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Überschwemmungen in China : Der Jangtse kommt an seine Grenze

Unter Wasser stehende Sportplätze sind womöglich erst der Anfang: Die Behörden sagen voraus, dass das Schlimmste noch bevorstehe. Bild: AFP

China kämpft nach wochenlangen Regenfällen mit den schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Mehr als 38 Millionen Menschen sind von den Fluten betroffen. An einigen Deichen ist die Situation kritisch.

          2 Min.

          Mao Mei You hatte sich noch nicht von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise erholt, da brach schon die nächste Katastrophe über sie und ihre Familie herein. Mitte Juli trat Chinas größter Süßwassersee, der Poyang, über die Ufer, geflutet von einem Seitenarm des Jangtse-Flusses. Das Wasser setzte das Erdgeschoss von Maos Haus vollständig unter Wasser und verwandelte ihr Mobiliar in einen Schlammhaufen. Ihre Felder, auf denen sie Weizen, Erdnüsse und Gemüse gepflanzt hatte, wurden zerstört. Ihr Mann verlor seinen Job auf einer Baustelle, weil er sich um die Flutschäden seines Hauses kümmern musste. Das Wasser sei noch höher gestiegen als bei der Flutkatastrophe von 1998, sagt Mao in einem Online-Gespräch. Damals wohnte die Bäuerin noch in einem Lehmhaus, das komplett weggespült wurde. Diesmal hat ihr dreistöckiges Wohnhaus den Fluten zumindest standgehalten.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Seit Wochen kämpft China mit den schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Im ganzen Land seien 443 Flüsse über die Ufer getreten, 33 davon erreichten die höchsten Pegelstände, die je gemessen wurden, teilte das Wasserministerium im Juli mit. Zu den größten Verlierern in der Krise zählen Bauern und Arbeiter in ländlichen Gebieten wie die Maos. Allein im Juli waren nach Angaben des Ministeriums für Nothilfe mehr als 38 Millionen Menschen von den Folgen betroffen. Zählt man den Juni hinzu, kommt man auf wesentlich höhere Zahlen.

          Die unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste bezifferte das Ministerium für den vergangenen Monat auf umgerechnet rund 13 Milliarden Euro. Etwa drei Millionen Menschen hätten vor den Fluten in Sicherheit gebracht werden müssen. Mehr als 200 Personen kamen ums Leben. Tausende Soldaten wurden mobilisiert, um Deiche zu verstärken und Betroffene in Sicherheit zu bringen. Die Behörden bezeichnen die Lage als ernst und sagen voraus, dass das Schlimmste noch bevorstehe. Das war auch im Jahr der großen Flutkatastrophe 1998 der Fall, als fünf der acht Hochwasserwellen im Monat August gegen die Deiche anrollten. Damals kamen mehr als 3000 Personen um.

          Die Fakten sind rar

          Doch wie so oft bei schlechten Nachrichten in China sind die Verantwortlichen mit Informationen zurückhaltend. Ein paar Zahlen hier, ein paar Bilder von heldenhaften Soldaten dort. Ausländische Journalisten, die sich an Ort und Stelle ein Bild machen wollten, wurden von den Behörden behindert. In manchen Fällen fiel ihre Überwachung so lückenlos aus, wie man es sonst nur aus der Provinz Xinjiang kennt, wo das an den Uiguren begangene Unrecht verschleiert werden soll.

          Nahe der chinesischen Metropole Wuhan steht ein Spielplatz unter Wasser.
          Nahe der chinesischen Metropole Wuhan steht ein Spielplatz unter Wasser. : Bild: AFP

          Weil die Fakten rar sind, schießen Gerüchte ins Kraut. Das gilt vor allem für den mächtigen Drei-Schluchten-Staudamm, der auch mit dem Versprechen gebaut wurde, Flutkatastrophen zu verhindern. Entgegen anderslautenden Spekulationen sei ein Bruch der Staumauer nicht zu befürchten, sagt Hubertus Milke, Professor für Wasserwirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. „Kritisch sind eher die Deiche im Mittellauf des Jangtse. Da sind wir jetzt hart an der Grenze.“ So waren in Yichang unterhalb des Drei-Schluchten-Staudamms in dieser Woche kurzzeitig 59.700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde gemessen worden, obwohl die Deiche nur für 57.000 ausgelegt sind. Das lässt sich auf einer Website des Ministeriums für Wasserressourcen nachlesen, auf der die Pegelstände stündlich aktualisiert werden.

          Die Deiche sind nach den wochenlangen Regenfällen durchweicht, aus manchen Regionen werden Durchbrüche gemeldet. In einem Fall sahen sich die Behörden gezwungen, einen kleineren Staudamm zu sprengen, wohl um einem unkontrollierten Bruch vorzugreifen. Die große Drei-Schluchten-Talsperre mit ihrer Kapazität von 22 Milliarden Kubikmeter Wasser habe hingegen noch genügend Speichervolumen, um große Flutwellen aufzunehmen, sagt Fachmann Milke. Erst knapp die Hälfte der maximalen Einstauhöhe sei bisher erreicht. Vor den starken Regenfällen, die jedes Jahr im Mai oder Juni einsetzen, wird der Wasserpegel im Staubecken auf 145 Meter gesenkt, um genügend Kapazitäten freizuhalten. In den vergangenen Wochen ist er auf 161 Meter angeschwollen. Kritisch wird es bei 175 Metern. In jedem Fall erlebt die Talsperre ihre größte Bewährungsprobe, seit sie 2006 nach 14 Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde. Auf dem Prüfstand steht ihr Anspruch, Flutkatastrophen zu verhindern.

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