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Einsturz des Stadtarchivs Köln : Staatsanwaltschaft fordert Bewährungsstrafen

Feuerwehrmänner und THW-Helfer suchen in den Trümmern des Historischen Stadtarchivs nach Archivgütern. Bild: dpa

Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass ein Fehler im U-Bahn-Bau das Unglück mit zwei Toten verursacht hat. Den Verantwortlichen wirft er fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor. Der Fall treibe die Menschen bis heute um, sagt er.

          „Dieser Unglücksfall treibt die Menschen bis heute um“, beginnt Torsten Elschenbroich am Mittwoch sein mehrere Stunden langes Plädoyer im Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Der Oberstaatsanwalt ruft vor dem Kölner Landgericht die Katastrophe vom 3. März 2009 in Erinnerung: Zwei junge Männer verloren ihr Leben, als das Archiv binnen weniger Augenblicke in die Baugrube der U-Bahn am Waidmarkt stürzte. Zwei Dutzend Menschen entkamen nur knapp dem Tod, 36 Anwohner verloren ihr Hab und Gut. 30 Regalkilometer Archivmaterial wurden verschüttet. Die U-Bahnlinie 5 konnte infolge des Unglücks bis heute nicht durchgehend fertiggestellt werden. „Die Reputation des Hightech-Standorts Deutschland hat erheblichen Schaden genommen“, stellt Elschenbroich fest. Auf mehr als eine Milliarde Euro schätzt die Stadt Köln den entstandenen Sachschaden.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin im Wirtschaftsteil.

          Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ist ein Fehler beim U-Bahn-Bau für das Unglück verantwortlich. Anhand der erstellten Gutachten sei zweifelsfrei erwiesen, dass ein Loch in einer unterirdischen Schlitzwand der Baugrube den Einsturz verursacht habe, sagt Elschenbroich am 45. Verhandlungstag. Ein von Teilen der Verteidigung zum Prozessauftakt im Januar angeführter hydraulischer Grundbruch – ein durch Bodenverschiebungen hervorgerufenes Naturereignis – schließt er als Unglücksursache aus. Die Baufirmen, die auch Schadenersatzforderungen der Stadt abwehren wollen, bestreiten jede Schuld.

          Den vier Angeklagten – zwei Beschäftigten der Bauunternehmen sowie einem Mitarbeiter und einer Mitarbeiterin der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) – wirft die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor und forderte Bewährungsstrafen in Höhe von jeweils einem Jahr für die beiden angeklagten Bauleiter. Für den KVB-Überwacher sollen es nach Elschenbroich zehn Monate sein. Die vierte Angeklagte, eine weitere Bauüberwacherin der KVB, soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft freigesprochen werden. Ihr hätten entscheidende Informationen gefehlt, um die Folgen der Taten vorhersehen können. Ein fünfter Angeklagter, der ehemalige Polier, ist wegen einer schweren Erkrankung nicht mehr verhandlungsfähig.

          „Das Archiv verlor buchstäblich den Boden unter den Füßen“

          Einem der beiden damaligen Bauleiter hält Elschenbroich am Mittwoch vor, die Schwierigkeiten beim Aushub der problematischen Lamelle 11 der Schlitzwand nicht genug geprüft und diese zudem nicht ausreichend protokolliert und weitergegeben zu haben. Bei einer ordnungsgemäßer Pflichterfüllung hätten sich die Alarmzeichen so verdichtet, dass der Einsturz hätte vermieden werden können, gibt sich der Oberstaatsanwalt überzeugt.

          Bei der Errichtung der betreffenden Lamelle 11 der Schlitzwand im Sommer 2005 seien die Bauarbeiter auf einen Gesteinsblock gestoßen, hätten diesen aber nicht entfernt, sondern im Erdreich belassen, führt Elschenbroich aus. Mit einem schmaleren Greifarm sei an dem Hindernis vorbei gebaggert und die Wand dadurch in einer Tiefe von 27 bis 28 Metern mit einer Fehlstelle gebaut worden. Durch diese 2,70 Meter lange und 60 Zentimeter breite Fehlstelle seien am Unglückstag große Mengen Sand, Kies und Wasser in die Baugrube eingedrungen. Unter dem Archiv entstand ein Hohlraum, das sechsstöckige Gebäude stürzte ein. „Das Archiv verlor buchstäblich den Boden unter den Füßen“, sagte Elschenbroich. Wie ein „dunkler Pilz“ sei die Sand-Kies-Masse aus der Tiefe herausgeschossen, zitierte der Oberstaatsanwalt einen Augenzeugen.

          Zur Untersuchung der Einsturzstelle ließ die Stadt eigens ein Beweissicherungsbauwerk errichten. Mit der Ursachenforschung wurde dort dann erst fünfeinhalb Jahre nach dem Unglück begonnen.

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