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Schwer verletzter Höhlenforscher : Bis zur Rettung vergehen Tage

  • -Aktualisiert am

Rettungskräfte seilen sich in die Höhle ab Bild: dpa

Ein Höhlenforscher ist im Riesending schwer verletzt worden. Die extremen Bedingungen vor Ort stellen die Retter vor eine große Herausforderung.

          3 Min.

          Ein Unfall in großer Tiefe ist die größte Sorge der Höhlenforscher am Untersberg bei Berchtesgaden. Schon ein verstauchter Knöchel kann eine großangelegte Rettungsaktion zur Folge haben. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde aus solchen Befürchtungen Wirklichkeit. Im Riesending, der tiefsten und längsten bekannten Höhle Deutschlands, wurde gegen 1.30 Uhr am Pfingstsonntag in rund 1000 Metern Tiefe ein Zweiundfünfzigjähriger aus dem Raum Stuttgart durch einen Steinschlag an Kopf und Brust schwer verletzt. Deshalb kann er den Aufstieg aus der Höhle nicht mehr alleine bewältigen.

          Während ein Höhlenforscher bei dem Verletzten blieb, konnte ein anderer nach zehn Stunden Aufstieg den Höhleneingang auf dem Plateau des Untersberg erreichen und einen Notruf absetzen. Am Montagvormittag erreichte dann nach Angaben der Polizei ein vierköpfiger Rettungstrupp, zu dem auch ein Arzt gehört, den Verletzten. Das Rettungsteam, das zwölf Stunden unterwegs war, brachte Medikamente, Lebensmittel und Wasser hinunter.

          Errichtung eines Kommunikationssystems problematisch

          Erfahrene Höhlenforscher und -retter rechnen damit, dass die Bergung des Verunglückten mehrere Tage in Anspruch nehmen wird. „Das Problem ist, dass eine Rettung aus 1000 Metern Tiefe nicht nach zwei Stunden erledigt ist“, sagt Bärbel Vogel, die Vorsitzende des Verbands der deutsche Höhlen- und Karstforscher. „Erst muss in den Schächten die notwendige Logistik aufgebaut werden, die eine Rettung überhaupt möglich macht. Das wird einige Tage dauern.“

          200 Helfer von Bergwacht Chiemgau, Höhlenrettung Baden-Württemberg, Höhlenrettung Österreich und der Alpinen Einsatzgruppe des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd sind im Einsatz. Die Retter haben bis zum Montagnachmittag im Riesending schon vier Biwaks eingerichtet, um den Verletzten in Etappen aus der Höhle zu transportieren. Dabei sind sie extremen Bedingungen ausgesetzt. Die Luftfeuchtigkeit beträgt fast 100 Prozent. Die Temperatur in der Höhle liegt zwischen 1,5 und fünf Grad. Außerdem ist geplant, ein Kommunikationssystem aufzubauen. In dem komplizierten System aus Canyons, Schächten und Wasserfällen gestaltet sich das jedoch als ausgesprochen schwierig. Immerhin ist der Verletzte zum Glück eben, trocken und windstill gebettet.

          Der hohe Anspruch, den das Riesending an seine Erforscher stellt, ist einer der Gründe, weshalb bis heute nur wenige Höhlenforscher die Höhle am Untersberg erkundet haben. „Das Riesending ist nur für erfahrene und fitte Höhlenforscher befahrbar“, sagt Bärbel Vogel. „Dort sind nur Profis unterwegs. Sie wissen, was auf sie zukommen kann. Der Unfall am Sonntag ist deshalb gewiss nicht aus Unachtsamkeit oder Unerfahrenheit passiert.“

          Genaue Größe der Höhle kann nicht abgeschätzt werden

          Die Schachthöhle wurde 1995 von der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt entdeckt. Zu den Entdeckern soll auch der 52 Jahre alte Verletzte gehört haben. Seit 2002 wurden 19,2 Kilometer der 1148 Meter tiefen Höhle erkundet und rund 9000 Meter Fixseile durch Schächte und Canyons verlegt. Die Höhlenforscher sind mittlerweile so weit in die Höhle vorgedrungen, dass sie die Forschungsendpunkte erst nach zwei Anmarschtagen erreichen. Entsprechend viel Zeit nimmt deshalb auch eine Rettung in Anspruch. Die Höhlenforscher wissen, wie gefährlich ein Unfall in der Höhle sein kann. „Müdigkeit, Erschöpfung, aber auch Wagemut oder Überheblichkeit sind die ärgsten Unfallursachen“, sagte kürzlich einer der Riesending-Erforscher dem „Berchtesgadener Anzeiger“. „Ansonsten haben wir großen Respekt vor unerwarteten Niederschlägen und Steinschlag. Beide Faktoren kann man aber mit etwas Umsicht recht gut kontrollieren.“

          Einsatzkräfte der Bergwacht beraten das weitere Vorgehen am Untersberg.

          Wie alle Höhlen der Nördlichen Kalkalpen entstand auch das Riesending am Untersberg durch Wasser, das den Kalk löst. Entlang von Klüften und Störungen dringen Regen- und Schmelzwässer tief in den aus Dachsteinkalk und Dolomit aufgebauten Untersberg ein und erweitern so die Hohlräume. Wie groß die Höhle tatsächlich ist, kann nicht abgeschätzt werden. Es gibt einige Hinweise auf eine Verbindung des Riesending mit dem Gamslöcher-Kolowrat-Höhlensystem, das sich auf der österreichischen Seite des Untersbergs erstreckt. Es ist 38 Kilometer lang. Auch eine Verbindung zu dem mehr als zwölf Kilometer langen Höhlensystem der Windlöcher erscheint möglich.

          Bei der Rettung hofft man nun auch auf vier Höhlenretter aus der Schweiz, die sich auf den Weg gemacht haben. Da der Zweiundfünfzigjährige an Kopf und Oberkörper schwer verletzt wurde, muss er vermutlich liegend transportiert werden, was wiederum in der Enge des Schachts kaum möglich scheint. Immerhin können die Retter seit Montagnachmittag in bis zu 400 Metern Tiefe telefonieren. Das wird die Koordination bei der Rettung erleichtern.

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