https://www.faz.net/-gum-7u2ya

Griechische Feuerwehr : Hier brennt nur die Kerze im Gebetshäuschen

  • -Aktualisiert am

Mit deutschem Wagen: Freiwillige Feuerwehr Agios Nikolaos Bild: Ariane Dreisbach

Die einzige Freiwillige Feuerwehr Griechenlands ist für jeden Waldbrand gewappnet – dank deutscher Hilfe. Doch am Ende kommt es mehr aufs Herzblut an als auf die Ausrüstung.

          4 Min.

          Das ist Jannis’ Wald. Er gehört nicht den Touristen, sondern ihm. Ioannis Martzivanos sagt es drei Mal, damit es auch klar ist. Die rechte Hand nimmt er vom Lenkrad und zeigt durch die staubige Windschutzscheibe auf die Pinien, seine Pefkos. Der 49 Jahre alte Lastwagenfahrer und Imker braucht keine zwei Hände, um den roten Pickup mit dem 700-Liter-Tank auf der Ladefläche über die zerfurchten Straßen die Berge von Sithonia hinaufzubringen.

          Martzivanos fährt Brandwache für die Freiwillige Feuerwehr Agios Nikolaos, kurz OPEAN, auf der mittleren Landzunge der Halbinsel Chalkidiki. Ein Landstück von einer Million Hektar, der größte Teil davon Wald. OPEAN wurde im August 2006 nach einem verheerenden Brand auf Kassandra, dem westlichsten Finger der Halbinsel, gegründet. Heute hat die Freiwillige Feuerwehr etwa 250 Mitglieder. Sich ehrenamtlich zu engagieren ist in Griechenland nicht so selbstverständlich wie in Deutschland. Es sind vor allem junge Leute bis 40 Jahre. Das Nesthäkchen ist 15 Jahre alt, der Dienstälteste 75. Frauen gibt es unter ihnen zwei Dutzend.

          OPEAN wird von der Gemeinde Agios Nikolaos finanziell unterstützt und von seinen Mitgliedern, die bis Saloniki verstreut sind. Der griechische Staat zahlt nichts. Die Feuerwehrleute sind Bauarbeiter, Ärzte oder Studenten, und die meisten sind, wenn nicht hauptberuflich, dann in ihrer Freizeit, Imker. Sie lieben die Tiere und ihren Wald, in dem Bienenkörbe wie bunte Bauklötzchen am Wegrand stehen.

          Bei OPEAN kommt es mehr aufs Herzblut an als auf die Ausrüstung. „Wenn es brennt, rennen wir auch nur in Hose, T-Shirt und Stiefeln los, um unseren Wald zu retten“, sagt Michalis Karaiannis. Der 26 Jahre alte Automechaniker trägt eine kurze Jogginghose, Flip-Flops, ein löcheriges Muskelshirt und ein Kreuz um den Hals. Man glaubt ihm aufs Wort.

          Zwei Löschflugzeuge für ganz Nordgriechenland

          Vor dem ersten Einsatz haben die Feuerwehrleute von OPEAN 105 Stunden Unterricht, theoretisch und praktisch, mit der staatlichen Feuerwehr und anderen Rettungsorganisationen. Wenn etwas passiert, sind sie nicht versichert. Bisher ist es immer gutgegangen. „Wir tun, was wir tun müssen. Wir sind starke Männer.“ Karaiannis füllt den Türrahmen der in leuchtendem Orange gestrichenen Feuerwache im Dorf Agios Nikolaos fast aus. „Wir essen auch immer unsere Teller leer“, sagt er, und die Männerrunde lacht.

          Seine Kollegen sitzen drinnen auf beigefarbenen Kunstledersofas. Die Glut ihrer Zigaretten hat die Farbe der OPEAN-Shirts, die staatliche Feuerwehr in Griechenland trägt Dunkelblau. Die Gespräche werden vom Knistern des Funkgerätes unterbrochen. OPEAN hat ein eigenes Funknetz und benutzt auch das der staatlichen Feuerwehr mit. Wer an diesem Tag keinen Dienst hat, ist nach der Arbeit auf einen Kaffee vorbeigekommen. Je nach Wetter haben bis zu 40 Leute Bereitschaft, ihre Ausrüstung liegt im Auto. Wenn es sein muss, sind sie in fünf Minuten startklar.

