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Erdbebenszenario nahe Köln : Grundstürzende Gefahr

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Ein Seismograph der Erdbebenwarte verzeichnet Ausschläge. (Symbolbild) Bild: dpa

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat sich in seiner jährlichen Risikoanalyse mit dem Szenario eines starken Erdbebens in der Nähe von Köln befasst – mit beunruhigendem Ergebnis.

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          Seit acht Jahren fertigt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn regelmäßig Risikoanalysen an. Zu seinem Auftrag gehört es, „auch das scheinbar Unmögliche zu durchdenken“, wie BBK-Präsident Armin Schuster formuliert. Wie wichtig das ist, lässt sich an der zweiten BBK-Analyse aus dem Jahr 2012 zeigen. Sie trug den Titel „Pandemie durch Virus Modi-Sars“, wurde von viel zu wenigen in Politik und Verwaltung ernst genommen und dann Anfang des Jahres auf einen Schlag hochaktuell – als Sars-CoV-2 auch Deutschland erreichte.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Nun hat sich das in Bonn ansässige Bundesamt mit einem fast ebenso unglaublichen Szenario befasst. Eingehend werden in einer soeben als Bundestagsdrucksache veröffentlichen Risikoanalyse die verheerenden Folgen dargelegt, die ein Erdbeben der Stärke 6,5 westlich von Köln hätte.

          Drei Millionen Einwohner ohne Stromversorgung

          Ein solches Beben könnte nach der Schätzung des BBK zwischen 1000 und 10.000 Personen töten und zu 10.000 Verletzten und Erkrankten führen. Rund 100.000 Menschen wären für mehr als einen Monat auf Hilfe angewiesen. Zahlreiche Wohn- und Gewerbegebäude besonders mit älterer Bausubstanz würden einstürzen, Verkehrswege und Energieversorgung würden erheblich beschädigt. Das BBK rechnet in seinem Szenario damit, dass rund drei Millionen Einwohner im Großraum Köln über mehrere Tage hinweg von einem Stromausfall betroffen wären. Wahrscheinlich käme es immer wieder zu weiteren örtlichen Ausfällen, weil viele Nachbeben die Reparatur der Stromleitungen behindern würden. Fließt keine elektrische Energie, dann bricht auch die Trinkwasserversorgung zusammen. Das würde die durch die vielen Verletzten ohnehin schon angespannte Lage in den Kliniken der Region noch weiter verschärfen.

          Wie schon die Risikoanalysen Hochwasser (2012), Sturm (2013), Sturmflut (2014) und Dürre (2018), so zeigt auch die neue BBK-Studie zum Thema Erdbeben auf, dass ein lang anhaltender Stromausfall als erster unmittelbarer Effekt einer Katastrophe eine Kaskade an weiteren Gefahren und Schäden nach sich ziehen würde.

          Kaum ein Risikobewusstsein in Deutschland

          Sorgen bereitet den Bevölkerungsschützern, dass es beim Thema Erdbeben – anders als bei Hochwasser, Sturzfluten und Stürmen – kaum ein Risikobewusstsein in Deutschland gibt. Das BBK sieht „die flächendeckende spezifische Vorbereitung“ auf ein Erdbebenereignis in den gefährdeten deutschen Regionen „aktuell nicht gegeben“. Die Behörde rät deshalb dringend dazu, die Bevölkerung gefährdeter Regionen mit Informationsmaterial oder nach amerikanischem Vorbild mit Aktionen wie einem „Shake Out Day“ zu sensibilisieren. Zudem werden in der Risikoanalyse paläoseismische Untersuchungen im gesamten Bundesgebiet empfohlen, da die derzeit benutzten Erdbebenkataloge noch erhebliche Lücken aufwiesen. Auch gebe es in Deutschland viel zu wenige seismologische Messstationen.

          Die Autoren der Risikoanalyse weisen darauf hin, dass sie in ihrem Szenario ein sehr starkes Beben angenommen haben, für das es in der betreffenden Region keine Erfahrungswerte gibt. Mitnichten handelt es sich aber um ein bloß theoretisches Szenario. Wie hoch die Erdbebengefährdung in der niederrheinischen Bucht ist, zeigte sich zuletzt am 13. April 1992, als es in der Nähe der niederländischen Stadt Roermond ein Erdbeben der Stärke 5,9 gab. Damals wurden im Rheinland 30 Personen von herabfallenden Schornsteinen und Dachziegeln verletzt. Allein im Kreis Heinsberg wurden mehr als 150 Häuser beschädigt, einzelne Gebäude so sehr, dass sie abgerissen werden mussten. In der Altstadt von Bonn fiel ein Teil einer Hausfassade auf ein geparktes Auto. Im Kölner Dom schlug ein 1,50 Meter großes Ornament aus Stein zu Boden.

          Erdbeben der Stärke 6,4 bis 7,0 vor 2500 bis 9000 Jahren

          Zudem legte Anfang 2016 ein Forscherteam um den Paläoseismologen Christoph Grützner von der RWTH Aachen in einer Studie dar, dass die Gefahr eines starken Erdbebens im Rheinland viel größer ist als lange angenommen. Grützner und seine Kollegen waren 2010 bei Grabungen während des Autobahnbaus zwischen Aachen und Köln auf Spuren eines starken Erdbebens gestoßen, das sie auf einen Zeitraum vor 2500 bis 9000 Jahren eingrenzen konnten. In weniger als einem Meter Tiefe konnten die Wissenschaftler versetzte und verformte Schichten dokumentieren, die nach ihrer Einschätzung von einem Beben der Stärke 6,4 bis 7,0 verursacht wurden.

          Wenn man wisse, dass es in der Vergangenheit schwere Beben gab, dann heiße das in den meisten Fällen, dass es auch in Zukunft zu solchen Beben kommen werde, sagte Grützner damals. Zwar vergingen zwischen zwei starken Beben an ein und derselben Verwerfung in der Regel mehrere 10.000 Jahre. Doch gebe es in der niederrheinischen Bucht viele andere Störungen, so dass sich das Intervall verkürze.

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