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New Orleans : „The Big Easy“ sucht die Gelassenheit

  • Aktualisiert am

Streit in New Orleans: Sind Schwarze noch willkommen? Bild: AP

Hurrikan „Katrina“ hat viel mehr zerstört als nur Stadtteile von New Orleans. Die große Gelassenheit hat „The Big Easy“ vorerst verloren. Immerhin: Die Universität ist wieder eröffnet, Mardi Gras soll stattfinden. Vielen Betroffenen aber steht der Sinn nicht nach Karneval.

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          New Orleans feiert wieder Mardi Gras, seinen weltberühmten Karneval - trotz des Hurrikans „Katrina“, trotz anhaltenden Elends, bitterer Kontroversen, einer neu aufflammenden Debatte über Arm oder Reich, Schwarz oder Weiß. „The Show must go on“, befinden die Stadtoberen, auch wenn erst ein Viertel der Bevölkerung in die im August 2005 durch den Hurrikan überflutete Jazzmetropole zurückgekehrt ist.

          Immer noch liegen Tausende zerstörte Häuser in Trümmern, in Teilen der Stadt riecht es nach Fäulnis und Schimmel, und mit der Stromversorgung hapert es. Präsident George W. Bush ist dennoch beeindruckt von den Fortschritten beim Aufbau der Stadt. „Der Unterschied zwischen meinem letzten Besuch und dem heutigen ist ziemlich dramatisch“, sagte Bush am Donnerstag bei einem Treffen mit Bürgermeister Ray Nagin. 1,4 Milliarden Dollar soll der Kongreß nach dem Willen Bushs für den Bau verbesserter Dämme bereitstellen, die die in einer Mulde liegende Stadt auch beim nächsten Katastrophen-Hurrikan trocken halten. Ermutigend ist auch, daß die Tulane University wieder ihren Betrieb aufgenommen hat. Doch viele Menschen stehen immer noch vor dem Nichts, ihre Wohnungen sind zerstört, und wie sie wieder aufgebaut werden könnten, ist vor allem in den ärmeren Vierteln unklar.

          Verzicht auf Mardi Gras wäre Kapitulation

          Aber Mardi Gras ausfallen zu lassen, und das auch noch ausgerechnet im 150. Karneval-Jubiläumsjahr - „das wäre wie eine Kapitulation, ein Zeichen, daß wir uns aufgegeben haben“, gab Bürgermeister Ray Nagin die Losung aus. Und so schnitt er denn kürzlich tapfer lächelnd den mit Zucker in den Mardi-Gras-Farben Purpur, Grün und Gold verzierten Riesenkuchen an, eine Zeremonie, die traditionell die - von Woche zu Woche immer turbulenter werdende - Saison der Umzüge, Paraden und Festbälle einläutet. Höhepunkt ist dann der 28. Februar, der „fette Dienstag“ (auf Französisch „Mardi Gras“), der Tag vor Aschermittwoch, an dem ja bekanntlich alles vorbei ist.

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          Nicht so in New Orleans, hoffen Nagin und andere, die trotz wütender Proteste von Hurrikan-Opfern am diesjährigen Karneval festgehalten haben. Sie wollen nicht nur signalisieren, daß diese Stadt sich nicht unterkriegen läßt, sondern versprechen sich auch klingende Münze durch die Mardi-Gras-Besucher und damit eine Vitaminspritze für die finanziell am Boden liegende Metropole. Hunderttausende Touristen hat es bisher alljährlich zum Karneval in die Stadt gezogen, fast eine Milliarde Dollar wurde dadurch jedes Mal in die örtliche Wirtschaft gepumpt.