          „Wir Pirosvestiki sind ein Team“, sagt Martzivanos, als er zur Brandwache durch seinen Wald auf den Bergen Sithonias aufbricht. Von Juni bis September sind 24 Stunden am Tag OPEAN-Patrouillen unterwegs. Wenn es besonders heiß und trocken ist, werden die Waldwege gesperrt. Damit ist die zweithäufigste Brandursache, die Fahrlässigkeit der Leute, schon einmal ausgeschlossen. Die meisten Brände gehen auf Blitze zurück, da hat selbst OPEAN keinen Einfluss. Hinter Martzivanos’ Sitz rollen vier Helme mit Schutzbrille und Handschuhen herum, die Feuerwehrleute müssen ihre Schutzkleidung selbst bezahlen. Die Autofenster sind heruntergekurbelt, um die gnädige Kühle der Dämmerung hereinzulassen - und damit die Männer im Ernstfall das Feuer riechen können.

          Beim letzten großen Brand auf einem Campingplatz im Juni verbrannten 5.000 Hektar. Für ganz Nordgriechenland gibt es zwei Löschflugzeuge, die in Saloniki stationiert sind und mindestens eine Stunde bis nach Sithonia brauchen. Hubschrauber gibt es nicht. Während der Brandwache hat Martzivanos keine Augen für den Sonnenuntergang über dem Meer. Er schaut prüfend in das Dickicht an den Hängen. „Ich liebe den Wald“, sagt er. „Viele Familien hier leben von ihm, vom Honig.“

          Am häufigsten werden sie von deutschen Touristen gerufen

          Auch der Präsident von OPEAN, Athanasios Evangelinos, ist Imker. Seit der Gründung 2006 steht der 53 Jahre alte Mann, der auch Zimmer an Touristen vermietet, der Freiwilligen Feuerwehr Agios Nikolaos vor. Unter ihm ist OPEAN gewachsen, die erste und einzige Freiwillige Feuerwehr Griechenlands, die eine eigene Feuerwache und Notrufnummer hat, 250 Mann und zehn Autos. Sieben sind Einsatzfahrzeuge, drei bringen die übrigen Feuerwehrleute zum Brand. Für schmale Gassen gibt es kleine Autos. Drei große Fahrzeuge kommen aus Deutschland. Ein Löschgruppenfahrzeug, ein Tragkraftspritzenfahrzeug und eines zum Transportieren der Ausrüstung. Die Schenkungsurkunden der Freiwilligen Feuerwehren St. Augustin und Siegburg hängen gleich neben den Ikonen der Muttergottes und des Propheten Elias im Büro.

          Die deutschen Autos sind das Glück und der Stolz der griechischen Feuerwehrleute, damit sind sie der staatlichen Feuerwehr, die 25 Kilometer über eine holperige Landstraße entfernt in Neos Marmaras sitzt, weit voraus. Zu verdanken haben die Pirosvestiki das einem deutschen Feuerwehrmann aus Sankt Augustin, der in Agios Nikolaos wohnt. Er hat ihnen 2008 das erste Auto gebracht, das letzte haben sie im November aus Siegburg geholt. Es sind die größten Autos, die unter den armeegrünen Sonnensegeln stehen, und die einzigen mit Blaulichtern. (Die der griechischen Einsatzwagen sind rot.) Die Pumpen, Schläuche und Atemschutzgeräte sind noch deutsch beschriftet, die 112 ist schon von weitem zu lesen. Oft rücken aber nur die kleinen Autos aus: „Am häufigsten werden wir gerufen, weil sich mal wieder deutsche Touristen beim Wandern verirrt haben“, sagt Evangelinos lachend.

          Um halb neun, als die Sonne verschwunden ist, legt Martzivanos seine Sonnenbrille ab. Eingehüllt in eine Staubwolke, holpert er mit dem Pick-up die Schotterpiste zum Meer hinab. Auf der Landstraße nach Agios Nikolaos wird der Geruch von Wald und Salzwasser von Frittierfett und Grillfeuer überdeckt. An den Häusern sind die Neonröhren der Tavernen und die Leuchtreklamen der Fremdenzimmer angegangen. Im Radio singt ein Sänger über Agapi, die Liebe, als Martzivanos auf den Parkplatz der Feuerwache rollt. Seinen Pinien geht es gut. Das Einzige, was an diesem Abend brennt, ist die Kerze im Gebetshäuschen vor der Wache.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.