https://www.faz.net/-gum-a1zhn

Neue Brücke in Genua eröffnet : Solider Neuanfang auf 18 Pfeilern

  • Aktualisiert am

Künftig wird die neue Brücke bei Nacht von 43 Scheinwerfern beleuchtet: Jedes Licht soll an eines der 43 Opfer erinnern. Bild: EPA

1067 Meter Brücke in nur 310 Arbeitstagen: Knapp zwei Jahre nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua, bei der 43 Menschen ihr Leben ließen, ist die neue Konstruktion feierlich eingeweiht worden.

          2 Min.

          Wie gut, dass die neue Autobahnbrücke von Genua ihren ersten Belastungstest schon am 23. Juli bestanden hatte: 56 Lastwagen mit fast 2500 Tonnen Gewicht hatten die Statik der 1067 Meter langen Konstruktion, entworfen vom Genueser Architekten Renzo Piano, erfolgreich auf die Probe gestellt. Am Montagabend hat Italiens Staatsspitze knapp zwei Jahre nach dem tödlichen Brückeneinsturz von Genua den fertigen Neubau gefeiert. Für den Festakt hatten sich die Ehrengäste auf der Fahrbahn hoch über der ligurischen Hafenstadt versammelt.

          Schon vorher würdigten Politiker das Bauwerk als Signal für den Aufbruch des Landes, das von der Corona-Krise schwer gezeichnet ist. „Aus einer Wunde, die nach wie vor nur schwer heilt, erhebt sich das Symbol eines neuen Italiens“, schrieb Ministerpräsident Giuseppe Conte auf Facebook. Der Premier sowie Staatspräsident Sergio Mattarella, mehrere Minister aus Rom und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens waren anwesend. Regen und Sonnenschein wechselten sich kurz vor Beginn der Feier ab. Außerdem war zeitweise ein Regenbogen am grauen Himmel zu sehen.

          310 Arbeitstagen bis zur Fertigstellung

          Hätten auch Metaphern der Wiedergeburt und der Zukunftshoffnung ein messbares Gewicht, der Stresstest bei der Einweihungszeremonie am Montagabend wäre noch härter ausgefallen. Alles spricht dafür, dass die neue Sankt-Georgs-Brücke über den Fluss Polcevera, die aus 50 bis 100 Meter langen Stahlträgern besteht, die auf 18 bis 45 Meter hohen Betonpfeilern ruhen, auch unter den überzogenen Erwartungen nicht ins Wanken gerät. Nachts wird die Brücke von 43 Scheinwerfern beleuchtet. Jedes Licht soll an eines der 43 Opfer erinnern, die beim Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018 ihr Leben verloren hatten.

          Ein gutes Zeichen? Ein Regenbogen spannt sich am Eröffnungstag über die vom italienischen Architekten Piano entworfenen Brücke San Giorgio. Bilderstrecke
          Neue Brücke in Genua gefeiert : Ein Symbol für Italiens Wiedergeburt

          Die Eröffnung der neuen Brücke ist ein wichtiger Schritt für die vom permanenten Verkehrskollaps bedrohte Hafenstadt auf dem Weg zu weniger chaotischen Verhältnissen. Für die buchstäblich zwischen dem Meer und den Bergen eingekeilte Stadt bedeutete die Durchtrennung ihrer wichtigsten Verkehrsader Verluste von rund sechs Millionen Euro täglich. So hat es Bürgermeister Mario Bucci errechnet.

          Die Regierung in Rom ernannte ihn zum Kommissar für den Brückenneubau, und nur dank seiner Sondervollmachten konnte sich der einstige Manager eines Pharmaunternehmens beherzt durch das Gestrüpp der italienischen Bürokratie schlagen. In genau 310 Arbeitstagen, an denen rund um die Uhr gearbeitet wurde, konnte das 202 Millionen Euro teure Bauwerk fertiggestellt werden. Nur an Weihnachten ruhten die Arbeiten. Gewöhnlich dauert es in Italien 16 Jahre, bis Projekte mit einer Bausumme von mehr als 100 Millionen Euro realisiert werden.

          „Es muss einen Prozess geben“

          Die neue Brücke ist nur ein Element bei dem Mammutvorhaben, die Infrastruktur der ligurischen Hauptstadt für die Zukunft zu rüsten. Weil bei Inspektionen der Tunnel und Brücken der Zufahrtstraßen Genuas zahlreiche Mängel festgestellt worden waren, wird seit zwei Jahren allenthalben repariert und saniert. Das Ergebnis sind kilometerlange Staus und stundenlange Zeitverluste im Personen- und Güterverkehr. Eine große Umgehungsstraße zur Entlastung des innerstädtischen Verkehrs ist seit Jahrzehnten in Planung, und sie wird seit Jahrzehnten von jenen politischen Kräften verhindert, die jetzt den Neubau der Polcevera-Brücke bejubeln und die Wiederverstaatlichung der vor zwei Jahrzehnten privatisierten italienischen Autobahnen vorantreiben.

          „Wir hoffen, dass auch nach diesem Tag das Andenken an die Opfer nicht vergessen wird“, hatte Egle Possetti vom Angehörigen-Komitee am Montag im Fernsehsender Sky TG24 gesagt. „Es muss einen Prozess geben.“ Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen der Schuld am Brückeneinsturz und möglicher Wartungsmängel laufen noch. Unterhalb der Brücke wird noch gebaut. Ein vom Mailänder Architekten Stefano Boeri entworfener Park soll zur zentralen Gedenkstätte für die Opfer der Tragödie werden. Die Hinterbliebenen blieben der Eröffnungszeremonie am Montag fern. Anders als für die eingestürzte Morandi-Brücke gab es für ihren Verlust keinen Ersatz.

          Topmeldungen

          Einen Schritt weiter: Der britische Premierminister Boris Johnson konnte sich mit den Rebellen einigen.

          Britisches Binnenmarktgesetz : Die EU bleibt hart

          Das britische Parlament hat beim umstrittenen Nordirland-Protokoll nun das letzte Wort. Die EU bleibt derweil hart – immerhin gab es wohl Fortschritte bei der jüngsten Verhandlungsrunde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.