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Wenig Sonne, viel Regen : Wird’s nie wieder richtig Sommer?

  • -Aktualisiert am

Keine Straße mehr zu sehen: Hochwasser in Rühden, einem Stadtteil von Seesen in Niedersachsen Bild: dpa

Verletzte Feuerwehrmänner, überflutete Innenstädte, Katastrophenalarm – und das alles mitten im Sommer. An Extremwetterlagen mit Hitzeperioden, und folgendem Stark- und Dauerregen, müssen sich die Deutschen laut Experten gewöhnen.

          „Ganz normale Bilderbuchsommer, trocken und mit Temperaturen um die 25 bis 30 Grad über mehrere Wochen werden immer seltener.“ Das sagte der Meteorologe Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am Mittwoch. Müssen wir uns in Deutschland also zunehmend auf regnerische, wechselhafte Sommer einstellen?

          Streng genommen, ist der warme, trockene Sommer recht neu für Deutschland. Und untypisch. „Den Bilderbuchsommer gab es früher nie“, sagt Andreas Becker, Leiter des Weltzentrums für Niederschlagsklimatologie beim Deutschen Wetterdienst. „An diesen Sommer haben wir uns nur gewöhnt.“ Er kam in den vergangenen Jahren im Zuge des Klimawandels: „Seit den Nuller Jahren haben wir weltweit und auch in Deutschland regelmäßig Temperaturrekorde im Jahresmittel und auch in den Sommerwerten geknackt.“

          Überflutete Straße in Bad Harzburg: Starkregen und Hochwasser haben im südlichen Niedersachsen teils zu chaotischen Verhältnissen geführt. Bilderstrecke

          Betrachtet man die Sommer der vergangenen Jahrzehnte, so waren sie im Durchschnitt durchwachsen. Das folgt schon aus der Tatsache, dass Deutschland klimatisch gesehen in den gemäßigten Breiten liegt. Was bedeutet, dass die Niederschläge gleichmäßig über das Jahr verteilt sind. Im Winter allerdings halten sie länger an, es regnet und schneit über mehrere Stunden. Anders in den Sommermonaten, in denen die Niederschläge in der Regel konzentrierter vom Himmel kommen. Es regnet nicht so viele Stunden am Stück, dafür in kürzerer Zeit stärker.

          In Teilen Niedersachsens ist landunter

          In den vergangenen Tagen regnete es besonders viel: In Teilen Niedersachsens ist deshalb landunter. 29 der 94 Pegelmessstellen meldeten am Mittwoch Hochwasser. Die Region um Hildesheim war besonders stark betroffen. Aber auch in anderen Bundesländern, in Hessen, Sachsen-Anhalt, Bayern und Teilen Thüringens, waten die Menschen zur Zeit mit Gummistiefeln durch die Straßen. Ist auch das normal, nur ein konzentrierter Niederschlag?

          Ja und nein. Die gegenwärtige Wetterlage ist häufig mit Unwettern verbunden, tritt aber nur an etwa zehn Tagen im Jahr auf. Normalerweise ziehen Tiefdruckgebiete von Westen nach Osten. Auf ihrer Zugbahn regnet es etwas. Hochdruckgebiete über Irland und dem Europäischen Nordmeer haben zuletzt aber dazu geführt, dass das Tief Alfred nur langsam über West- und Mitteleuropa ziehen konnte. Die Folge: In einigen Regionen regnete es innerhalb kürzester Zeit sehr stark. Auf dem Brocken zum Beispiel wurden zwischen Dienstagmorgen und Mittwochfrüh 117 Liter pro Quadratmeter Niederschlag gemessen. Diese Wetterlage nennen Meteorologen „Tief Mitteleuropa“. Sie führte schon häufiger zu Hochwassern, unter anderem zu der sogenannten Jahrhundertflut im Jahr 2002.

          Meteorologe Peter Hoffmann geht zudem davon aus, dass die Zahl der Extremwetterlagen mit Hitzeperioden, gefolgt von Stark- und Dauerregen, zunehmen werden. Auch der Deutsche Wetterdienst sieht Anzeichen dafür. Bis zur nächsten Jahrhundertwende sagen einige Modelle sieben bis zehn Tage mehr pro Jahr mit der Extremwetterlage „Tief Mitteleuropa“ vorher. Allerdings handele es sich hierbei um Prognosen, hebt Andreas Becker hervor.

          Land- und Starkregen haben zugenommen

          Einige Gegenden in Deutschland werden laut Becker aufgrund des Klimawandels trockener und wärmer werden. Vorwiegend die Regionen, die im Sommer ohnehin schon ein warmes, trockenes Klima haben, würden noch trockener werden. Das sind die Lee-Lagen der Mittelgebirge, also die auf der windabgewandten Seite liegenden Berge. Die Pfalz, die Region Alzey-Worms sowie die Lee-Seiten des Thüringer Waldes, des Harzes und der Magdeburger Höhe werden trockener. Auch das östliche Brandenburg und das nördliche Sachsen sind davon betroffen. Schon heute verdunstet dort im Sommer mehr Wasser, als vom Himmel fällt. Dieser Trend wird durch steigende Temperaturen zunehmen.

          Die Prognose, in welchen Regionen die Niederschlagsmenge zunehmen wird, gestalte sich schwieriger, sagt Becker. Niederschläge in Form von Landregen – also normalem, mittelstarkem Regen – haben nach Messungen des Deutschen Wetterdienstes in den vergangenen 110 Jahren im Nordwesten Deutschlands um zehn bis 15 Prozent zugenommen. Starkregen, Hagel und Gewitter treten in Gebirgen wie den Alpen und der Schwäbischen Alb häufiger auf als im Flachland.

          Wo die Menschen in Zukunft ihre Keller häufiger leerpumpen müssen, lässt sich schwer vorhersagen. Das liegt unter anderem daran, dass der Deutsche Wetterdienst Starkregenfälle mit seinem Wetterradar erst seit 2001 erfassen kann. Für die Wetterforschung ist der Zeitraum zu kurz. Die Daten von mindestens 30 Jahren sind nötig, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

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