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Nationalmuseum in Rio : Geschichte in Flammen

Feuersbrunst: Anwohner beobachten, wie das Nationalmuseum in Rio de Janeiro niederbrennt. Bild: AFP

Ein Großbrand hat Brasiliens historisches Nationalmuseum zerstört – inklusive einer Sammlung von unschätzbarem Wert. Die Tragödie ist das Resultat jahrelanger Vernachlässigung.

          2 Min.

          Große Teile des 200 Jahre alten Nationalmuseums und seines Archivs in Rio de Janeiro sind am Sonntag durch ein Feuer zerstört worden. Sechs Stunden benötigten die rund 80 Feuerwehrleute, um den Großbrand unter Kontrolle zu bringen. Die Brandursache ist unklar. Opfer gab es keine. Der Sachschaden ist noch nicht bekannt, doch er lässt sich ohnehin nicht in Zahlen ausdrücken.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Sammlung des Nationalmuseums, das in dem Park Quinta da Boa Vista im Stadtteil São Cristóvão steht, umfasste mehr als 20 Millionen Objekte von unschätzbarem Wert. Zu ihnen zählten unter anderem der größte je in Brasilien entdeckte Meteorit, der älteste menschliche Schädel Amerikas (12000 Jahre alt), das erste komplette Dinosaurier-Fossil Brasiliens, eine Sammlung griechischer und etruskischer Vasen und ägyptischer Mumien, unzählige indigene Kunst- und Alltagsgegenstände, eine Vielzahl an botanischen und zoologischen Referenzobjekten sowie eine wertvolle wissenschaftliche Bibliothek. Das meiste davon dürfte zerstört worden sein. Lediglich ein Teil des Archivs, der sich in einem Nebengebäude befindet, blieb von den Flammen verschont.

          Die Tragik liegt nicht nur im unwiderruflichen Verlust der einmaligen Sammlung, sondern auch in der Tatsache, dass überhaupt ein Brand ausbrechen und derartigen Schaden anrichten konnte. Das Gebäude, in dessen Räumlichkeiten einst die brasilianische Königsfamilie wohnte und in dem die verfassungsgebende Versammlung 1890 und 1891 tagte, verfügte weder über Sprinkleranlagen, noch über Feuerlöscher. Auch die Hydranten in unmittelbarer Nähe des Museums sollen nach Angaben der Feuerwehr nicht funktionstüchtig gewesen sein. All das passte zum schlechten Zustand des Museums, an dessen Wänden der Verputz bröckelte und elektrische Leitungen frei lagen. Zehn der 30Ausstellungsräume waren zuletzt geschlossen, wegen Termitenbefalls auch jener mit dem Dinosaurier-Fossil.

          Das Museum, das von der Bundesuniversität von Rio de Janeiro geleitet wird, hatte zu einer Spendensammlung aufgerufen, um den Raum restaurieren zu können und wieder für Besucher zugänglich zu machen. Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums in diesem Jahr hatte das Museum zudem einen Vertrag mit der brasilianischen Entwicklungsbank unterzeichnet, um fünf Ausstellungsräume sanieren zu können.

          Die Tragödie hat in Brasilien deshalb Schock und Trauer ausgelöst – aber auch Wut. Seit Jahren wurde das Nationalmuseum vernachlässigt. Sein Zustand sprach für sich. Erst im Mai hatte der Direktor des Museums in einem Interview gesagt, dass Investitionen von rund 65 Millionen Euro über zehn Jahre nötig wären, um das Museum komplett instand setzen zu können. Die Sanierung war über Jahre nicht nur verschleppt worden. Die Mittel für den Unterhalt des Museums waren auch seit 2013 stetig gekürzt worden. Im vergangenen Jahr betrug das Budget weniger als 100.000 Euro. Investitionen in eine Modernisierung des Museums, um dessen Attraktivität zu steigern, waren unter diesen Bedingungen unmöglich, was sich auch in einem Rückgang der Besucherzahlen niederschlug. In der Hauptstadt Brasília verhallten alle Hilferufe der Museumsleitung. Der letzte Präsident, der dem Nationalmuseum einen Besuch abgestattet hatte, war Juscelino Kubitschek in den fünfziger Jahren. Selbst Kulturminister Marcelo Calero gestand nun ein, dass der Brand das Resultat der Vernachlässigung sei.

          Der Blick in ein Fenster zeigt das Ausmaß der Zerstörung.
          Der Blick in ein Fenster zeigt das Ausmaß der Zerstörung. : Bild: EPA

          Das Nationalmuseum in Rio war bezeichnenderweise nicht das erste Museum in Brasilien, das in jüngerer Vergangenheit in Flammen stand: Ende 2015 brannte in São Paulo das Museum der Portugiesischen Sprache teilweise ab, wenige Monate später war die „Cinemateca Brasilieira“ betroffen, eines der größten Filmarchive Lateinamerikas, das sich ebenfalls in São Paulo befindet.

          Der Brand des Nationalmuseums steht in den Augen vieler Brasilianer symbolisch für eine Politik, in der Bildung, Wissenschaft und Kultur keinen großen Stellenwert haben, und für ein Land, das seine Geschichte und sein Geschichtsbewusstsein verwahrlosen lässt.

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