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Polizeischüler verurteilt : „Fahrlässig einen Kollegen getötet“

Der verurteilte Polizeischüler vor Prozessbeginn im Sitzungssaal im im Amtsgericht Würzburg Bild: dpa

Er hatte die Sicherheitsvorschriften nicht beachtet: Im Februar 2019 erschoss ein Polizeischüler versehentlich seinen Kollegen. Wegen fahrlässiger Tötung wurde er nun zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monate verurteilt.

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          Er habe sehr betroffen gewirkt, sagt ein Gerichtssprecher am Dienstag. In seinem letzten Wort vor der Urteilsverkündung entschuldigte er sich demnach dafür, dass sein Kollege durch sein Handeln getötet wurde. Er nehme die Schuld auf sich. Auch das Urteil hat er akzeptiert: Das Amtsgericht Würzburg hat am Dienstag nach nur eintägiger Verhandlung den 21 Jahre alten Polizeibeamten in Ausbildung wegen fahrlässiger Tötung zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monate verurteilt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Zudem soll er 2400 Euro als Schmerzensgeld an die Eltern des von ihm getöteten Kollegen zahlen. Zuvor hatte der Polizeibeamte durch seinen Anwalt die Anklagepunkte gestanden: Er habe es nicht für möglich gehalten, dass sich im Lauf seiner Dienstwaffe noch eine Kugel befinde. Er gab auch zu, beim Entladen und bei der Kontrolle der Waffe nachlässig gehandelt zu haben.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Februar 2019 hatte der Angeklagte, dem die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung vorgeworfen hatte, seinen zwei Jahre älteren Kollegen in einer Unterkunft der Bereitschaftspolizei Würzburg versehentlich in den Hinterkopf geschossen. Der Polizist starb kurz darauf im Krankenhaus. Der Angeklagte, der nach Angaben des Gerichtssprechers in psychotherapeutischer Behandlung ist, ist seit dem Vorfall vom Dienst beurlaubt.

          In der Anklage heißt es, dass sowohl er als auch sein Kollege, mit dem er die Ausbildung absolvierte, aufgrund ihres Ausbildungsstandes „im theoretischen und praktischen Umgang mit der Dienstwaffe sowie den zugehörigen Sicherheitsvorschriften“ geschult gewesen seien. So habe der Angeklagte regelmäßig Dienst mit Dienstwaffe in der „Eigensicherung“ gehabt, also das Gelände der III. Bereitschaftspolizeiabteilung in Würzburg bewacht. Auch am 28. Februar 2019, als es zu dem Vorfall kam, hatte er zunächst von sechs Uhr bis 14 Uhr zusammen mit seinem Kollegen und einer Polizeibeamtin Dienst in der Eigensicherung. Ausgestattet war er mit seiner Dienstwaffe vom Typ Heckler&Koch SFP-9-TR und zwei Waffenmagazinen, die mit 15 Patronen des Kalibers 9 Millimeter gefüllt waren. Ein Magazin diente als Ersatz, das andere war für die Waffe. Er habe die Waffe durchgeladen, so dass diese mit einer Patrone im Lauf einsatzbereit war. Sein Vorgehen habe den Vorschriften entsprochen.

          Ladezustand nicht kontrolliert

          Bei Dienstende um 14 Uhr haben die Polizisten die Magazine in der Wachstation abgegeben. Laut Anklage ereignete sich dann der folgenschwere Fehler des Angeklagten: „Aus Nachlässigkeit“ hab er es unterlassen, seine Dienstwaffe wie vorgeschrieben zu entladen und zu kontrollieren, nachdem er das Magazin entfernt habe. Daher blieb demzufolge die bei Dienstbeginn geladene Patrone unbemerkt im Lauf der Dienstwaffe. Der Angeklagte brachte danach die Dienstwaffe zurück zu seinem Tresor in seinem Zimmer und verschloss sie dort. Gegen 21.15 Uhr, kurz bevor er um 22 Uhr wieder seinen Dienst in der Eigensicherung antreten sollte, handelte der Angeklagte laut Anklage abermals nachlässig: In seinem Zimmer nahm er die Waffe aus dem Tresor und legte sie mit dem Holster an. Er habe es dabei unterlassen, bei der „Wiederaufnahme der Waffe die vorgeschriebene Kontrolle des Ladezustands“ vorzunehmen.

          Dienstbereit ging der junge Mann dann zum Zimmer seines Kollegen, um ihn zum Dienst abzuholen. Auch dieser hatte schon seine Waffe ohne Magazin angelegt. Da die beiden Männer ihre Kollegin in ihrem Zimmer noch nicht antrafen, gingen sie zurück ins Zimmer des älteren Polizeischülers. Dort hätten bei dann einen „Schusswaffeneinsatz in Richtung des der Eingangstür gegenüberliegenden Fensters“ simuliert. Der später Getötete habe seine Waffe gezogen, sie Richtung Fenster gehalten und „Deutschuss“ gerufen – bei einem Deutschuss verwendet der Schütze die Waffe, ohne durch die Zieleinrichtung zu schauen. Dann habe der Angeklagte, der hinter ihm stand, seine Waffe gezogen und Richtung Fenster angelegt. Sein Kollege stand laut Anklage „im Streuungsbereich des angedachten Deutschusses, ohne dass der Angeschuldigte auf den Geschädigten zielte“. Doch der Angeklagte habe dann – ohne jeden Grund und völlig überflüssig – den Abzug der Waffe vollständig durchgedrückt.

          Er löste einen Schuss mit der „fahrlässig unerkannt im Lauf verbliebenen Patrone“ aus, die seinen Kollegen in den Hinterkopf traf. Mit der Abgabe des Schusses habe der Angeklagte „bewusst die ihm bekannten Sicherheitsmaßregeln missachtet“: Dazu gehört demnach vor allem, eine Waffe grundsätzlich so zu behandeln, als sei sie geladen. Zudem, eine Waffe niemals, schon gar nicht ohne Notwendigkeit, auf einen Menschen zu richten – auch dann nicht, wenn man der Überzeugung sei, dass sie nicht geladen ist. Der Angeklagte handelte demnach „fahrlässig ohne Wissen um den Ladezustand seiner Dienstwaffe und ohne den Willen, den Geschädigten auch nur zu verletzen“.

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