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Hitzerekord über Weihnachten : Ein Kontinent versinkt im Rauch

Ein Feuerwehrfahrzeug steht südwestlich von Sydney bei einem Buschbrand neben Bäumen, die Feuer gefangen haben. Bild: dpa

Verheerende Buschfeuer bedrängen Australiens Metropole. Sie machen die Versäumnisse der Regierung im Klimaschutz offenkundig. Doch für den urlaubenden Ministerpräsidenten Morrison ist das kein nationales Problem.

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          Steve hat in diesem Jahr früher Ferien. „In dieser Luft kann ich keinen meiner Leute draußen arbeiten lassen“, sagt der Chef von Poolwerx in Canberra. Eigentlich herrscht vor den Weihnachtsferien Hochkonjunktur für die Firma, die Geld damit macht, private Schwimmbäder in der Hauptstadt zu säubern. Nun aber hängt seit Wochen der Rauch der Buschbrände über Sydney, Canberra und weiten Teilen der Ostküste. Der Luftindex ist noch wesentlich schlechter als derjenige Delhis, der eigentlich am schlimmsten verpesteten Metropole der Welt. Sydneys architektonische Ikonen, die Brücke und das Opernhaus, versinken im Rauch, und der Fährverkehr in der Bucht musste unterbrochen werden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Nun hat die Ministerpräsidentin von New South Wales, Gladys Berejiklian, zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen für die nächsten sieben Tage den Notstand ausgerufen. In Wollondilly am Rande Sydneys mussten die Menschen Schutz in der Bücherei und im Evakuierungszentrum im Bowling-Club suchen, während ihre Häuser vier Tage vor Weihnachten abbrannten.

          Ministerpräsidentin Berejiklian spricht von einem heraufziehenden „Horror-Sommer“. Hitze wie in Dubai und Sturmwinde wie am Kap Horn bilden besonders dann eine tödliche Melange, wenn das Gras so trocken ist wie Zündwolle. Am Donnerstagabend rollte bei starkem Sturm gegen sieben Uhr abends eine Rauchwolke über Canberra, die den Himmel in Minuten verdunkelte. Die Temperatur stürzte von mehr als 40 auf nur noch 28 Grad. Die Berge, das Parlamentsgebäude, die Türme der Stadt versanken in apokalyptischem Rauch, der im Rachen schmerzt. Menschen strömten in die Lokale, denn die Luft stank nach Brand und Asche.

          Das Schlimmste kommt erst noch

          Den ganzen australischen Winter über hat es viel zu wenig geregnet. In der Dürre mussten Bauern ihre Tiere schlachten, die Lebensmittelkonzerne sammelten Milchgeld, um kleinen Farmern zu helfen. Auf die Dürre folgen nun die Brände. Bislang fiel ein Gebiet von rund drei Millionen Hektar – das ist die Fläche Belgiens – dem Inferno zum Opfer. Am Donnerstag schufteten mehr als 2500 Feuerwehrleute in schweren Sicherheitsanzügen bei sengender Hitze. Sie legten Brandschneisen, um Feuerwalzen aufzuhalten, die es so noch nicht gab. Die Männer und Frauen, oft gut trainierte Freiwillige, sind erschöpft.

          Doch es brennt immer weiter: New South Wales mit seiner Hauptstadt Sydney meldete 106Buschfeuer, 56 wüten uneingeschränkt, vier gelten als besonders bedrohlich. Am Donnerstagmittag wurden in Sydneys Finanzdistrikt 42 Grad gemessen. Es war der heißeste Tag seit Menschengedenken in Australien, in einigen Landesteilen stieg die Temperatur auf mehr als 45 Grad. In Eucla in Westaustralien erreichte sie den Rekordwert von 49,8 Grad, was den bisher wärmsten Tag im Dezember 1972 übertraf.

          Inzwischen sind mehr als 800 Häuser abgebrannt, sechs Personen kamen ums Leben. Am Donnerstag mussten zunächst drei Feuerwehrleute mit schweren Verbrennungen in Krankenhäuser geflogen werden – die schon mit Personen mit Atembeschwerden überfüllt sind. Rauchmelder springen allerorten in der dicken Luft an und setzen die Wehren damit zusätzlich unter Druck. Nachdem die Vorrennen zur traditionellen Sydney-Hobart-Regatta wegen der Rauchschwaden erstmals in der Geschichte hatten ausfallen müssen, stehen nun hinter dem großen Sportereignis am Zweiten Weihnachtstag und dem berühmten Feuerwerk in der Silvester-Nacht Fragezeichen. Welchen Schaden der Tourismus in der Hochsaison erleiden wird, ist noch offen.

          Denn das schlimmste droht erst noch. Über das Weihnachtswochenende sollen die Temperaturen bei weiterhin starken Winden noch einmal steigen. Noch seien die Zustände nicht „katastrophal“, sagte Berejiklian. Dies entspräche offiziell der höchsten Feuerwarnstufe. Aber sie bremste all jene, die sich auf Weihnachten am Schwimmbad freuen: „Bereiten Sie sich darauf vor, dass Sie ihre Pläne unter Umständen schnell werden ändern müssen.“

          Rosa Wolken in Neuseeland

          Auch Malcolm Turnbull, bis zum vergangenen Jahr Ministerpräsident Australiens, teilte nun mit, dass der Klimawandel mit Trockenheit und Hitzewellen die Brände im Osten Australiens verschlimmert habe. „Als Konsequenz des Klimawandels sehen wir mehr und heißere Feuer“, sagte Turnbull. Mit Blick auf seine eigene Partei, die ihn aus dem Amt gefegt hatte, die Regierung aber unter Turnbulls vorherigem Schatzkanzler Scott Morrison von der Liberal Party fortsetzte, fügte der ehemalige Regierungschef hinzu: „Die Koalition hat ein fundamentales Problem mit dem Klimawandel, weil es in der Liberalen und der Nationalen Partei eine Gruppe gibt, die seine Existenz leugnet.“

