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Ostseebesucher trotzen Badeverbot : „Die Leute sind über die Maßen ignorant“

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Strömung: Seit Samstag weht über den DLRG-Wachen die rote Flagge. Das ficht die meisten Gäste nicht an. Bild: dpa

Die Wellen sind kurz, aber sie haben viel Kraft: An der Ostsee schätzen viele Badende die Strömung falsch ein. Das hat mitunter tödliche Folgen.

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          Die Stimmung jedenfalls ist ungebrochen. Das Abendlicht hat die Menschen auf dem Marktplatz der Gemeinde Timmendorfer Strand weichgezeichnet. Eine Band spielt sich durch Evergreens von Scorpions bis Bryan Adams. Zwei Surfer tragen ihre salzverkrusteten Haare und Neoprenanzüge zur Schau. Alle zwei Meter steht eine Holzbank, leuchtend weiß wie die Leinenhosen der Senioren, die darauf Platz nehmen. Als der Sänger mit rauchverknarzter Stimme „What a wonderful world“ von Louis Armstrong anstimmt, singt der halbe Platz mit.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Aber auch in wundervollen Welten ereignen sich Tragödien. Gleich zwei Badegäste kamen hier in den vergangenen Tagen in der Ostsee ums Leben: Am Montag ertrank vor Timmendorfer Strand ein 62 Jahre alter Mann, am Dienstag ein 70 Jahre alter Mann vor Scharbeutz, einige Kilometer weiter nördlich. Insgesamt starben alleine am vergangenen Wochenende 18 Menschen bei Badeunfällen, sieben von ihnen an der Ostsee. Wie kam es zu einer solch hohen Zahl an Toten?

          „Das Wasser muss dringend wieder abfließen“

          Thoralf Kramer, Rettungsschwimmer bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), sagt: „Ich habe so etwas noch nie erlebt.“ Kramer, 48 Jahre alt und verantwortlich für den acht Kilometer langen Strandabschnitt von Niendorf bis zum Timmendorfer Strand, sitzt auf einer Bank hinter der DLRG-Hauptwache. Aus seinem sonnenverbrannten Gesicht blicken zwei gutmütige Augen, er trägt ein ausgeblichenes rotes T-Shirt und eine ausgeblichene rote Badehose, die Sonnenbrille scheint mit seinem Kopf zu verwachsen.

          Er meine nicht die Toten, sagt Kramer, die gebe es immer wieder. „Aber das Wetter ist schon extrem.“ Kramer zeigt aufs Wasser. Die Ostsee wirft ihre Wellen an den Strand, am Ufer hat sich eine feine Linie Gischt gebildet, als würde sie die Grenze zwischen Sicherheit und Gefahr markieren. „Das sind ja kleine, kurze Wellen, aber die haben soviel Kraft, soviel Druck. Und alle drei Sekunden kommt eine neue.“

          Seit Samstag vergangener Woche weht ein starker Nordostwind, direkt auf die Küste zu. Grund ist eine Omega-Wetterlage: Das Hoch Bertram, das an den deutschen Ostseeküsten für bestes Wetter sorgt, steckt zwischen zwei Tiefs fest und sorgt deshalb auch für konstante Windverhältnisse. Es herrscht starker, auflandiger Wind, der das Wasser in die Lübecker Bucht treibt. „Dieses Wasser muss irgendwann wieder abfließen“, sagt Ulf Gräwe, Physiker und Ozeanograph am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Unterhalb der Wellen bilde sich deshalb eine starke Unterströmung. „Die ist bei diesem Wetter extrem, weil der Wind ungestört von Finnland durchwehen kann, 800 bis 1000 Kilometer über die Ostsee.“

          Zwei Dinge, die an der Ostsee unüblich seien, kämen so zusammen: hoher Wellengang und eine starke Strömung. Daneben treten „Rip-Strömungen“ auf. Zwischen Sandbänken kann das Wasser besser abfließen, hier ist die Strömung deshalb noch stärker. Die Fließgeschwindigkeit beträgt zwischen 30 bis 50 Zentimeter pro Sekunde. „Dagegen kommt man nicht an“, sagt Gräwe. „Was gar nicht so schlimm ist, man müsste sich nur ein paar hundert Meter hinausziehen lassen, Kräfte sparen, und dann seitlich versetzt zurückschwimmen. Aber die Leute geraten in Panik und verausgaben sich.“

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