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Seilbahnunglück in Stresa : Verdächtige gestehen Manipulation des Notbremssystems

Ort des Unglücks: Kurz vor der Bergstation riss ein Kabel und lies die Gondel in die Tiefe stürzen. Bild: AP

Im Zuge der Ermittlungen um das tödliche Seilbahnunglück am Lago Maggiore sind am Mittwochmorgen drei Mitarbeiter der Betreibergesellschaft festgenommen worden. Sie geben zu, das Notbremssystem wissentlich deaktiviert zu haben.

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          Bei den Ermittlungen zum Hergang des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore von Pfingstsonntag hat sich der Verdacht des grob fahrlässigen Handelns bei der Betreibergesellschaft „Ferrovie del Mottarone“ erhärtet. Wie italienische Nachrichtenagenturen am Mittwoch berichteten, wurden gegen vier Uhr am Morgen der Chef der Betreibergesellschaft, ein Ingenieur sowie der diensthabende Betriebsleiter verhaftet.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die leitende Staatsanwältin der Provinz Verbania, Olimpia Bossi, wirft den Verhafteten vor, wissentlich das Notbremssystem der Seilbahnanlage deaktiviert zu haben. Als Grund wird vermutet, dass es seit der Inbetriebnahme der Seilbahn zwischen Lido di Stresa und dem Monte Mottarone am 27. April immer wieder zu Betriebsunterbrechungen durch die offensichtlich fehlerhafte automatische Aktivierung des Notbremssystems gekommen war. Um den ununterbrochenen Betrieb der Anlage zu gewährleisten, sei zwischen den Bremsbacken ein Stahlbügel eingefügt worden, der das Schließen der Backen verhindert.

          Wie italienische Medien berichten, haben die drei Männer gestanden, das Notbremssystem bewusst ausgesetzt zu haben. Sie hätten damit verhindern wollen, dass die Gondel ihren Dienst aussetzen muss. Die Ausschaltung des Notbremssystems sei in der Überzeugung beschlossen worden, „dass das Kabel niemals reißen würde“.

          Die Notbremse soll verhindern, dass die Kabinengondel in einem Notfall – etwa dem Riss des Zugseils – talwärts rast. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass die Entscheidung zum Einfügen des Bügels getroffen wurde, weil die fällige Reparatur das Stilllegen der Anlage für längere Zeit erfordert hätte. Bei der zur Zeit des Unglücks talwärts fahrenden Gondelkabine hatte das Notbremssystem ordnungsgemäß funktioniert, dort blieben die Passagiere unverletzt.

          Staatsanwaltschaft: „Die Anlage hätte stillstehen müssen“

          Gemäß den Vorschriften darf ein Bügel zum dauerhaften Offenhalten der Bremsbacken des Notbremssystems nur eingebracht werden, wenn sich keine Personen in der Gondel befinden. Mit der Vorrichtung soll erreicht werden, dass niemand zu der Gondel und zum Tragseil hinaufsteigen muss, um die Notbremse zu lösen, wenn diese nach einem Stromausfall oder einem Defekt der Hydraulik auf dem Weg zwischen den Stationen stehen geblieben ist. Nach Medienberichten war es einen Tag vor dem Unglück zu einem rund halbstündigen Stillstand der Gondelanlage gekommen. Ob es zwischen dem Riss des Zugseils vom Pfingstsonntag und der Betriebsunterbrechung tags zuvor einen Zusammenhang gibt, ist noch nicht geklärt.

          Vor der Festnahme der drei Männer waren mehrere Bedienstete der Seilbahn im Beisein ihrer Anwälte von den Ermittlern vernommen worden, berichteten italienische Medien. Zudem wurden die Aufnahmen der Überwachungskameras an der Bergstation ausgewertet. Darauf ist zu sehen, wie die Kabine kurz vor der Einfahrt in die Station ruckartig zum Stehen kommt, weil das Zugseil gerissen ist, und sich anschließend in zunehmender Geschwindigkeit talwärts bewegt.

          Chefstaatsanwältin Bossi äußerte gegenüber italienischen Medien die Ansicht, der Stahlbügel in der Notbremse sei nicht etwa versehentlich in der Anlage geblieben: „Es handelte sich um eine aus wirtschaftlichen Gründen getroffene bewusste Entscheidung. Die Anlage hätte stillstehen müssen.“ Es gebe „klare Hinweise auf ein schuldhaftes Verhalten“ der Betreiber der Anlage, sagte Bossi. Bei dem Unglück vom Sonntag waren 14 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen fünf Personen einer aus Israel stammende Familie. Der Zustand des fünf Jahre alten israelischen Jungen, der als Einziger die Katastrophe überlebt hatte und in einer Klinik in Turin behandelt wird, hat sich in der dritten Nacht nach dem Unglück weiter stabilisiert.

          Nach der Tragödie von Pfingstsonntag haben die Veranstalter des Giro d'Italia die Strecke für die am Freitag geplante Etappe geändert. Für die 19. Etappe war ein schwieriger Anstieg auf den Monte Mottarone in der norditalienischen Region Piemont geplant. In Übereinstimmung mit Italiens Verkehrsminister Enrico Giovannini und den Verantwortlichen der Region Piemont hat die Rennleitung am Dienstagabend entschieden, den Streckenverlauf zu ändern. Die modifizierte Etappe mit einer Länge von 166 Kilometern startet nun in dem Ort Abbiategrasso westlich von Mailand. Zuvor hatten Minister Giovannini und Vertreter der Regionalregierung in Turin die Organisatoren gebeten, die Route aus Respekt vor den Opfern zu ändern.

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