          Neuaufbau statt Karneval

          Wie viele Gäste im Laufe der nächsten Wochen kommen, weiß man noch nicht genau, aber es werden mit Sicherheit deutlich weniger sein als in anderen Jahren. Denn viele haben ganz einfach keine Lust zum Feiern auf Ruinen. So wird Mardi Gras auch organisatorisch diesmal kleiner ausfallen. Nur acht große Paraden soll es geben - mehr nur dann, wenn sich kommerzielle Sponsoren finden, die für anfallende Überstunden von Polizei und Straßenreinigern aufkommen. Für Hotelzimmer, so verspricht die Tourismusbehörde, wird in jedem Fall gesorgt sein. Bis Februar sollen 25.000 zur Verfügung stehen. Vor „Katrina“ waren es 35.000.

          Aber auch ein Karneval im kleineren Format stößt bei vielen Einheimischen auf Unverständnis. Vor allem Einwohner, die immer noch weit entfernt von daheim untergebracht sind, sehen überhaupt keinen Grund zum Feiern und haben Nagin bedeutet, daß er sich besser auf den Wiederaufbau konzentrieren solle. Bisher allerdings nicht offiziell bestätigte Berichte, nach denen möglicherweise Tausende in Hotels in New Orleans untergebrachte Hurrikan-Opfer ihre Betten für närrische Touristen räumen sollen, haben den Kritikern noch Wasser auf die Mühlen gegeben. Auch die Schwarzenorganisation NAACP in Louisiana hält es für ein falsches Signal „zu feiern, wenn viele Leute noch nicht einmal nach Hause zurückkehren können“.

          Soll New Orleans weiß werden?

          Dabei spricht aus den Worten der Kritiker mehr als nur Verbitterung über ihrer Ansicht nach falsch gesetzte Prioritäten. Im Zuge des Tauziehens um den Wiederaufbau der Stadt ist eine neue
          Rassismus-Debatte entbrannt. Nach einem jüngsten von einer Kommission vorgelegten Plan sollen in den besonders wenig geschützten und folglich besonders schwer von „Katrina“ verwüsteten Gebieten zumindest vorerst keine Häuser neu errichtet und vielleicht ganze Stadtviertel aufgegeben werden. Das sind aber genau jene ärmeren Regionen, in denen hauptsächlich Schwarze wohnten. Sie befürchten jetzt, daß man sie ausgrenzen will, daß New Orleans ganz den Weißen gehören soll. Wie hoch die Emotionen kochen, spiegelte sich erst am
          Mittwoch in Tumulten bei einer Bürgerversammlung wider.

          Aber Nagin und andere Befürworter glauben, dass derartige Kontroversen noch ein Grund mehr sind, sich Mardi Gras hinzugeben. Der Karneval sei nötig für die Psyche der Menschen, argumentieren sie, „wie eine Art Gruppentherapie“.

          Tulane Universität wieder eröffnet

          Mehr als eine solche Therapie machen jedoch Fortschritte Mut. Der Rektor von New Orleans' Universität Tulane hatte vor viereinhalb Monaten einen Aufruf zur Evakuierung verlesen müssen statt die neuen Studenten zu begrüßen. Nun hat er seinen Humor wiedergefunden. „Wie ich schon sagte, ehe 'Katrina' mich unterbrochen hat“, leitete er gutgelaunt seine Ansprache an die Erstsemester ein.

          Die Wiedereröffnung der Tulane ist nicht nur ein symbolischer Fortschritt: Die Hochschule ist der wichtigste private Arbeitgeber in New Orleans, und mit der Rückkehr der Studenten wächst die Bevölkerung mit einem Schlag um mehrere tausend Personen an.

          Obwohl der Campus von Tulane äußerlich weitgehend wieder hergestellt ist, hat die Universität durch den Hurrikan doch erheblichen Schaden genommen: Um die von „Katrina“ verursachten Verluste von rund 100 Millionen Dollar (80 Millionen Euro) auszugleichen, strich Rektor Cowen zahlreiche Master-Studiengänge und Promotionsstellen. Rund 230 Lehrkräfte wurden entlassen. Auch die haben wohl keine große Lust, Karneval zu feiern.

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