          Nachdem Canberra den Klimagipfel der Vereinten Nationen im September schwänzte und den Green Climate Fund verlassen hat, bestimmte eine Gruppe von Nicht-Regierungsorganisationen Australien vor wenigen Tagen zum Land mit der schlimmsten Klimapolitik unter 57 Staaten – es übe zudem eine „rückschrittliche Wirkung“ auf andere Länder aus. Morrison aber hält die Studie zum Klimawandel für Unfug. Klimaaktivisten, die das öffentliche Leben beeinträchtigten, werde er mit aller Härte verfolgen. Zuletzt trat Innenminister Peter Dutton mit dem Vorschlag auf, ihnen die Sozialhilfe zu entziehen.

          Dabei ist der Blick auf die Handy-App, die die Brandherde abbildet, in Sydney, Canberra und den Orten drumherum Routine am Morgen wie am Abend. Straßen sind wegen der hohen Geschwindigkeit der Feuer gesperrt, der Sportunterricht unter freiem Himmel ist wegen der verpesteten Luft gestrichen. Immer mehr Menschen haben einen Notfallrucksack gepackt, mit Pass, Kreditkarte, Wasser und Medikamenten.

          Auf Partys wird abends beim Chardonnay über das Notschlachten von Rindern gesprochen, für die Futter oder Wasser nicht mehr reichen, oder über die jüngsten Stellungnahmen von Wissenschaftlern. Es kursieren Fotos der Gletscher auf der Südinsel Neuseelands – die Asche aus Australien taucht sie in unwirkliches Rosa. Das wiederum, so warnen Forscher, nehme ihnen die Kraft, die Sonneneinstrahlung abzuwehren – sie würden aufgrund der Feuer auf der anderen Seite der Tasman-Straße schneller schmelzen.

          Die Regierung sträubt sich noch

          Gleichzeitig warnen Wissenschaftler in Sydney vor katastrophalen Feuerstürmen, die Deutsche an die Brände nach den Bombenangriffen auf Hamburg oder Dresden im Zweiten Weltkrieg erinnern würden. Solche Feuertornados seien so groß und unbeherrschbar, dass sie auf engem Raum ihr eigenes Wettersystem schafften, heißt es beim Forschungszentrum für den Klimawandel in New South Wales. Die Feuerhölle ziehe heiße Luft aus ein bis zwei Kilometer Höhe an, um sich selbst anzufachen. Funken könnten so Dutzende von Kilometern transportiert werden und immer neue Brandherde in dem vertrockneten Land entzünden. Bislang sei es dazu nur während des „schwarzen Samstags“ gekommen, als 2009 mehr als 170 Personen im Feuer ihr Leben ließen. Von 2060 an, so die Forscher, würden solche tödlichen Phänomene besonders Canberra und das Buschland um die Wirtschaftshauptstadt Melbourne bedrohen.

          Ob die Regierung sich ihre Haltung in der jetzigen Katastrophenstimmung noch lange wird leisten können, ist offen. Energieminister Angus Taylor kämpft darum, die Lebensdauer veralteter Kohlekraftwerke zu verlängern. Die Politiker sitzen gleich doppelt in der Klemme: Zum einen hat ausgerechnet das mit Bodenschätzen gesegnete Land es versäumt, sich selbst genug Rohstoffe zu sichern. Kraftwerke und Stromnetze sind veraltet, die Menschen murren über den steigenden Strompreis. Schon Turnbull hatte 2018 den „nationalen Energienotstand“ ausgerufen. Da in der Hitze die veralteten Kraftwerke nun noch mehr Kühlung brauchen und die Menschen zudem rund um die Uhr ihre Klimaanlagen laufen lassen, drohen am Wochenende die Lichter auszugehen. Zum anderen prallen diejenigen, die von den Bodenschätzen gut leben, und jene, die die anderen für den Klimawandel verantwortlich machen, aufeinander wie nie zuvor. Brände und Klimadebatte haben den Fünften Kontinent tief gespalten.

          Berejiklians Warnung heizte die Lage am Donnerstag im Wortsinn auf. Sie ist eine Parteifreundin von Ministerpräsident Morrison. Der aber tut sich schwer, die Feuer als nationales Problem zu betrachten. Im Gegenteil: Ausgerechnet jetzt ist er in den Urlaub geflogen, nach Hawaii, wie es heißt. Zunächst beschwerten sich Zeitungen, dass sie vom Büro des Ministerpräsidenten angehalten seien, seinen Urlaub in den feurigen Zeiten zu verschweigen. Inzwischen nehmen ihm selbst Parteifreunde seine offensichtliche Ignoranz übel. Denn sie fürchten, an der Basis Stimmen zu verlieren. Gespräche mit den Bürgern schrecken die Politiker auf, aber auch der Blick in den Suchdienst Google: War das Wort „Sex“ im Jahr 2004 noch wesentlich häufiger als das Wort „Wetter“ in die Suchmaske getippt worden, hat sich der Wert inzwischen mehr als verkehrt. In Australien werde derzeit, so meldet der Dienst, „Wetter“ siebenmal so oft gesucht wie „Sex“. In der Regierungsmetropole Canberra übertraf die Frage nach dem Wetter die nach „Sex“ gleich neunmal.

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