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Schneechaos in den Alpen : Trotz aller Warnungen abseits der Piste

Österreich: Dieses von der Bundesfeuerwehr zur Verfügung gestellte Bild zeigt Feuerwehrleute bei einen Einsatz in Eisenerz. Bild: dpa

Tausende Anwohner und Touristen sitzen wegen der extremen Lawinengefahr in den Alpen fest. Mehrere Skifahrer kommen ums Leben. In den französischen Alpen sterben zwei Pistenarbeiter.

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          Nach einem „Wetterfenster“ von zwei Tagen, in denen Straßen geräumt und Lawinen gesprengt wurden, hat der dichte Schneefall im gesamten Nordalpenraum Bayerns und Österreichs wieder höchste Lawinenwarnstufen und Sperrungen notwendig gemacht. In Lech in Vorarlberg wurden drei deutsche Skifahrer durch eine Lawine getötet, ein vierter wurde am Sonntag noch vermisst. Bei einer Lawinensprengung in den französischen Alpen starben zwei Pistenarbeiter. Die Männer hantierten am Sonntag mit Sprengstoff, als es aus zunächst ungeklärter Ursache zur Explosion kam.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Mehr als 7500 Einwohner und Touristen wurden im Westen Österreichs eingeschneit oder durch Straßenabsperrungen abgeschnitten. In Bayern saßen rund 2000 Menschen fest. Mindestens bis Dienstag ist damit zu rechnen, dass örtlich die höchste Schneewarnstufe ausgegeben bleibt. Die in Vorarlberg verunglückten Skifahrer, laut Agenturmeldungen auch abseits gebahnter Pisten geübte „Freerider“, waren am Samstag auf einer gesperrten Route namens „Langer Zug“ unterwegs.

          Sie waren zwischen 32 und 57 Jahre alt und stammten aus Oberschwaben. Ein 28 Jahre alter Mann, ebenfalls aus Süddeutschland, der mit ihnen fuhr, konnte zunächst nicht gefunden werden. Die Suche nach ihm musste am späten Samstagabend wegen des starken Schneefalls und der Gefahr weiterer Lawinen abgebrochen werden. Die drei Männer, die ums Leben gekommen sind, waren mit Notfallausrüstung samt Airbags und Ortungssystemen versehen. Nach Angaben der Polizei wiesen die geborgenen Leichname Mehrfachverletzungen und Erstickungsmerkmale auf.

          Rund 300 Mann schaufeln Häuser frei

          Ehe der wieder zunehmende Schneefall Flüge in den meisten betroffenen Gegenden unmöglich machte, unternahm das österreichische Bundesheer am Wochenende 44 Flüge, teils zur Erkundung, teils um mit abgeworfenen Sprengladungen Lawinen zu lösen. Indem so die akute Gefahr unkontrollierter Lawinen gebannt wurde, konnte beispielsweise eine Straße nach Radmer in der Obersteiermark freigegeben werden, die acht Tage lang gesperrt gewesen war. Am Hochkar in Niederösterreich, für den der Katastrophenzustand ausgerufen worden ist, sind Feuerwehrleute und Soldaten am Sonntagfrüh zur evakuierten Ortschaft Talboden auf 1400 Meter Höhe vorgedrungen. Rund 300 Mann schaufelten die Häuser frei, die nach den Schilderungen teils vollständig vom Schnee zugeweht worden waren.

          Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte am Samstag bei einem Besuch im verschneiten Bad Tölz gesagt, es gebe in Sachen Schnee „keinen Anlass zur Panik, aber schon zu ernster Besorgnis“. Dass er damit Recht hatte, zeigte sich am Sonntag: Das Gewicht des Schnees ist im Moment in Bayern das größte Problem. Allein im Landkreis Berchtesgadener Land, wo am Sonntag Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Gebirgsjägerbrigade 23 besuchte, waren 900 Dächer gemeldet, die geräumt werden mussten. In Kempten im Allgäu sperrte die Stadt am Samstagabend wegen der Schneelast vorsorglich elf Sporthallen. Diese sollen bis einschließlich Dienstag geschlossen bleiben, weil durch die angekündigten Niederschläge mit noch höherem Gewicht auf den Dächern zu rechnen sei. Söder kündigte an, 500 weitere Bereitschaftspolizisten in die von den Schneemassen betroffenen Gebiete zu schicken. Insgesamt sind seinen Angaben nach dann 5000 Kräfte im Einsatz. Sie sollen vor allem helfen, die Dächer einsturzgefährdeter Gebäude freizuschaufeln.

          In der Nacht zum Sonntag hatte es vielerorts wieder angefangen zu schneien. „Wir verzeichnen 25 Zentimeter Neuschnee in Teisendorf, 30 Zentimeter in Ruhpolding und 21 Zentimeter in Garmisch“, teilte ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes schon für den Sonntagmorgen mit. Zum Teil begann es dann bei Plusgraden auch zu tauen. Dadurch wurde der Schnee nass und schwer – eine zusätzliche Belastung für die Dächer von Wohnhäusern und Gebäuden.

          Menschen in den oberbayerischen Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach, Berchtesgadener Land und Traunstein, wo teilweise seit Tagen der Katastrophenfall gilt, müssen laut Wetterdienst zudem mit zusätzlichen Schneemassen rechnen. Im Wintersportort Balderschwang im Allgäu saßen nach einem Lawinenabgang am Sonntag etwa 1300 Einwohner und Touristen fest. „Der Riedbergpass ist vorsorglich gesperrt, weil auch hier Lawinengefahr herrscht“, sagte ein Polizeisprecher.

          Wegen der Schneelast auf den Bäumen und der Lawinengefahr ist das Befahren des Passes riskant. Damit ist die einzige Verbindung von deutscher Seite aus blockiert. Zuvor war bereits auf österreichischer Seite bei Hittisau eine Lawine abgegangen. Verletzte gab es nicht. Die Versorgung für die in etwa 1000 Meter Höhe liegenden Gemeinde ist vorerst gesichert. Die Stromleitungen sind intakt. „Eine Evakuierung ist derzeit nicht geplant“, hieß es. Wann der Ort wieder erreichbar ist, blieb zunächst unklar.

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