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Pamir-Katastrophe : Ein Leben für den Untergang

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Die Viermastbark Pamir unter Segeln Bild: Abbildung aus Dummer: "Pamir. Die Geschichte des Untergangs", Delius Klasing

Vor genau 50 Jahren ging das deutsche Segelschulschiff „Pamir“ unter. Nur sechs Besatzungsmitglieder überlebten die Katastrophe. Einer von ihnen war Karl-Otto Dummer, den der schicksalhafte Moment auf hoher See nicht loslässt. Alex Westhoff hat ihn besucht.

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          „Die Tür ist auf“, ruft Karl-Otto Dummer. Durch die schmale Küche geht es in die Wohnstube. Auf dem Weg fällt der Blick auf eine altersschwache Weltkarte. Unten, auf Höhe des Südpols, kleben Fotos von allen Schiffen, mit denen Dummer acht Jahre lang zur See gefahren ist. Alle seine Routen sind mit farbigen Heftzwecken und Garn nachgezeichnet. Seine Reisen auf der „Pamir“ erkennt man an den blauen Heftzwecken. An der Stelle ihres Untergangs ein roter Punkt, daneben steckt eine winzige Flagge mit dem Symbol der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

          Karl-Otto Dummers kleiner Mischlingshund schert sich nicht um die Bewachung des eingeschossigen Häuschens im Hinterhof mit der großen Schiffsglocke am Eingang: Er freut sich überschwenglich über jeden Besuch. Das kann man vom Hausherrn nicht gerade behaupten. Karl-Otto Dummer schaut erst auf, als der Gast schon in der Wohnstube steht. Mit einem Wink beordert der Vierundsiebzigjährige den Hund neben sich auf die Holzbank, die vor dem wackeligen Schreibtisch steht.

          Unglück in Deutschlands prosperierenden Zeiten

          Die prächtigen Apfelbäume vor dem Fenster hängen so voll, dass sie mit Holzlatten gestützt werden müssen. Mit den kräftigen Armen, dem weißen Bart und den weißen Haaren würde Dummer noch immer einen guten Seebären abgeben. Von dem Haus in Lütjenburg, einem kleinen Ort zwischen Lübeck und Kiel, sind es nur wenige Kilometer bis zur Ostseeküste.

          Die „Pamir” wurde Opfer der größten deutschen Schiffskatastrophe in der Nachkriegszeit
          Die „Pamir” wurde Opfer der größten deutschen Schiffskatastrophe in der Nachkriegszeit : Bild: dpa

          Gemeinsam mit fünf Kameraden überlebte Dummer, der in Pommern geboren wurde und damals Kochsmaat auf der „Pamir“ war, den Untergang des deutschen Segelschulschiffs am 21. September 1957, vor 50 Jahren. Achtzig Besatzungsmitglieder kamen um. Die meisten von ihnen waren Kadetten zwischen 16 und 20 Jahren, die Reise auf der Viermastbark von Hamburg nach Buenos Aires gehörte zur Ausbildung. Eine „nationale Katastrophe“ wurde der Untergang der „Pamir“ 1200 Kilometer südwestlich der Azoren im Hurrikan „Carrie“ genannt. Das Unglück traf Deutschland in prosperierenden Zeiten: Die Wirtschaft brummte, es herrschte fast Vollbeschäftigung, Adenauer („Keine Experimente!“) gewann die Bundestagswahl mit absoluter Mehrheit, und Deutschland war immer noch Fußball-Weltmeister.

          „Kann mich noch genau an die Turnschuhe erinnern“

          Zweieinhalb Tage lang trieben Dummer und die verbliebenen Kameraden im Rettungsboot auf dem Atlantik, bis sie von dem amerikanischen Frachter „Saxon“ aufgelesen wurden. „Ich kann mich noch genau an die Turnschuhe des dunkelhäutigen Mannes erinnern, der mich an Bord hievte“, sagt Dummer und stemmt sich von der Holzbank hoch. Sein Haus ist längst zu einem Archiv für „Pamir“-Angelegenheiten geworden. Aus jedem Schrank, jeder Schublade zieht er zielgenau die passenden Briefe, Dokumente, Recherche-Ergebnisse.

          Die Geschichte und das Schicksal dieses Schiffes, das im Jahr 1905 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel gelaufen war, sind sein Leben. Bis heute gibt der Untergang der „Pamir“, die 4000 Tonnen Gerste geladen hatte, noch viele Rätsel auf. Autoren, Filmemacher und Seefahrer betrieben Ursachenforschung. Doch die Fragen bleiben. Klar scheint nur, dass eine verhängnisvolle Mischung aus Fahrlässigkeit, Inkompetenz und technischen Mängeln zu dem Unglück führte.

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