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Zu viele Unfälle : Abbiegeassistenten in Lastwagen sollen Leben retten

In diesem Jahr gab es bereits 21 Unfälle mit abbiegenden Lastwagen, bei denen Radfahrer ums Leben gekommen sind. Bild: dpa

Beim Abbiegen von Lastwagen kommt es häufig zu tödlichen Unfällen mit Radfahrern. Verkehrsminister Scheuer will deshalb eine Pflicht für Abbiegeassistenten vorantreiben. Doch viele Hersteller hinken hinterher.

          Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will die Einführung einer Abbiegeassistenzpflicht für Lastwagen in Deutschland und der EU auf den Weg bringen. Erst am Mittwoch ist in Berlin ein acht Jahre alter Junge auf seinem Fahrrad von einem abbiegenden Lastwagen erfasst worden. Um solche Unfälle zu vermeiden, sollen Kamera- und Sensorensysteme im Fahrzeug die Lastwagenfahrer auf Fußgänger und Radfahrer im toten Winkel aufmerksam machen. Scheuer sagte der „Bild“ am Donnerstag, die von Brüssel geplante Einführung im Jahr 2022 sei ihm zu spät. Er plane deshalb die Aktion „Abbiegeassistent“. Den Anfang soll ein Treffen mit Spediteuren und Logistikern machen.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) zufolge steigt die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer bei Abbiegeunfällen seit einigen Jahren. Im vergangenen Jahr kamen demnach auf diese Weise 38 und in diesem Jahr schon 21 Menschen ums Leben. Den Anstieg führt der ADFC auf die wachsende Zahl von Lastwagen und Fahrradfahrern auf den Straßen zurück. Am Donnerstag hatte der Verkehrsklub Scheuer deshalb in einer Pressemitteilung zum Handeln aufgefordert. Durch Assistenzsysteme ließen sich 60 Prozent der Unfälle vermeiden, hieß es.

          Deutschland kann die Assistenzpflicht nicht im Alleingang einführen, da es geltendes EU-Recht berücksichtigen muss. Vorgeschrieben sind seit einigen Jahren bereits sogenannte elektronische Stabilitätsprogramme, Spurverlassens-Warnsysteme und Notbremssysteme. Erst vergangene Woche hat der Bundesrat einen Beschluss an die Bundesregierung weitergeleitet, in dem er fordert, diese soll sich auf EU-Ebene für eine Abbiegeassistenzpflicht von Lastwagen einsetzen. Auch bei der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen, welche auf internationaler Ebene Regelungen für die Hersteller formuliert, soll die Bundesregierung mehr Druck machen. Neben der Pflicht bei neu zugelassenen Lastwagen fordert der Bundesrat auch eine Nachrüstpflicht.

          Mit gutem Beispiel vorangehen will die Stadt Hamburg: Vergangene Woche beschloss die Bürgerschaft, künftig auf Fahrzeuge mit Abbiegeassistenz zu setzen. Eine Nachrüstung für den bestehenden Fuhrpark soll ebenfalls geprüft werden.

          Die Technologie ist zu teuer oder noch nicht ausgereift

          Viel Auswahl wird Hamburg bei den Neuanschaffungen aber nicht haben: Wie der Bundesverband für Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) kritisiert, hat kaum ein Hersteller Abbiegeassistenzsysteme im Angebot, schon gar nicht serienmäßig. Bislang bietet demnach nur Daimler einige Modelle an, bei denen ein radargestütztes Abbiegeassistenzsystem mit einem akustischen Warnsignal verbaut ist.

          Die meisten bieten allenfalls Nach- und Aufrüstungen an, beim italienischen Unternehmen Iveco zum Beispiel lässt sich für einige Modelle bis zwölf Tonnen Gewicht auf Kundenwunsch ein System dazukaufen. Da dies aber noch sehr teuer sei, würden es nicht alle Kunden dazunehmen, heißt es aus dem Unternehmen. Auf Nachfrage von FAZ.NET erklärt MAN, man arbeite „intensiv an der Markteinführung einer entsprechenden Technologie“. Die bisher verfügbare Technik habe aber noch nicht die „erforderliche Reife für ein Seriensystem“. MAN biete aber ein Kamera-Monitor-System zur Nachrüstung an.

          Der ideale Abbiegeassistent würde laut BGL mit Sensoren den Bereich im toten Winkel erfassen und nicht nur mit akustischen Signalen, sondern auch mit einer Notbremsung reagieren. Mit Kamera-Lösungen ist der Verband weniger zufrieden: Da Lastwagenfahrer beim Abbiegen ohnehin schon viele Dinge im Blick haben müssten, könne er trotz Monitor eine Gefahrensituation übersehen. Die Nachrüstung mit Sensoren sei aber oft nicht möglich, die diese nicht aus dem Lastwagen herausragen dürfen und deshalb bereits in das Fahrzeug verbaut werden müssten.

          Eine gesetzliche Regelung würde den Druck auf die Hersteller entsprechend erhöhen – und Leben retten. Und zwar nicht nur die der Radfahrer: Schließlich leiden auch die Lastwagenfahrer an den Folgen des Unfalls.

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