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Panik in italienischer Disko : Eine vermeidbare, angekündigte Tragödie

Corinaldo: Carabinieri stehen vor dem Club „Lanterna Azzurra“ Bild: dpa

Italien trauert um die Opfer der Massenpanik in einer Diskothek. Nicht nur die Angehörigen erheben schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter des Konzertes. Innenminister Salvini spricht von „Boshaftigkeit, Dummheit oder Habgier“.

          Trauer und Zorn herrschten in Italien am Tag nach Mariä Empfängnis angesichts der Massenpanik in einer Diskothek nahe Ancona mit sechs Toten. Das katholische Hochfest „Imaculata Concezione“ (unbefleckte Empfängnis) am 8. Dezember ist in Italien ein gesetzlicher Feiertag, ein geistlicher Markstein im Advent, ein wichtiger Einkaufstag in der Vorweihnachtszeit dazu. Mariä Empfängnis 2018 aber wird den Italienern als Tag einer vermeidbaren, einer geradezu angekündigten Tragödie in Erinnerung bleiben.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Erste Erkenntnisse über die Ursache der Massenpanik im Club „Lanterna Azzurra“ (Blaue Laterne) in Corinaldo wurden schon am Samstag bekannt. Demnach war der Hauptsaal der Diskothek im bergigen Hinterland der Adria-Hafenstadt Ancona, in welchem der Auftritt des Mailänder Rappers Sfera Ebbasta geplant war, für 469 Personen zugelassen. Es waren aber 1350 Tickets gedruckt worden, zum Vorverkaufspreis von 20 Euro, an der Abendkasse waren 30 Euro fällig.

          Wie viele Tickets tatsächlich verkauft wurden und wie viele Menschen sich am späten Freitagabend tatsächlich in dem Club befanden, ist unklar. Die Veranstalter behaupten, es seien nicht mehr als 500 Besucher eingelassen worden. Daran haben die Ermittler, die noch am Samstag Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben, erhebliche Zweifel. Warum wurden überhaupt fast dreimal so viele Tickets gedruckt wie der Saal Menschen fasst?

          In ersten Berichten von der Unglücksnacht war die Rede von fast tausend meist sehr jungen Partygästen in dem völlig überfüllten Saal, als die Panik ausbrach. Diese brach nach Augenzeugenberichten kurz vor ein Uhr aus, nachdem ein Mann mit einem schwarzen Kapuzenpullover inmitten der Menge Pfefferspray oder Reizgas versprüht hatte. Die Umstehenden begannen zu husten, rieben sich die Augen, rangen nach Luft, versuchten ins Freie zu gelangen. Doch offenbar war mindestens ein Notausgang versperrt. Augenzeugen berichteten zudem, vor einem weiteren Notausgang seien sie von Türstehern aufgefordert worden, den Haupteingang zu nehmen. Die Menge geriet in Panik, schob sich zum Haupteingang.

          Auf einer engen Passarelle kam es zur Katastrophe

          Dort, auf einer engen Passarelle vor dem Eingang, kam es dann zur Katastrophe. Die Passarelle ist auf beiden Seiten von einem Geländer gesäumt, das von Kletterpflanzen bewachsen ist. Aus dem Inneren der „Lanterna Azzurra“ schoben immer mehr Leute nach und drängten die auf der Passarelle feststeckende Menge noch weiter zusammen. Schon zu diesem Zeitpunkt waren Menschen vor den Geländern eingequetscht, waren verletzt, riefen um Hilfe. Unklar ist, ob das breite Eingangstor zum Gelände, auf dem sich die Diskothek befindet, verschlossen war. Unklar ist auch, ob die Menschen von dem verschlossenen Tor aufgehalten wurden oder einfach nur warteten, um wieder in die Diskothek zu gelangen. Denn zum Zeitpunkt der Katastrophe hatte das Konzert noch gar nicht begonnen.

          Auf Handyvideos ist zu sehen, wie das Geländer rechts vom Eingang schließlich nachgibt. Dutzende stürzen von der schmalen Fußgängerbrücke. Die Passarelle hat eine Höhe von nur etwa anderthalb Metern. Doch sechs Menschen werden unter der Tonnenlast der Menschen über ihnen erdrückt. Es gibt fast hundert Verletzte. Sieben von ihnen sind so schwer verletzt, dass sie am Sonntag noch auf der Intensivstation der Klinik von Ancona liegen.

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