrid und der Landesmitte am Sonntag zwar ab, hatte aber große Teile Spaniens weiter fest im Griff. In Teruel, Zaragoza, Tarragona und Castellón dauerten die heftigsten Schneefälle seit einem halben Jahrhundert zunächst noch an. Lockdowns kennen die Spanier seit dem Beginn der Corona-Pandemie zwar, aber der Winterausbruch bedeutete auch für sie eine neue Erfahrung: Ganz Madrid war nicht nur geschlossen, sondern praktisch von der Außenwelt abgeriegelt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Obwohl die Regierung die Bürger ermahnt hatte, zu Hause zu bleiben, zog es viele nach draußen, um wenigstens ein Erinnerungsfoto zu machen – auch wenn sie oft nicht weit kamen. Denn in manchen Seitenstraßen der Hauptstadt lag der Schnee fast hüfthoch. Mit der Metro fuhren viele Einwohner ins Stadtzentrum zum Skifahren, zum Beispiel mitten auf dem Boulevard Gran Vía. Andere rodelten den kleinen Abhang über dem Prado-Museum hinunter.

          Große Parks wie der Retiro wurden jedoch geschlossen. Äste begannen, unter der Last der gefrierenden Schneemassen zusammenzubrechen. Die Stadtverwaltung sprach am Sonntag von Tausenden Bäumen, die bereits Schaden genommen hätten und eine zunehmende Gefahr für die Passanten seien. Schulen, Universitäten, Museen und Theater werden vor Mittwoch nicht wieder ihren Betrieb aufnehmen.

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          Auch in Aragón und Kastilien-La Mancha bleiben die Schüler und Studenten vorerst daheim. Politiker appellierten an die Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter im Homeoffice zu lassen. Ärzte und Pflegepersonal hatte wiederum zu kämpfen, um in die Kliniken oder von dort nach Hause zu kommen. Oft blieben auch Rettungswagen stecken; ein kleines Mädchen kam auf der Autobahn zur Welt, auf der das Auto ihrer Eltern nicht mehr weiterkam; sie waren losgefahren, weil ein Krankenwagen es nicht zu ihrem Haus geschafft hatte. In einer privaten Initiative boten Besitzer von Geländewagen über den Internetdienst Telegram an, Patienten in die Krankenhäuser zu bringen.

          Am Sonntag organisierte die Regierung Konvois, um die Versorgung mit Lebensmitteln und die Verteilung des Covid-Impfstoffs sicherzustellen. Der Sturm brachte die Impfkampagne praktisch zum Erliegen, die in Spanien bisher nur schleppend in Gang gekommen war. Soldaten wurden eingesetzt, um die wichtigsten Zufahrten zum Madrider Großmarkt freizuschaufeln. Die spanische Hauptstadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern verfügt laut Presseberichten nur über 66 Schneepflüge, weshalb die Armee zu Hilfe gerufen wurde.

          Einige Autofahrer hatten auf den eingeschneiten Ringautobahnen fast 18 Stunden lang festgesessen, bis sich Helfer zu ihnen durchkämpften. Sie brachten mehr als 1500 Menschen in Sicherheit. Unterwegs Gestrandete übernachteten in Sporthallen, Hunderte Passagiere auf dem Barajas-Flughafen. Der hatte am Freitagabend den Flugbetrieb eingestellt. Gegen Sonntagabend sollte der Flugverkehr schrittweise wiederaufgenommen werden. Auch Busse und S-Bahnen standen in Madrid bis Sonntag still, nur die U-Bahn fuhr. Der Eisenbahnverkehr war ebenfalls gestoppt worden. Am Sonntagnachmittag fuhren dann wieder erste Züge nach Santander, Valencia und Málaga, nicht jedoch nach Barcelona.

          Er erwarte, dass sich in der Hauptstadt erst gegen Ende der Woche wieder eine „gewisse Normalität“ einstelle, sagte Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida, der den Wintersturm einen „Schnee-Tsunami“ nannte. Im Rathaus wurde über die Möglichkeit debattiert, den Katastrophenzustand auszurufen. In Madrid waren bis zum Sonntag zwei Menschen ums Leben gekommen. Ein Mann, dessen Auto Schneemassen unter sich begraben hatten, wurde tot geborgen. Ein Obdachloser erfror in einem Park. In der Provinz Málaga riss ein Sturzbach das Fahrzeug eines Paars mit sich, das Paar überlebte nicht; im Süden Spaniens gingen starke Regenfälle nieder. In den Regionen, in denen kein Schnee fiel, brachte Filomena Unwetter, starke Windböen, Dauerregen und hohe Wellen. Zeitweise galt in zehn der insgesamt 50 spanischen Provinzen die höchste Alarmstufe Rot.

          Während die Schneefälle am Sonntagnachmittag abnahmen, rüstete sich Spanien für einen Temperatursturz, der an diesem Montag einsetzen soll. Am vergangenen Donnerstag war schon in der Provinz Léon mit minus 35,8 Grad ein neuer Kälterekord erreicht worden. So kalt wird es voraussichtlich nicht mehr werden. Aber der staatliche Wetterdienst Aemet warnt bis Donnerstag vor Temperaturen von minus zehn Grad. „Die Gefahr ist nicht vorüber. Auf den Schneesturm folgt eine Kältewelle, die nie dagewesene Mindesttemperaturen erreichen kann, was uns weiterhin Vorsicht und Geduld abverlangen wird“, sagte der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Sonntag.

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