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Gefährlicher Leichtsinn : Retter fordern Strafen für Fahrlässigkeit in den Bergen

  • -Aktualisiert am

Ein Schild warnt in Österreich vor Lawinengefahr (Archivbild): Nicht immer hält das die Skifahrer auf. Bild: dpa

Immer wieder brechen Skifahrer trotz erheblicher Lawinengefahr in gesperrtes Gebiet auf und müssen dann gerettet werden. Damit gefährden sie auch die Bergretter – die sich jetzt wehren.

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          Der Wagemut mancher Wintersportler kennt keine Grenzen. Im österreichischen Lech wurden am Samstag vier Freunde aus Deutschland auf einer gesperrten Skiroute von einer Lawine erfasst und verschüttet. Drei Männer im Alter von 32, 36 und 57 Jahren wurden tot geborgen, die Suche nach einem 28 Jahre alten Vermissten wurde bis auf weiteres eingestellt. Schon am vergangenen Donnerstag musste die Bergrettung Mayrhofen im Zillertal zwei Skifahrer befreien, die die gesicherte Piste trotz Lawinenwarnstufe vier, was große Gefahr bedeutet, verlassen hatten und ohne Ortskenntnis über steiles Gelände abgefahren waren, bis sie sich nicht mehr weiter trauten.

          Nachdem die beiden geborgen waren, sagten sie den Bergrettern, dass noch zwei weitere Skifahrer mit ihnen abgefahren waren. Wie die Geschichte weiterging, erzählte Andreas Eder, der Ortstellenleiter der Bergrettung Mayrhofen auf zillertalfoto.at folgendermaßen: „Tatsächlich setzte das zweite Freerider-Duo gegen 18.15 Uhr einen Notruf ab und ich nahm üblicherweise telefonisch gleich Kontakt mit dem Melder auf. Schon leicht verärgert, erlaubte ich mir die Frage, worum sie denn trotz Warnstufe 4 ins freie Gelände abfahren. Der junge Mann aus Salzburg, der mit seinem Kollegen auf Tagesausflug ins Zillertal angereist war, hatte mich dann gleich angeschnauzt, dass er jetzt keine Beschimpfungen bräuchte und möglichst rasch mit seinem Freund gerettet werden wolle.“

          Nicht nur im Zillertal mussten sich die Bergretter in Lebensgefahr begeben. Wie schnell der Leichtsinn von Skifahrern in einem tragischen Unglück enden kann, zeigte sich am Mittwoch in St. Anton am Arlberg. Zunächst wurde gemeldet, eine vierköpfige Familie aus Australien habe sich verirrt. Wie sich später herausstellte, hatten sie bereits mehrere Variantenfahrten unternommen, als sie in unwegsames Gelände gerieten und bei einbrechender Dunkelheit gegen halb fünf Uhr einen Notruf absetzten. Beim Warten auf die Retter löste sich laut Polizei eine Lawine, die den 16 Jahre alten Sohn zwei Meter tief verschüttete. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

          „Das Verhalten ist einfach unfassbar“

          Aufgrund von Vorfällen wie diesen hat Toni Mattle, Landtagsvizepräsident von Tirol, gefordert, Wintersportler, die trotz aller Warnungen sich und ihre Retter in Gefahr bringen, zur Verantwortung zu ziehen. „Das Verhalten mancher Wintersportler ist einfach unfassbar. Wer sich über alle Warnungen hinwegsetzt, Hinweisschilder missachtet und unsere ehrenamtlichen Einsatzkräfte damit in Gefahr bringt, für den habe ich kein Verständnis mehr. Wer in der jetzigen Schneesituation alle Hinweise missachtet und trotz zigfacher Warnungen in abgesperrte Bereiche einfährt, der gehört wegen grober Fahrlässigkeit angeklagt und entsprechend bestraft“, sagte Mattle, der auch stellvertretender Landesleiter der Tiroler Bergrettung ist. In Fällen grober Fahrlässigkeit sollten über die Inrechnungstellung der Rettungskosten auch Geldstrafen verhängt werden können – zumal es gerade bei ausländischen Gästen oft nicht möglich sei, die Kosten für die Rettung nach deren Abreise einzutreiben.

          Für Rettungseinsätze, die nicht durch einen Unfall oder einen medizinischen Notfall bedingt sind, müssen Bergsportler in der Regel selbst aufkommen. Die Bergwacht Bayern etwa stellt für einen Lawineneinsatz bis zu 2500 Euro in Rechnung. Krankenversicherungen übernehmen diese Kosten nicht. Die Versicherung, die mit der Mitgliedschaft im Deutschen Alpenverein verbunden ist, hingegen springt ein.

          Unterstützung bekommt Toni Mattle von Karl Gabl, dem Präsidenten des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit. Er könne dem Vorstoß von Mattle sehr viel abgewinnen, sagt Gabl. „So geht es nicht weiter, dass manche Wintersportler machen, was sie wollen. Sie gefährden nicht nur die Bergretter, je nachdem in welche Hänge und Rinnen sie einfahren, gefährden sie auch Skifahrer und Snowboarder auf der Piste. Und außerdem schädigen sie den Bannwald, der ein unerlässlicher Schutz der Siedlungen vor Lawinen ist.“ Zwar müsse im Gebirge die Eigenverantwortung und das Recht auf freie Betretung der Natur gelten, aber im erschlossenen Bereich, wie etwa in Skigebieten, müssen geltende Regeln zum eigenen Schutz und zum Schutz anderer eingehalten werden.

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