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Russisches Grubenunglück : "Wir sind zum Entlüftungsschacht gelaufen"

Gerettet nach sechs Tagen Bild: dpa/dpaweb

Elf der dreizehn nach dem Unglück in einer russischen Grube vermißten Bergleute wurden lebend gefunden, nachdem sie fast eine Woche in mehr als siebenhundert Meter Tiefe ausgeharrt hatten.

          Das Wunder von Nowoschachtinsk ist am Mittwoch zum zweiten Mal wahr geworden. Elf der dreizehn vermißten Bergleute wurden lebend gefunden, nachdem sie fast eine Woche in mehr als siebenhundert Meter Tiefe ausgeharrt hatten. Unter dem Jubel der Angehörigen kamen die erschöpften Kumpel einer nach dem anderen in Decken gehüllt ans Sonnenlicht. Die meisten waren kräftig genug, um selbst zu gehen, zwei lagen auf Tragen. Einige der Bergleute winkten und lächelten sogar, manche machten das Siegeszeichen, die Angehörigen riefen sie beim Namen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Geretteten wurden unmittelbar darauf in das Krankenhaus der Stadt gebracht. "Es ist erstaunlich", sagte ein behandelnder Arzt, "ihr Zustand ist sogar besser als der jener, die wir am Samstag gefunden haben." Der Grund dafür war, so hieß es später, daß die elf Bergleute im Gegensatz zu den 33 früher geretteten sich im Trockenen hatten aufhalten können und dadurch weniger unterkühlt waren. Kondenswasser hatte ihnen das Überleben in der Tiefe ermöglicht.

          Ein Bergmann wurde getötet

          Doch die Freude in Nowoschachtinsk über das glückliche Ende eines sechs Tage dauernden Grubendramas war nicht ungetrübt. Ein Bergmann überlebte nicht. Er wurde, so hieß es, von den Wassermassen mitgerissen, als am Donnerstag der vergangenen Woche eine Decke einbrach und ein großer unterirdischer See sich mit rasender Geschwindigkeit in die Grube ergoß. Der Mann soll dabei einen Genickbruch erlitten haben. Der dreizehnte Mann ist immer noch vermißt. Nach ihm wurde auch am Mittwoch abend weiter gesucht. Einer der Überlebenden war schwer verletzt. Er wurde noch unter Tage medizinisch behandelt und als letzter aus dem Schacht geholt.

          Rußgeschwärzt verlassen die Kumpel den Schacht

          Nachdem man am Samstag schon 33 Kumpel hatte retten können, wurde rund um die Uhr von dem benachbarten Schacht "Komsomolskaja Prawda" ein "Tunnel der Hoffnung" gegraben, um zu dem Ort zu kommen, an dem man die restlichen dreizehn Bergleute vermutete. Am Dienstag war die Enttäuschung groß, nachdem der Bürgermeister von Nowoschachtinsk bekanntgegeben hatte, daß man sich bei den Berechnungen des Tunnels geirrt habe.

          Keine Lebenszeichen erhalten

          Es schien so, als sei damit auch das Schicksal der noch vermißten Kumpel besiegelt, von denen man kein Lebenszeichen hatte. Auch die Versuche, mit einer Unterwasserkamera nach Lebenszeichen in dem überfluteten Schacht Ausschau zu halten, waren ohne Ergebnis geblieben. Dennoch arbeitete man unbeirrt weiter an dem etwa 55 Meter langen Tunnel, der in Rekordzeit von fünf Tagen erstellt wurde - normalerweise brauche man für einen Tunnel dieser Länge einen Monat, hieß es. Gegen zwei Uhr nachts wurde der Durchbruch zu der Stelle geschafft, an der man die Verschütteten vermutet hatte. Statt der Bergleute fanden die Retter an einem Belüftungsrohr die Nachricht: "Wir sind zum Entlüftungsschacht gelaufen." Nach einem stundenlangen Fußmarsch fanden die Helfer die Vermißten dort. Die Männer seien niemals verzweifelt, sagte später der stellvertretende Gouverneur der Region, da sie die Geräusche des Bohrens und Grabens hätten hören können.

          Kurz bevor die Vermißten im südrussischen Nowoschachtinsk nahe der Stadt Rostow am Don gefunden wurden, hat sich am Mittwoch am östlichen Ende Rußlands ein weiteres Grubenunglück ereignet. Nahe der Stadt Wladiwostok am Pazifischen Ozean, 6500 Kilometer von Moskau entfernt, kam es in einer Kohlegrube in der Ortschaft Partisansk zu einer mächtigen Methangasexplosion in 750 Meter Tiefe, als 71 Kumpel unter Tage arbeiteten. Fünf Bergleute kamen bei dem Unfall ums Leben, von den 66 Geretteten wurden mehrere verletzt. Die Sicherheitsbestimmungen seien nicht eingehalten worden, hieß es.

          Putin kritisiert Lage in russischen Bergwerken

          In Moskau zeigte sich Präsident Putin erfreut über die Rettung der Bergleute in Nowoschachtinsk, kritisierte aber angesichts des neuen Unglücks die Lage in den russischen Bergwerken. Schwere Unfälle seien schon "systematisch" geworden, sagte Putin, der mit Ministerpräsident Kasjanow die Lage im russischen Kohlebergbau erörtern wollte. Auch Gewerkschafter übten Kritik an den Arbeitsbedingungen in den russischen Kohlegruben. "Die neuen Privateigentümer versuchen, soviel Profit wie möglich aus den Zechen zu schlagen", sagte der stellvertretende Vorsitzende der unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft, Ruben Badalow, der Deutschen Presse-Agentur; die Arbeitsbedingungen seien lebensgefährlich. In diesem Jahr sind nach Gewerkschaftsangaben schon 77 russische Bergleute unter Tage ums Leben gekommen. "Auf eine Million Tonnen geförderter Kohle kommt bei uns im Schnitt ein getöteter Bergmann", sagte Badalow. Das seien Opferzahlen wie vor hundert Jahren. Insgesamt wird nach der Stillegung vieler unrentabler Betriebe noch in 113 Kohlebergwerken mit oft veralteter Technik gearbeitet. 320.000 Kumpel arbeiten noch im russischen Bergbau, vor allem im Donezk-Becken, das sich auf die Ukraine erstreckt, in Workuta im Norden und im westsibirischen Kusbass-Becken.

          Wie fast überall in Rußland sind auch die Kohlegruben in Nowoschachtinsk nicht nur veraltet und gefährlich, sondern die Kumpel werden für ihre Arbeit auch kaum bezahlt. Die Bergarbeiter haben dort ihren kargen Lohn seit sieben Monaten nicht ausgezahlt bekommen. Doch Möglichkeiten, woanders sein Geld zu verdienen, gibt es nicht viele. In Nowoschachtinsk, einer Stadt mit hunderttausend Einwohnern, gibt es außer drei verbliebenen Schächten nur noch eine Textilfabrik, in der viele Frauen der Bergleute arbeiten.

          Die drei Söhne eines geretteten Bergmanns sagten im russischen Fernsehen, sie seien stolz auf ihren Vater, der wie seine Vorfahren in der Grube arbeitet. "Aber wir werden keine Bergleute mehr werden", sagte einer. "Das hat keine Zukunft.“

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