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Prozeß nach Flugzeugabsturz : Freisprüche nach vierzehn Jahren

  • -Aktualisiert am

Erleichterung nach dem Freispruch: Fluglotse Eric Lammari Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

In Colmar ist der Prozeß um den Airbus-Absturz in den Vogesen zu Ende gegangen. Während der Flugzeugbauer und die Fluggesellschaft schuldig gesprochen wurden, konnte den sechs einzelnen Angeklagten keine Schuld nachgewiesen werden.

          Fast 15 Jahre nach dem Absturz eines Airbus A 320 über den Vogesen hat das Strafgericht in Colmar den Flugzeugkonstrukteur Airbus und die Fluggesellschaft Air France als Rechtsnachfolgerin der früheren Inlandsfluggesellschaft Air Inter schuldig gesprochen. Die sechs Männer jedoch, die als Angeklagte in einem zwei Monate dauernden quälenden Prozeß vor dem Richter gestanden hatten, sprach das Gericht am Dienstag von der Anklage frei.

          Angeklagt waren der ehemalige Technische Direktor von Airbus, zwei leitende Angestellte der zivilen Luftaufsicht, zwei Manager von Air Inter und ein Fluglotse. Seit der Rechtsreform von 2000 (Loi Fauchon) ist in Frankreich eine Unterscheidung von straf- und zivilrechtlicher Schuld möglich. Das Gericht sprach der Vereinigung der Hinterbliebenen des Absturzes eine Summe von 500.000 Euro als Aufwandsentschädigung zu sowie bis zu vierstellige Beträge für einzelne Angehörige der Hinterbliebenen. Insgesamt 21 Millionen Euro hatte die Fluggesellschaft schon bald nach dem Absturz an die Hinterbliebenen gezahlt. Als der Airbus A 320 am 20. Januar 1992 beim Anflug auf Straßburg-Entzheim knapp 20 Kilometer vor der geplanten Landung an einem Felsen des Odilienberges zerschellte, kamen 87 Personen ums Leben, unter ihnen acht Deutsche. Neun Passagiere überlebten.

          Instrumententafel lieferte falsche Angaben

          Das Gericht sah es als erwiesen an, daß bei der Konzeption des damals als sicherstes Flugzeug der Welt geltenden Airbus A 320, Fehler begangen worden sind. Bernard Ziegler als ehemaliger technischer Direktor von Airbus stand in Colmar unter Anklage, weil die Instrumententafel der vollelektronisch gesteuerten Maschine die Piloten in der Unglücksnacht zur Verwechslung zweier Betriebsarten verleitet hatte, so daß das Flugzeug mit viel zu großer Geschwindigkeit in den Sinkflug ging. Nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, ob die Piloten sich ihrer fatalen Lage bewußt waren. Die französische Luftaufsicht DGAC hingegen sprach das Gericht von der Anklage frei. Ihre Vertreter hatten sich in Colmar zu verantworten, weil die Maschine der damals noch existierenden Inlandsfluggesellschaft Air Inter nicht mit einem zum Zeitpunkt des Absturzes weithin üblichen Bodennähealarm ausgestattet war.

          Bezeichnete Urteil als Skandal: Mitangeklagter Bernard Ziegler

          Claude Frantzen, der bei der DGAC für die technische Kontrolle verantwortlich war, kommentierte nach seinem Freispruch: „Die Öffentlichkeit darf nicht vergessen, daß jeden Tag Passagiere sicher transportiert werden.“ Eine Kriminalisierung hätte der Luftfahrt großen Schaden zugefügt. Ebenso entlastete das Gericht den Fluglotsen, der vom Flughafen Straßburg-Entzheim aus den Piloten widersprüchliche Angaben geliefert und seinen Kontakt zur Besatzung zu früh abgebrochen haben sollte. Erleichtert sagte Eric Lammari, der seit dem Absturz weiter als Fluglotse eingesetzt wurde, daß seine Arbeit an jenem Abend als korrekt anerkannt worden war.

          „Ein großer Tag für uns Familien“

          In den zwei Prozeßmonaten in einer eigens umgebauten Messehalle in Colmar war das Gericht offenbar nicht zu der Überzeugung gelangt, daß die Angeklagten im strafrechtlichen Sinne zu verurteilen waren. Es gelang den Richtern nicht, den Angeklagten eine strafrechtlich verwertbare Schuld nachzuweisen.

          Bernard Ziegler, dem im Laufe der acht Verfahrenswochen von den Hinterbliebenen immer wieder Arroganz vorgehalten worden war, bezeichnete nach dem Prozeß am Dienstag vor einer Wand von Kameras die Verurteilung von Airbus und Air France als Skandal. Während einer der Anwälte der Hinterbliebenen den Urteilsspruch als lächerlich bezeichnete, gab Alvaro Rendon, der Vorsitzende der Hinterbliebenenvereinigung - er hatte seine Frau bei dem Absturz verloren - seine Zufriedenheit mit dem Schuldspruch für den Konstrukteur des Unglücksflugzeugs zum Ausdruck - „ein großer Tag für uns Familien“. In den Reihen der Angehörigen sah man nach der Urteilsverkündung zum Teil versteinerte, verständnislose Gesichter.

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