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Schnee : Handarbeit gegen Schneemassen

  • -Aktualisiert am

Landkreis Regen: Soldaten im Einsatz Bild: dpa/dpaweb

In Bayern und Österreich kämpfen Tausende Helfer unermüdlich gegen die chaotischen Wetterverhältnisse an. Zum Teil sind sie seit drei Tagen fast ununterbrochen im Einsatz. Ein Feuerwehrmann stürzte von einem Dach und kam ums Leben.

          Verhaltene Zuversicht hat sich am Freitag in Bayern geregt, als der Wetterdienst ein Nachlassen der Schneefälle für das Wochenende vorhersagte. Eine Verringerung des Niederschlags im Osten des Landes - diese Botschaft gab den mehr als 5000 Helfern, die versuchten, einsturzgefährdete Dächer von den Schneemassen zu befreien, Kraft zum Durchhalten. Zahlreiche Bürger meldeten bei sich ihren Gemeinden und fragten, wie und wo sie helfen könnten - und sei es nur durch das Kochen von heißem Tee.

          Die Moral der Helfer wurde am Freitag allerdings auf eine harte Probe gestellt: In den sechs Landkreisen im östlichen Bayern, in denen der Katastrophenfall ausgerufen war, schneite es bis in die Abendstunden des Freitags ergiebig. Schon in Tallagen wurden bis zu 50 Zentimeter Neuschnee gemessen. Starke nordwestliche Winde verstärkten die meteorologische Staulage an den Höhen des Oberpfälzer und Bayerischen Walds. Zeitweilig schien es ein vergeblicher Kampf gegen die Naturgewalten zu sein.

          „Es ist die Hölle los“

          Der Landrat des Kreises Straubing-Bogen, Alfred Reisinger, sagte: „Es ist die Hölle los.“ Doch die Helfer der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks, der Bundeswehr und der Bundespolizei ließen sich nicht entmutigen. Dach um Dach wurde am Freitag geräumt. Die Frauen und Männer nahmen dabei ein beträchtliches Risiko in Kauf. Ein 27 Jahre alter Feuerwehrmann, der bei Traunstein in der Nacht zum Freitag auf dem Dach einer Halle Sicherungsseile für seine Kameraden abringen wollte, stürzte durch ein Fenster fünfzehn Meter in die Tiefe und starb noch am Unglücksort. Zuvor hatten schon eine 19 Jahre alte Bundeswehrsoldatin und ein 25 Jahre alter Feuerwehrmann schwere Verletzungen erlitten, als Dächer unter ihnen nachgaben.

          Im Landkreis Rosenheim

          Am Freitag wurde immer wieder an die Helfer appelliert, die Eigensicherung nicht zu vernachlässigen. Vor jeder Räumung wurden größere Dächer von einem Statiker inspiziert. Besonders prekär war die Lage für Eigenheimbesitzer in den Katastrophengebieten. Sie konnten beim Räumen ihrer Dächer nur in Einzelfällen von Feuerwehren und anderen Hilfskräften unterstützt werden, die vorrangig öffentliche Gebäude und große Hallen sichern mußten. Vor allem Bewohner abgelegener Gehöfte blieben auf sich allein gestellt.

          Nur Kopfschütteln zum Streik

          Erschwert wurden die Räumarbeiten auch am Freitag dadurch, daß auf den Dächern kaum technische Geräte wie Schneefräsen eingesetzt werden konnten. Fast alle Arbeit geschah per Hand. Viele der Frauen und Männer waren schon den dritten Tag im Einsatz, bei nur kurzen Erholungs- und Schlafpausen. Große Bedeutung kam deshalb der Bundeswehr zu, die sich bemühte, immer wieder frische Kräfte zu den vom Schnee belasteten Gemeinden zu bringen. Überall wurden die große Motivation und die Einsatzbereitschaft der jungen Soldatinnen und Soldaten gelobt.

          Vorsorglich blieben am Freitag im östlichen Bayern zahlreiche Schulen und Kindergärten geschlossen. Im Landkreis Regen wurde die Evakuierung einer größeren Zahl von Wohnhäusern vorbereitet. Die starken Schneefälle führten auch auf Straßen, Bahnstrecken und am Flughafen München zu großen Behinderungen. Die Bahn setzte Hunderte Helfer ein, um Schienen zu räumen. Angesichts dieser Lage stieß die Ankündigung der Gewerkschaft Verdi, in der nächsten Woche in den Streik beim öffentlichen Dienst auch bayerische Straßen- und Autobahnmeistereien einzubeziehen, in den schneegeplagten Regionen nur auf eine Reaktion: Kopfschütteln.

          Auch Österreich versinkt im Schnee

          Auch große Teile Österreichs versinken im Schnee. Hauptsächlich nördlich des Alpenhauptkamms sowie im Alpenvorland fielen in der Nacht zum Freitag bis zu 80 Zentimeter Neuschnee. In Oberösterreich, Teilen Niederösterreichs und des Salzburger Landes gab es auf Straßen kein Durchkommen mehr, auch der Zugverkehr war stark beeinträchtigt. Schulen und Kindergärten blieben geschlossen. In Tirol und Vorarlberg besteht nach 65 Zentimeter Neuschnee Lawinengefahr der Stufe 4.

          In Oberösterreich, wo mehrere kommunale Krisenstäbe einberufen wurden, verursachten die Naßschneemassen zahlreiche Dacheinstürze, es wurde jedoch niemand verletzt. Feuerwehrleute und Soldaten des Bundesheeres räumen Schnee von den Dächern. Neuschnee und starker Wind führten zu Verwehungen, Autobahn- und Straßenabschnitte wurden gesperrt.

          „Energieferien“

          Die Gemeinden Eberschwang (Bezirk Ried im Innkreis) und Neukirchen am Walde (Bezirk Grieskirchen) waren bis Freitag mittag von der Außenwelt abgeschnitten. In Niederösterreich ordnete Landeshauptmann Pröll am Freitag an, die Stabilität aller Schuldächer zu überprüfen.

          Am Montag beginnt - nach den „Energieferien“ - wieder der Unterricht. Für einige Gemeinden des Mariazeller Landes (im Grenzgebiet zwischen Niederösterreich und der Steiermark) wurde Katastrophenalarm ausgerufen, weil in der Nacht 70 Zentimeter Neuschnee gefallen waren. Kommunalbedienstete und Feuerwehren allein kamen nicht mehr mit den Verhältnissen zurecht. Mehr als 300 Mann zusätzlicher ziviler und militärischer Kräfte wurden abgeornet. Auch an diesem Samstag wird der Kampf mit den Schneemassen weitergehen: Entspannung stellen die Wetterdienste erst für Sonntag in Aussicht.

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