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Rettung in Thailand : Plötzlich musste es schnell gehen

Thailand: Mit dem Krankenwagen wird ein Junge zum Helikopter gebracht. Bild: dpa

Taucher haben die ersten vier Jungen aus der Höhle in Thailand gerettet. Neun weitere Mitglieder der Fußballmannschaft sitzen noch fest – und es regnet wieder stark. Die Geschichte eines denkwürdigen Wochenendes.

          Es war gegen neun Uhr am Samstagabend, als in Thailand klar wurde, dass es bald ernst würde. In der Stadt Mae Sai, etwa zehn Kilometer entfernt vom Eingang der Tham-Luang-Höhle, fing es in Strömen an zu regnen. Provinzgouverneur Narongsak Osottanakorn, der die Rettungsaktion für die seit zwei Wochen in der Höhle gefangene Fußballmannschaft leitet, hatte am Morgen noch gesagt, dass er den Einsatz lieber weiter verzögern würde. Noch seien die zwölf Jungen im Alter von elf bis 16 Jahren und ihr 25 Jahre alter Betreuer nicht ausreichend geübt im Tauchen, um den Weg aus der dunklen, kilometerlangen Höhle ins Freie zu wagen. „Aber falls es starke Regenfälle geben sollte und die Lage schlecht aussieht, werden wir versuchen, sie früher rauszuholen.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und als es dann tatsächlich auch an der Höhle anfing zu regen, vermuteten Beobachter vor Ort zunächst, dass die Rettungsaktion schon in der Nacht starten könnte – sobald sich der Trubel vor der Höhle etwas beruhigt hätte. Dieses Problem löste die thailändische Armee dann anders: Sie räumte das Camp vor dem Eingang zur Höhle am Morgen, Journalisten wurde mitgeteilt, dass sie bis neun Uhr ihre Sachen abholen sollten. Dann trat Narongsak vor die Presse: „Heute ist D-Day“, sagte er. Neue Regengüsse seien angekündigt. „Wenn wir warten, werden wir wieder Wasser herauspumpen müssen.“ Die thailändischen Navy Seals veröffentlichten ein Foto auf Twitter, darauf waren drei ineinander verschränkte Hände zu sehen, daneben stand der Text: „Wir werden das Wildschwein-Team nach Hause bringen.“ So nennt sich die Fußballmannschaft.

          Zusammen mit 15 hochspezialisierten Tauchern aus dem Ausland brachen die Marinetaucher dann um zehn Uhr zu einer Mission auf, die viele vorher als Himmelfahrtskommando bezeichnet hatten. Die thailändischen Behörden veröffentlichten eine Grafik, auf der zu sehen war, wie die geschwächten Jugendlichen, von denen manche nicht mal schwimmen können, gerettet werden sollten: mit Masken, die das gesamte Gesicht bedecken und in Begleitung von jeweils zwei Tauchern, die sie an Seilen durch das dunkle Wasser führen. An den engen Stellen sollten die Taucher die Atemluftflaschen abnehmen, und sie zusammen mit den Jugendlichen durch den Gang schieben oder ziehen.

          „Viertes Wildschwein befreit“

          Dass sich die Retter für diesen riskanten Einsatz entschlossen hatten, lag daran, dass es sonst wahrscheinlich noch gefährlicher geworden wäre. Die Option, die Kinder bis zum Ende der Regenzeit monatelang in der Höhle ausharren zu lassen, wurde nach anfänglichen Überlegungen ausgeschlossen. Zu groß war die Gefahr, dass ihnen der Sauerstoff ausgeht, sie krank werden, oder auch noch der Teil der Höhle geflutet wird, in dem sie festsitzen.

          Zudem war ein großer Teil des Wassers abgepumpt worden. Nur die weit hinten in der Höhle liegenden Bereiche, die geflutet waren, ließen sich mit den Pumpen nicht gut erreichen. Wäre Wasser nachgelaufen, hätten sich die Konditionen wieder verschlechtert. Narongsak sagte: „Der Wasserstand ist gut. Die Taucher sind bereit. Die Jungen sind körperlich, seelisch und psychisch bereit, herauszukommen.“ Jetzt, oder nie, war also das Motto.

          Und tatsächlich ging dann alles viel schneller, als zunächst gedacht: Gegen 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit, also eine Stunde früher als im besten Fall erwartet, schrieben die thailändischen Navy Seals auf Twitter: „Drei Wildschweine aus der Höhle befreit“. Und wenig später meldeten die Marinetaucher: „Viertes Wildschwein befreit.“

          Die Geschehnisse in Thailand können Sie auch bei uns im Liveblog verfolgen.

          Vor Ort wurde die Lage hektisch, Reporter fotografierten und filmten einen Krankenwagen nach dem anderen, der von der Höhle aus mit Blaulicht davon raste. Auch Rettungshubschrauber hoben ab. Das Prachunakroh-Krankenhaus in der knapp 60 Kilometer entfernten Stadt Chiang Rai hatte sich bereits am Mittag auf die Ankunft der Jugendlichen vorbereitet: Arbeiter hatten vor dem Eingang Sichtschutz-Planen aufgestellt, 13 Krankentragen standen bereit, Berichten zufolge wurde der gesamte achte Stock geblockt. Am Abend landeten dort Hubschrauber. Wie es den befreiten Jugendliche geht, wurde zunächst nicht bekannt.

          „Es ging viel schneller, als wir gedacht hatten“, sagte auch Provinzgouverneur Narongsak wenig später. „Wir sind sehr glücklich.“ Ein Arzt habe entschieden, welche vier Jugendlichen als erste aus der Höhle gebracht wurden. „Zuerst sind die Fittesten mitgekommen.“ Die Rettungsaktion müsse jetzt aber unterbrochen werden und könne erst in zehn bis zwanzig Stunden fortgesetzt werden. Bis dahin müssten die Atemluftbehälter wieder aufgefüllt und in der Höhle plaziert werden. Die thailändischen Navy Seals schrieben auf Facebook: „Gute Nacht. Wir werden heute gut schlafen.“ Auf Twitter schrieb eine Nutzerin: „Zum ersten Mal unterstützt die ganze Welt dasselbe Sportteam und es ist einfach wunderbar.“

          Über der Höhle fing es am Sonntagabend wieder heftig an zu regnen. Acht Jungen und ihr Trainer harrten weiter in der Höhle aus. Es bleibt ein Rennen gegen die Zeit.

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