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Proteste gegen Polizei in Rio : Achtjährige in Favela erschossen

Das Mädchen wurde am Sonntag beigesetzt. Bild: AFP

Ein Militärpolizist hatte dem Mädchen versehentlich in den Rücken geschossen. Der Fall wird von den Behörden untersucht – das es ist bereits das fünfte Kind, das in diesem Jahr in Rio in Folge von Polizeigewalt starb.

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          Die acht Jahre alte Agatha war mit ihrer Mutter im Armenviertel „Complexo do Alemão“ auf dem Nachhauseweg. Nichtsahnend saß sie in einem Kleinbus, als plötzlich Schüsse fielen. Einer traf das junge Mädchen im Rücken. Wenig später starb es im Krankenhaus an seiner Verletzung.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Das tödliche Geschoss stammte aus der Waffe eines Polizisten. Laut Polizei reagierte der Beamte auf einen Angriff durch Bandenmitglieder. Von einem Schusswechsel ist die Rede. Doch Augenzeugen berichteten, dass der Polizist auf einen Motorradfahrer geschossen habe, der sich einer Polizeikontrolle entziehen wollte. Der Fall wird untersucht. Die beteiligten Polizisten wurden am Montag vernommen.

          Der tragische Fall hat am Wochenende zu Protesten geführt. Hunderte Bewohner des Armenviertels kamen am Sonntag zum Friedhof, wo Agatha beigesetzt wurde. Sie trugen in Anlehnung an ein in den Medien verbreitetes Foto von Agatha gelbe Ballone mit sich. Auf einem Spruchband stand: „Hört auf, uns zu töten“.

          Die Wut der Bewohner in den Armenvierteln wächst, denn Agatha war nicht das erste junge Opfer der Polizeigewalt. Alleine in diesem Jahr wurden im Großraum Rio de Janeiro schon 16 Kinder bei ähnlichen Polizeieinsätzen angeschossen, fünf von ihnen kamen ums Leben. Insgesamt beläuft sich die Opferzahl bei Polizeieinsätzen in diesem Jahr auf 1249. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 1534 Fälle. Seit Januar wurden in Rio 45 Polizisten getötet. Die Mordrate im Bundesstaat Rio de Janeiro liegt mit fast 40 auf 100.000 Einwohner über dem Durchschnitt. Die steigende Zahl von oft unschuldigen Opfern durch Polizeigewalt wird auf die Sicherheitspolitik des neuen Gouverneurs von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, zurückgeführt. Der evangelikale Politiker, der im vergangenen Jahr auf der Welle von Präsident Jair Bolsonaro ins Amt gewählt wurde, hatte schon im Wahlkampf der Kriminalität den Kampf angesagt, denn sie gilt als eines der größten Probleme.

          Nun hat er den Kampf begonnen. Mit Gewalt lässt er die Armenviertel, in denen sich die Drogenbanden aufhalten, von der Polizei stürmen. Auch der Einsatz von Scharfschützen schwebt ihm vor, die aus Hubschraubern auf die Verbrecher am Boden schießen. Zivile Opfer werden als Kollateralschaden in Kauf genommen. Wenige Stunden vor dem tödlichen Schuss, den das Mädchen traf, hatte Witzel an einer Veranstaltung von einer „Jagd“ in den Armenvierteln gesprochen.

          Nicht nur Menschenrechtsorganisationen, auch Teile der Justiz kritisieren diese Sicherheitspolitik. Der Fall des getöteten Mädchens könnte nun auch politische Konsequenzen haben. In Brasília wird zur Zeit über ein Paket zur Kriminalitätsbekämpfung diskutiert, eines der wichtigen Projekte der Regierung Bolsonaro. Darin ist auch ein erweitertes Recht auf Selbstverteidigung vorgesehen. So soll die Strafe für den exzessiven Gewalteinsatz von Polizisten gesenkt oder aufgehoben werden, wenn diese ihr Handeln durch Angst erklären können. Der Präsident des Unterhauses sagte am Sonntag, dass dieser Teil des Gesetzespakets angesichts der jüngsten Geschehnisse einer vorsichtigen Analyse bedürfe.

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